Was zu beweisen sein wird

Gastbeitrag von Peter Miese //

Gestern berichtete mein Freund Wjatscheslaw M. Steiner auf dieser Plattform in seiner bekannt saloppen Art über meine Teilnahme am Berlin-Marathon und attestierte mir dabei eine Art Heureka-Moment.

Ich hätte, trotz der Aussichtslosigkeit und – seien wir ehrlich – Lächerlichkeit meiner Protest-Aktion einen Moment der (natürlich illusorischen) Selbstwirksamkeit erlebt und darob eine für meine Person höchst ungewöhnliche Aura der Euphorie ausgestrahlt.

Ich könnte das hier präzisieren und bis zu einem gewissen Grad auch richtigstellen. Aber ich verzichte darauf.

Stattdessen gehe ich in die Selbstbefragung. Schonungslos ehrlich, um eine abgedroschene Phrase zu gebrauchen.

Anlass ist nicht meine Marathon-Teilnahme, sondern ein Satz, den ich heute in Tobias Sedlmaiers Rezension der Stallone-Memoiren „The Steps“ und des mehr oder weniger dazugehörenden Biopics „I Play Rocky“ las.

Er stammt aus dem Film und wird Stallones erster Frau Sasha Czack in den Mund gelegt, die die Karriere ihres Mannes in den harten Anfangsjahren selbstlos unterstützte. Er lautet:

«Ich bin lieber eine Optimistin, die falsch liegt, als eine Pessimistin, die recht behält.»

Dieser Satz gibt mir zu denken.

Ich habe Zeit meines Lebens die zweite Option gewählt. Es war mir stets wichtiger, aus meiner Sicht recht zu behalten, als in hektischer Gedankenlosigkeit, eitler Selbstüberschätzung oder naivem Gottvertrauen voranzustürmen und dabei ein ums andere Mal „Wird schon schiefgehen“ zu murmeln.

Natürlich habe ich nicht immer recht behalten. Aber, und das sage ich ganz ohne falsche Bescheidenheit, oft. Doch während ich mir ob dieser Erkenntnis noch selbstgefällig auf die Schulter klopfte und auf den Beifall all jener hoffte, die mit Hurra-Gebrüll und flatterndem Banner vorangeprescht waren, hatten diese einfach eine andere Richtung eingeschlagen oder die Fahne gewechselt und hasteten unbekümmert weiter, als wäre nichts geschehen.

Darunter litt nicht nur mein Selbstbewusstsein, sondern auch mein Sozialleben. Denn niemand wird gern dabei ertappt, dass er falsch liegt. Schon gar nicht von jemandem, der es vorher gewusst haben will. Dass mein Freund Wjatscheslaw mir die Treue hielt, liegt daran, dass er aufgrund seiner natürlichen Disposition ein Mensch ist, der sich nie für oder gegen etwas entscheiden muss. Er lebt seit jeher zwischen den Extremen, in einem Zustand heiterer Unentschlossenheit und beinahe kindlicher Neugier auf die Welt. Man könnte ihn als einen modernen Scaramouche sehen:

He was born with a gift of laughter and a sense that the world was mad. And that was all his patrimony.1

Vor einigen Wochen machte er mir ein merkwürdiges „Geschenk“. Es war ein Etikett, das er von einer italienischen Mineralwasserflasche abgelöst hatte. Darauf stand:

Recht haben oder gemocht werden?

Er lachte. „Nicht böse sein. Ich mag dich trotzdem.“

Aus einem Impuls heraus heftete ich das Etikett damals an meine Pinnwand. In diesem Moment sehe ich es vor mir. Und ich erkenne, dass mein „Protest-Marathon“ zwar albern war, aber nicht halb so albern wie meine lebenslange Angst davor, mich lächerlich zu machen. Es gab und gibt nichts Lächerlicheres als den selbsternannten Rufer in der Wüste.

Neben dem Etikett hängt eine Postkarte, die ich vor einigen Wochen in einer Bar fand. Darauf steht:

I’ll change. I promise.

Was zu beweisen sein wird.


  1. Rafael Sabatini: Scaramouche. A Romance of the French Revolution. Hutchinson & Co., London 1921, S. 1. ↩︎

Peter Miese, 1974 in Freiburg im Breisgau geboren. Studium in Tübingen, 2006 Promotion mit einer Dissertation zum Thema Vom Erkenntnisgrund zum Motivationsgrund. Zur Einheit der Subjekt-Objekt-Relation in der Philosophie Arthur Schopenhauers. Seit 2007 als Schriftsteller tätig. Seine Arbeiten erscheinen im Privatdruck in limitierter Auflage (Edition Emporion). Er lebt in Berlin und verdient sein Brot als Buchhalter bei der H. G. Bender Sanitär- und Gebäudetechnik GmbH.

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