Ich muss es zugeben: Auch ich kann mich der derzeit herrschenden Weltuntergangsstimmung nicht ganz entziehen, obwohl ich das Minenfeld der Politik sonst tunlichst meide. Denn in welche Richtung man dort auch immer geht: Irgendwann kracht’s.
Aber, wie gesagt, heute traf es mich dann doch. Zunächst in Form eines Anrufs meines alten Freundes Peter Miese, der mir vollkommen aufgelöst mitteilte, dass es am Sonntag irgendwo im sächsisch Anhaltinischen eine Wahl gebe, die bei falschem Ausgang ernsthafte Konsequenzen bis hin zu besagtem Weltuntergang nach sich ziehen könnte.
Ich war mir bis dahin der weltpolitischen Bedeutung des Bundeslandes SA nicht bewusst gewesen und deshalb zunächst skeptisch. Immerhin neigt Peter seit jeher zur Apokalyptik und hat mir das Ende der Welt, wie wir sie gern kennen würden, schon ein ums andere Mal versprochen.
Das kann ich gut verstehen, denn Peter ist der Typ, der während und nach einer Apokalypse erst richtig aufblühen würde. Denn dann könnte er allen Mitüberlebenden ständig damit auf die Nerven gehen, dass er es ihnen ja gleich gesagt habe. Peter ist sozusagen die Kassandra des 21. Jahrhunderts.
Doch bis jetzt ist das Schlimmste nie eingetreten. Zum Beispiel wachte ich am 22. Dezember 2012, dem Tag des nach Maya-Kalender errechneten definitiven Weltuntergangs mit einem Mordskater auf, weil ich dem hysterischen Peter halb geglaubt und am Vorabend meine gesamten Champagnervorräte ausgetrunken hatte.
Seitdem habe ich Peters apokalyptischen Tiraden eher wenig Bedeutung beigemessen. Heute war er jedoch ganz besonders aufgewühlt. Er sagte, dass sich jetzt jeder anständige Mensch zwischen der Charybdis des Weiterwurschtelns einer mediokren, opportunistischen und rückgratlosen Machtelite und der Skylla einer finsteren, zynischen, entmenschlichten, von Hass, Zerstörungswut und Eigennutz besessenen Bande von Hasardeuren entscheiden müsste.
„Tja,“, sagte ich, unentschlossen auf meinem Frühstückstoast herumkauend. „Du machst es mir nicht einfach. Ich wohne ja gar nicht da. Aber selbst wenn ich da wählen könnte, beide Optionen erscheinen mir nicht sonderlich attraktiv.“
„In diesem Fall gibt es nur eins“, drang er in mich. „Du musst endlich Haltung zeigen.“
Ich war ein wenig verwundert. Wenn man mir eines nicht vorwerfen kann, dann mangelhafte Haltung. Tatsächlich hatte man mir bei allen Sportarten, die ich jemals – zugegebenermaßen eher halbherzig – betrieben habe, stets ausgesprochen gute Haltungsnoten attestiert. So betonte mein Tennislehrer immer wieder, dass mein Bewegungsablauf beim Aufschlag perfekt sei. Das einzige Problem: Ich bekam nie einen Aufschlag über das Netz.
Insofern bat ich Peter zu präzisieren, was er denn genau meine.
„Na, du musst dich eindeutig und unmissverständlich gegen die Rechte bekennen!“
„Gegen die Rechte?“ fragte ich verständnislos. „Abgesehen davon, dass ein Bekenntnis ausgerechnet von mir für die Restmenschheit wohl die Relevanz einer Wasserstandsmeldung vom unteren Jangtsekiang haben dürfte, habe ich gar nichts gegen die Rechte. Als bekennender Rechtshänder benutze ich sie jeden Tag und fühle mich ausgesprochen wohl dabei. Ich habe auch nichts gegen die Linke. Die hat auch ihren Wert. Und zusammen sind sie gewissermaßen unschlagbar. Warum sollte ich mich also gegen eine bekennen?“
Peter brummte unwirsch „Idiot!“ und legte auf.
Peters Anruf brachte mich zum Nachdenken. Allerdings nicht über die Wahl in Sachsen-Anhalt. Sondern über den betreffenden Landstrich. So weit ich mich erinnern kann, bin ich nur einmal dort gewesen. Das war im Sommer vierundachtzig. Oder fünfundachtzig? Egal, jedenfalls schickte mich meine Mutter damals in ein von der Nationalen Volksarmee betriebenes Kinderferienlager an der deutsch-deutschen Grenze.
Dort taten wir das, was Ferienlagerkinder in der DDR eben so taten: Frühsport, Wanderungen, Tischtennis, Ausflüge an den See oder ins Museum, abends Disko („Cheri, Cheri Lady“) und nachts mal einen Waldspaziergang, bei dem sich einige Betreuer als Gespenster verkleideten und uns „erschreckten“.
So weit der normale Teil. Etwas weniger normal war, dass uns beim Baden deutsche Schäferhunde an langen Laufleinen bewachten und uns die Grenztruppen des benachbarten Stützpunktes mehrere Male besuchten, um uns zu erzählen, wie wichtig es sei, den Arbeiter- und Bauernstaat gegen den imperialistischen (bitte in Erich-Manier nuscheln, etwa wie „imborialischdüschen“) Aggressor zu verteidigen. Die Jungen waren herzlich eingeladen, sich in der Arbeitsgemeinschaft „Junge Grenzer“ zu engagieren, wo sie sich mit viel zu großen Armeeuniformen verkleideten, im Wald Schützenlöcher aushuben und sich gelegentlich mit einer als „Feind“ eingeteilten Truppe anderer Nachwuchsgrenzer prügeln durften.
Ich hatte eine gute Zeit im damaligen Bezirk Magdeburg, verliebte mich unsterblich in eine der älteren Lagergenossinnen, eine gewisse Ulrike Kleinschmidt, wurde jedoch nach zehn Tagen nach Hause geschickt, weil ich ihr auf einer Waldlichtung an die Wäsche gegangen war.
Meine Mutter Marianne war natürlich beschämt und empört, denn sie war die überzeugteste Kommunistin der DDR nach Margot Honecker. Das lag zu gleichen Teil an ihrer Herkunft und ihrem Charakter.
Tatsächlich stammte sie aus dem Westen, genauer aus Oldenburg, noch genauer „aus gutem Hause“. Sie rebellierte allerdings früh gegen ihre Herkunft und die damit verbundenen Privilegien, Grundüberzeugungen und Traditionen, betätigte sich als Aktivistin für Umwelt-, Frauen-, Minderheiten-, Menschen- und sonstige Rechte und ging ihren Eltern und Großeltern damit gehörig auf den Senkel.
Den endgültigen Bruch mit ihrer „Klasse“ und ihrem Land provozierte dann mein gut aussehender, liebenswerter, aber vollkommen verantwortungsloser Vater, der sie im Verlauf einer kurzen Affäre in andere Umstände brachte, sich aber schon wenig später wieder seinem Lieblingshobby, der Promiskuität, widmete.
Und so tat meine Mutter etwas, was nur wenige zu Zeiten des Kalten Krieges wagten: Sie haute einige Monate vor meiner Geburt in den Osten ab, passierte am Grenzübergang Friedrichstraße den Point of No Return und durchlief dann den strengen Aufnahmeprozess für BRD-Aussiedler im Zentralen Aufnahmeheim (ZAH) Fürstenwalde/Molkenberg. Die dortigen Schulungen und Gewissensprüfungen absolvierte sie natürlich glänzend und fand auch schnell Anschluss in ihrer neuen Heimat.
Ganz in der Nähe des Aufnahmeheims, in der Pionierkaserne am Küchensee, war das Pionierregiment 2 (PiR-2) „Ottomar Geschke“ stationiert. Ein verwitweter Offizier dieser Einheit, Major Kurt Steiner, der im Aufnahmeheim einen Vortrag über das Militärwesen der DDR hielt, verliebte sich bei dieser Gelegenheit bis über beide Ohren in meine Mutter, was dieser nicht entging. Sobald sie das Aufnahmeheim für kurze Ausflüge verlassen durfte, trafen sich Kurt und Marianne immer mal wieder in Fürstenberg, und nach etlichen Kaffees und ramontischen Spaziergängen an den Ufern der Spree erwiderte sie schließlich seine Zuneigung.
Nachdem sie den Aufnahmeprozess durchlaufen hatte, sorgte er mittels Vitamin B12+ dafür, dass ihr eine Übergangswohnung in Fürstenwalde zugewiesen wurde, und kurz vor meiner Geburt kulminierte die Blitzromanze in der Heirat und der gemeinsamen Hausstandsgründung in Philadelphia, Kreis Beeskow, Bezirk Frankfurt (Oder).
So kam ich zu einem Stiefvater, dessen Andenken ich stets in höchsten Ehren halten werde, und zu einem Geburtsort, der dafür sorgt, dass ich bei Behördengängen und Grenzübertritten (besonders im ehemaligen kapitalistischen Bruderland der BRD) die Lacher und/oder Skeptiker stets auf meiner Seite habe.
Dass das Leben die besten Geschichten schreibt, beweist auch meine seinerzeitige Namensgebung. Major Kurt Steiner, ein gutmütiger, pflichtbewusster, pragmatischer und mir gegenüber stets liebevoller und toleranter Mensch, der sich für einen leidlich guten Kommunisten hielt, musste schnell feststellen, dass er seiner frischgebackenen Ehefrau in dieser Hinsicht auch nicht annähernd das Wasser reichen konnte. Ihre Idee, den Neugeborenen nach dem ehemaligen sowjetischen Außenminister und Cocktailnamensgeber Molotow zu benennen, fand Kurt irgendwie „zu dolle“. Doch trotz seiner Einwände setzte sich meine Mutter – natürlich – durch und schmuggelte sogar noch den recht nah am Nachnamen des Ministers liegenden Mittelnamen „Mstislaw“ ein.
Die Standesbeamte erhob dagegen zunächst Einwände: „Wjatscheslaw ist ja schon schwierig genug. Aber das kann doch wirklich niemand aussprechen. Das arme Kind!“ Doch meine Mutter blieb hart wie T34-Panzerstahl, verwies mit Nachdruck auf die Größe des sozialistischen Brudervolks und trug auch hier den Sieg davon.
Aber ich schweife ab. Wo war ich stehengeblieben? Richtig, in Sachsen-Anhalt und beim bevorstehenden Weltuntergang.
Bereits Peters Anruf hatte mich ein wenig beunruhigt oder verwirrt oder beides. Als ich dann meinen gestrigen Post auf X promoten wollte, schlug mir im Feed weiteres Material im Zusammenhang mit dem besagten Wahlkampf entgegen.
Die beteiligten Parteien überschlugen sich mit fragwürdiger Rhetorik und merkwürdigen Botschaften. Ein aus Rumänien stammender AfD-Mann namens Tillschneider, dessen langer Rauschebart weniger an rechte als an linke Vordenker erinnert, beklagte sich über den Umstand, dass bei der feierlichen Neubeisetzung der sterblichen Überreste des deutschen Kaisers Otto I. das Wort „Deutschland“ oder gar der Begriff „Deutsches Reich“ von den Festrednern tunlichst vermieden worden sei.
Und der Spitzenkandidat derselben Partei beschwerte sich in einem Selfie-Clip, dass vor einer Veranstaltung eine auf den Gehsteig gemalte schwarzrotgoldene Flagge abgewaschen worden sei.
Die Vorsitzende der nach ihr benannten Partei, Wagenknecht, versprach im Falle eines Sprungs über die 5 %-Hürde die vor allem aufgrund ihrer Mr-Spock-Frisur bekannt gewordene Autorin Gabriele Krone-Schmalz, die einige als „Russlandexpertin“, andere als „Putin-Versteherin“ bezeichnen, für das Amt der Bundespräsidentin vorzuschlagen.
Der bayerische Ministerpräsident Söder trieb sich derweil bei einer Bundeswehr-Einheit, irgendwo im bayerischen Hinterwald, herum und beteuerte, er stünde voll und ganz hinter der Bundeswehr. Ein ätzender Kommentar dazu: „Ja, aber ganz weit hinten.“
Was soll man davon halten? Geht jetzt also wirklich am Sonntag die Welt unter?
Vielleicht sollte man derartige Unkenrufe doch nicht ganz unbeachtet lassen und zumindest ein wenig vorsorgen?
So las ich ebenfalls heute in der Presse, dass die niederländische Notenbank ihre Goldreserven aus New York abziehen will. Die französische Zentralbank hat das bereits im letzten Jahr getan, und auch die Deutsche (sorry:) Bundesbank steht wohl in der Kritik, weil sie noch immer sehr viel Gold in den USA aufbewahren lässt.
Wissen die etwas, was ich nicht weiß?
Es liegt mir fern, mich der Hysterie zu ergeben, doch sicherheitshalber putzte ich nach dem Mittagessen mein gesamtes Tafelsilber einmal schön blank und packte es dann ordentlich in ein unauffälliges Köfferchen, um im Falle eines Falles schnell damit abhauen zu können. Ich ging auch meine Reisepässe durch, wobei ich feststellte, dass der marokkanische Pass, den ich vor Jahren versehentlich wegen der Namensähnlichkeit mit Monaco gekauft hatte, bereits seit Monaten abgelaufen ist.
Außerdem rief ich meinen Freund Philip Bottomley Phelps an und fragte ihn, ob er mir im Falle eines Falles Asyl in seinem Landhaus in Kent gewähren würde.
„Sure thing, old bag“, lallte er. Offenbar hat er wieder mit dem Trinken begonnen, und wenn Phil etwas macht, dann richtig.
„You would have to sleep on the floor, of course. Still no furniture, I’m afraid.1 And the ceiling in the guest room is not quite stable, I’ve been told. Might come down with a crash at some point. But I don’t believe it. They tell you anything these days to make you spend money on useless repairs. Anyway, we could go hunting together. The pheasant season starts soon. I’ve turned to using bows I make myself since they took my guns away. Much more fun, really. And much more discreet, since I have lost my hunting permit too. Shot a dog some weeks ago. Thought it was a fox. Turned out that shooting either of them was forbidden now. Sometimes I wonder what the world has come to. Anyway, let’s work on a new play together. I’ve got some smashing ideas. Just let me know.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, legte er auf.
So sieht es also aus. Die Welt geht unter, und ich bin alles andere als gut vorbereitet. Unter diesen Umständen kann es nur eine Devise geben:
„Keep calm and wurschtel weiter!“
PS: Als Soundtrack zum bevorstehenden Weltuntergang empfehle ich ausdrücklich Helge Schneiders 2007 erschienenes Live-Album „Akopalyze Nau“.
Beitragsbild: Albrecht Dürer: Die vier apokalyptischen Reiter, 1498, Holzschnitt. National Gallery of Art, Washington. Gemeinfrei (Public Domain).
- Zur Erklärung siehe den Blog-Eintrag vom 12. August ↩︎

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