Hinter dem Jupitermond

Heute besuchte ich meinen geschätzten Seniorenfreund Guntram B. Bartkowiak im Geriatric Gentlemen’s Club (GGC). Wir saßen im Garten des Anwesens, füllten in Erwartung der dunklen Jahreszeit unsere Vitamin-D-Reserven auf und plauderten.

Vorab hatte ich ihm brieflich von meinem Konzertbesuch vor einer Woche berichtet. Sie erinnern sich: Mein Freund Peter Miese und ich hatten im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie einer Aufführung von Claudio Monteverdis Marienvesper beigewohnt.

„Ein sehr schönes Stück“, kommentierte Herr Bartkowiak, als das Gespräch darauf kam. „Wie hat es Ihnen denn gefallen?“

„Ging so“, sagte ich wahrheitsgemäß.

„Nanu? Was stieß Ihnen denn sauer auf?“

Ich räumte ein, dass ich wenig von klassischer Musik verstünde, weshalb meine Eindrücke wohl eher banal seien. Und der Konzertbesuch war ja nicht meine, sondern Peters Idee gewesen. Nur hatte der dann pikanterweise aufgrund seines vorherigen grotesken und kräftezehrenden Auftritts beim Berlin-Marathon das Konzert weitgehend verschlafen.

„Es hat Sie also nicht sonderlich berührt?“, fragte Herr Bartkowiak.

„Das will ich nicht sagen. Zwischendurch schon.“

„Inwiefern?“

Ich suchte nach einem Wort oder Vergleich. Schließlich kam ich auf „Patina.“

„Patina?“ Herr Bartkowiak lächelte. „Wie meinen Sie das?“

„Keine Ahnung. Das Stück hatte eine Patina. Irgendwie ehrwürdig und anrührend, auch ein bisschen geheimnisvoll. Wie das vergoldete Säulenkapitell im Halbschatten einer italienischen Barockkirche. Sie wissen schon, eine Vergoldung, die so alt ist, dass sie im Licht der Kerzen nicht mehr aufdringlich glänzt, wie das Kostüm einer Nachtklubtänzerin, sondern nur ganz dezent schimmert, selbstbewusst aber zurückhaltend, gleichsam in sich ruhend, mit einem olivgrünen Einschlag im Goldton.“

„Eine interessante Assoziation.“

„Meinen Sie wirklich?“

„Ja. Ich finde, sie passt sehr gut.“

„Danke.“ Ich freute mich. Nur Idioten würden sich bei einem Lob von Herrn Bartkowiak nicht gebauchpinselt fühlen.

„Obwohl das Werk natürlich in eine Zeit fällt, in der eben jenes altehrwürdige Selbstbewusstsein und -vertrauen in die Macht der Mysterien zunehmend erschüttert wurde. Wie Sie sicherlich wissen, entdeckten Galilei und Marius im Jahr 1610, in eben jenem Jahr also, als Monteverdi seine Marienvesper veröffentlichte, die Jupitermonde. Das bewies, dass sich nicht alle Himmelskörper um die Erde drehen.“

„Bye bye geozentrisches Weltbild“, warf ich neunmalklug ein.

„Genau. Und das erklärt vielleicht auch die wunderschönen Barockkirchen, von denen Sie sprachen. Die alten Gewissheiten gerieten ins Wanken, die Reformation stellte die Autorität der heiligen Mutter Kirche in Frage. Also bewegte man sich weg von den strengeren Formen der alten Frömmigkeit und setzte stattdessen auf Sinnlichkeit, Pracht und Emotionen. Das war natürlich nur das Zuckerbrot der Gegenreformation. Die Peitsche war die Inquisition, deren Macht nicht nur Galilei, sondern auch Monteverdis Sohn Massimiliano zu spüren bekam, als er während seines Medizinstudiums wegen der Lektüre eines indizierten Buches im Gefängnis landete. Aber sein Vater boxte ihn heraus, unter großen finanziellen Opfern und Aufbietung aller Kräfte.“

„Und das war 1610?“

„Nein, viel später, als Monteverdi schon Kapellmeister in San Marco und ein angesehener und erfolgreicher Musiker war. Als er die Marienvesper veröffentlichte, schuftete er noch als schlecht behandelter und immer wieder auf sein Geld wartender Kapellmeister am Hofe der Gonzagas in Mantua. Man kann die Veröffentlichung wohl auch als eine Art Bewerbungsschreiben lesen. Monteverdi widmete den Druck Papst Paul V., reiste nach Rom und hoffte offenbar, sich dort neue berufliche Perspektiven zu eröffnen.“

„Und? Hat’s geklappt?“

„Nein. In Rom hat er keine Anstellung bekommen. Aber eben drei Jahre später in Venedig. Ein Sechser im Lotto, verglichen mit seiner früheren Stellung in Mantua.“

Herr Bartkowiak erzählte mir mehr von Monteverdis Zeit in Mantua, einer Zeit der Entbehrungen und Demütigungen eines genialen Komponisten, dessen Genialität von seinem auf Pump in Luxus lebenden Dienstherrn keineswegs gewürdigt wurde.

Während Monteverdi unter immensem Zeitdruck und Stress für allerlei Anlässe Meisterwerke auf Bestellung ablieferte, behandelte man ihn als eine Art musikalischen Hofhandwerker, ließ ihn immer wieder auf sein Geld warten und zeigte wenig Neigung, seine Dienste angemessen zu honorieren. Drei Jahre vor der Veröffentlichung der Marienvesper war seine geliebte Frau Claudia gestorben und hatte ihn mit zwei kleinen Söhnen zurückgelassen. Dass er unter diesen Bedingungen ein solches Werk abliefern konnte, spricht für sein Genie, seine eiserne Arbeitsethik und vielleicht auch für sein Gottvertrauen, das über zwanzig Jahre später in seiner Priesterweihe in Venedig kulminierte. Zuvor hatte er die Pestepidemie von 1630/31 überlebt.

„Diese Phase in Monteverdis Leben zeigt, dass große Kunst immer auch, vielleicht sogar in den meisten Fällen, ein unendlich mühsames, beinahe trotziges Aufbäumen gegen die äußeren Umstände ist. Sie führte die Realität ad absurdum, wenn Sie so wollen.“

„Das haben Sie sehr schön gesagt“, lobte ich Herrn Bartkowiak.

Er lächelte verlegen. „Bitte verzeihen Sie mir. Ich habe hier gerade eine kleine Vorlesung gehalten. Ich wollte nicht belehrend wirken. Das ist heute nicht mehr ‚in‘, oder?“

„Ist mir schnuppe“, beruhigte ich ihn. „Ich fand’s interessant. Aber woher wissen Sie das alles? Sind Sie Monteverdi-Fan?“

Herr Bartkowiak schmunzelte spitzbübisch. „Ganz ehrlich?“

„Ganz ehrlich.“

„Ich kannte das Stück zwar, wusste aber wenig über Monteverdi und seine Zeit. Als Sie mir von Ihrem Konzertbesuch berichteten, habe ich einfach die KI bemüht, um mehr zu erfahren.“

Er amüsierte sich sichtlich über meine Sprachlosigkeit. „Mein lieber Herr Steiner, nur weil ich die Achtzig überschritten habe, lebe ich ja nicht hinter dem Jupitermond. Wir sind auf dem langen Weg der Entzauberung der Welt gerade wieder ein gutes Stück vorangekommen. Ihr Olivgold in Ehren, aber so weit ist Monteverdis Zeit nicht von uns entfernt. Auch wir wissen nicht so recht, wie wir mit dieser neuen Entwicklung umgehen sollen. Wir sind wie Kinder: neugierig und furchtsam zugleich. Und es ist gut möglich, dass das alles kein gutes Ende nehmen wird. Aber bis dahin halte ich es mit einer ganz einfachen Devise.“

„Und die wäre?“

„Ein bisschen KI schadet nie.“

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