In Sachen Weltuntergang II

Manchmal wüsste ich gar nicht, dass überhaupt Wochenende ist, wenn mich nicht ab und an versicherungspflichtig beschäftigte Freunde oder Bekannte anrufen würden, um mich zu fragen, ob ich etwas mit ihnen unternehmen möchte.

Diesmal war es mein alter Freund Peter Miese. Er lud mich auf seine Datsche im Berliner Umland ein. Nach seinem letzten Anruf, bei dem er mich vor dem bevorstehenden Weltuntergang warnte, befürchtete ich im Falle einer Absage das Schlimmste.

Bei Peter habe ich des Öfteren die Befürchtung, dass er sich aufgrund des Zustandes der Welt im Allgemeinen und seiner Stellung in selbiger im Besonderen mal etwas antun könnte. Ich muss dabei immer an meinen Namensvetter Steiner in Fellinis La dolce vita denken. Sie wissen schon, dieser feine, ernste, sensible und für eben jenes süße Leben viel zu kluge Mensch, der am Ende seine Kinder und sich selbst ins Jenseits befördert. Und vorher dem Herumtreiber Marcello ins Gewissen redet, mit seinem Talent doch etwas Vernünftiges anzufangen, statt sich im römischen Nachtleben herumzutreiben und sich von den Signoras ein ums andere Mal eine Nase drehen zu lassen.

Unser Verhältnis ist ähnlich. Nur dass das Leben in unserem Fall den Namen Steiner eben mir, dem charmanten Nichtsnutz und Tagedieb, zugeteilt hat, während Peters Name nun mal leider Programm ist.

Akute Gefahr für Peters Kinder bestand allerdings nicht, denn erstens würde er so etwas nie tun – wir sind hier immer noch in Berlin und nicht in Cinecitta – und zweitens hat Peter keine Kinder. Dafür aber eine kluge, lustige und schöne Frau namens Laeticia, die witzigerweise eine Italienerin ist. Derzeit weilt sie tatsächlich in Rom, wo ihr Großvater zum siebten Mal im Sterben liegt. Er sieht die Familie halt gern.

Ich machte mir also mal wieder Sorgen um Peter, denn wenn Laeticia nicht da ist, geht es seelisch bei ihm immer ziemlich drunter und drüber. Beweis: sein hysterischer Anruf neulich.

Also fuhr ich hin, zur Abwechslung mal mit der S-Bahn. Hin und wieder nutze ich die Öffis, um den Kontakt zum kleinen Mann, seiner Frau und ihren Kindern nicht zu verlieren. Denn im Grunde, das wissen alle, die mich etwas näher kennen, bin ich ein Mann des Volkes.

Ich zuckelte also am Samstag hinaus ins verhalten Grüne, wurde von Peter am Bahnhof abgeholt – er fährt einen fast zwanzig Jahre alten Alfa – und war zunächst erstmal beruhigt. Er wirkte gefasst und war für seine Verhältnisse guter Dinge. Er erwähnte unser Weltuntergangstelefonat mit keinem Wort, fragte stattdessen, wie eigentlich immer, was ich so machte und nickte – ebenfalls wie immer – wissend, als ich ihm wahrheitsgemäß mitteilte, dass ich eigentlich nie etwas mache.

„Und du?“ fragte ich zurück und erwartete, einmal mehr Einzelheiten über das neueste Jahrhundertwerk zu hören, an dem er gerade mal wieder arbeitet.

Doch Peter überraschte mich. „Bei mir ist auch nichts los. Ich vermisse Laeticia. Außerdem bereite ich mich auf das Schlimmste vor.“

„Das Schlimmste? Was meinst du damit?“

„Du wirst schon sehen.“ Er lächelte geheimnisvoll und während der restlichen Fahrt tat er etwas, das ich noch nie an ihm bemerkt hatte: Er pfiff vergnügt vor sich hin. Was war da los?

Als wir schließlich sein inmitten einer recht idyllischen Kleingartenanlage gelegenes Grundstück erreichten, stellte ich fest, dass er den Weltuntergang doch noch nicht ad acta gelegt hatte: Auf dem Rasen vor dem DDR-Fertigbungalow hatte er einen großen Vorrat an Konserven und Trockennahrung wie Nudeln und Hülsenfrüchte, etliche Sixpacks große Mineralwasserflaschen, zwei Benzinkanister, eine Propangasflasche, einen Gaskocher, eine große Medizinkiste, ein Kurbelradio, zwei riesige Taschenlampen, Batterien, Kerzen, Schlafsäcke und zahlreiche weitere Utensilien verteilt, die nur einen Schluss zuließen: Peter war unter die Prepper gegangen.

Peter strahlte. „Und? Was sagst du?“

„Ja, schon beeindruckend“, antwortete ich vorsichtig. „Aber was wird Letty dazu sagen?“

„Letty kommt erst am Mittwoch zurück. Bis dahin haben wir alles in den Keller geräumt. Und da geht sie nie rein.“

„Moment mal. Wir?“

„Ja, wir. Ich dachte, da du eh nichts zu tun hast, kannst du mir auch helfen.“

Das hat man also davon, wenn man sich Sorgen um seine Freunde macht.

„Und was ist mit Büchern?“ fragte ich.

Er schaute mich verständnislos an. „Was soll mit Büchern sein?“

„Du willst mir doch nicht erzählen, dass du dir noch nicht überlegt hast, welche Bücher du auf deine Arche Noah mitnehmen willst? Du sagst doch selbst immer, dass Bücher Lebensmittel sind.“

„Du hast Recht.“ Peter legte die Stirn in Denkerfalten. „Darüber muss ich mir noch klar werden.“

„Ich kann dir helfen, wenn du willst.“

Und so setzten wir uns in den hinteren Teil des Gartens und überlegten, welche geistige Nahrung einem Postapokalyptiker zuträglich sein könnte. Wir einigten uns früh, dass es nicht mehr als zehn sein sollten. Peter bestand aus Platzgründen darauf. Er plädierte natürlich für bedeutungsschwangere Ziegelsteine: Ulysses, Krieg und Frieden, der komplette Shakespeare, der Zauberberg, Borges‘ Collected Fictions in der Übersetzung von di Giovanni, die Ilias, die Odyssee, Doktor Schiwago, die Göttliche Komödie und als Zugabe Spenglers Untergang des Abendlandes.

Ich hielt es hingegen mit unterhaltsamer, amüsanter und erbaulicher Literatur und brachte P.G. Wodehouses Jeeves and Wooster, Jerome K. Jeromes Three Men in a Boat, Evelyn Waughs Decline and Fall, Robert Louis Stevensons Journey with a Donkey in the Cévennes, Christian Morgensterns Galgenlieder, Hašeks Schwejk, Das große Wilhelm Busch-Buch, Joachim Ringelnatz‘ Kuttel Daddeldu, The Complete Saki und Graham Greenes Travels with my Aunt ins Spiel.

Wir erörterten die Vorzüge und Fehler der genannten Autoren und Bücher ausgiebig. Irgendwann stellte Peter eine Flasche Wein und zwei Gläser auf den Tisch, später eine weitere Flasche. Zwischendurch aßen wir Kommissbrot und Dosenravioli aus seinem Prepper-Vorrat.

Als es dämmerte, waren wir noch nicht zu einem abschließenden Fazit gelangt. Ich sah auf die Uhr. „Was? Schon sieben? Es tut mir leid, aber ich habe um halb neun eine Verabredung.“ Ich schaute auf die Vorräte auf dem Rasen. „Meinst du, du schaffst das auch allein? Wir sind ja schon recht weit gekommen.“

Peter seufzte fatalistisch. „Ich fahr dich zum Bahnhof.“

Ich habe es schon oft gesagt, sage es aber gern noch einmal: Es gibt nichts Schöneres, als seinen Freunden zu helfen.


Bild: Flügelaltar mit dem Jüngsten Gericht von Lucas Cranach dem Älteren (um 1520/25). Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin.

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