Am Sonntag wurde in der Bundeshauptstadt die 52. Folge der Sportseifenoper „Berlin rennt“ aufgeführt. Manche nennen sie auch „Berlin-Marathon“.
Ich selbst nahm weder als Läufer, noch als Zaungast teil, obwohl es mir manchmal Spaß macht, dem Volk bei Großevents aufs Maul zu schauen. Aber diesmal war mir nicht danach. Am Vormittag hatte ich Korrespondenz zu erledigen, am Nachmittag besuchte mich der Feuerzeugdoktor, um sich meine recht umfangreiche Kollektion anzuschauen, Feuersteine auszutauschen und die kostbaren oder zumindest erinnerungsträchtigen Stücke wieder mit Benzin bzw. Gas zu befüllen.
Mein Freund Peter Miese hingegen, eigentlich ein glühender Verächter jeder in die Rubrik circenses einzuordnenden Massenveranstaltung und erst recht der damit verbundenen Menschenaufläufe, trat diesmal beim Berlin-Marathon an. Natürlich aus Protest.
Gegen was genau sich sein Protest richtete, hat er mir im Vorfeld lang und breit erklärt. Im Gedächtnis geblieben sind bei mir Stichwörter wie Overtourism, Ressourcenverschwendung, Opium fürs Volk und die performative Zurschaustellung des allgegenwärtigen Selbstoptimierungswahns. Man könnte also sagen, Peter protestierte mal wieder gegen alles und jeden.
Üblicherweise tut er das im stillen Kämmerlein oder im Gespräch mit mir. Jeglicher politischer oder sonstiger Aktivismus ist ihm fremd. Darin ähneln wir uns, sind beide sozusagen leidenschaftliche „Passivisten vom Dienst“ (PvD). Bei Peter ist dieser Passivismus Ausdruck seines philosophisch-historischen und manchmal depressiven Realismus. Er hält es mit Thukydides: So viele Jahre auch vergehen mögen, die Natur des Menschen ändert sich nicht.
Bei mir ist es schlicht und einfach Faulheit.
Dass Peter diesmal die Aktion an die Stelle der Resignation setzte, lässt sich eigentlich nur mit einer ungewöhnlich langen Strohwitwerschaft erklären. Eigentlich hätte Peters Lebensabschnittsbevollmächtigte Laeticia bereits vor einer Woche von der Familienzusammenkunft in Rom zurückkehren sollen. Die Regelung diverser Angelegenheiten nahm jedoch mehr Zeit in Anspruch als ursprünglich vorgesehen. Und so musste Peter noch einige Tage länger im eigenen Saft schmoren. Dass er dabei auf merkwürdige Gedanken kommen kann, hat bereits mein Bericht über unseren Preppersamstag auf seiner Datsche vor einigen Wochen eindrücklich belegt.
Auf die Idee einer Protestteilnahme am Berlin-Marathon war Peter bereits während Laeticias letzter Abwesenheit im Frühjahr gekommen und hatte sich daraufhin vorsorglich angemeldet. Nur welche Form sein Protest annehmen sollte, war ihm damals noch nicht klar gewesen. In der letzten Woche hatte er erneut darüber nachgedacht und schließlich eine, wie er fand, geniale Lösung gefunden.
Er holte sich am Samstag in Tempelhof seine Startnummer ab. Am Sonntag ging er regulär in der letzten der sechs Gruppen an den Start. Doch als die Gruppe losrannte, überraschte Peter Mitläufer und Schaulustige damit, dass er sich nach einigen Metern umdrehte und demonstrativ rückwärts weiterlief.
Das ging erstaunlich lange gut. Das Publikum lachte und feuerte ihn ironisch an. Die Ordnungskräfte wussten zunächst nicht, was sie tun sollten. Die meisten anderen Sportsfreunde bemühten sich, ihn möglichst zu ignorieren. Einige äußerten hingegen verhalten bis lautstark Unwillen über seine Eskapade, die sie zu erhöhter Aufmerksamkeit und gelegentlichen Ausweichmanövern zwang.
An der Siegessäule wurde Peter von den Ordnern am Rand erstmals aufgefordert, sich umzudrehen. Er lief unbeirrt weiter. Immer wieder wurde er nun von Streckenposten zum Umdrehen aufgefordert. Sie standen offenbar per Funk miteinander im Kontakt. Als man ihn schließlich sogar per Megafon zum Umdrehen bewegen wollte, rief er provokant zurück: „Warum?“
„Weil Sie falsch herum laufen!“ schallte es zurück.
Peter lachte und rief fröhlich, dass im Gegenteil alle anderen falsch herum liefen. Das Katz-und-Maus-Spiel setzte sich noch eine Weile fort, bis ein eilig zusammengestelltes Einsatzkommando Peter schließlich irgendwo zwischen Siegessäule und Charlottenburger Tor zum Stehen brachte. Er hatte nach eigener Aussage fast 1,5 Kilometer durchgehalten.
Danach gab es eine angeregte Diskussion. Peter verwies darauf, dass in den Teilnahmebedingungen nirgends stünde, dass man beim Berlin-Marathon nicht rückwärts laufen dürfe. Die Ordnungskräfte folgten seiner Argumentation nicht, sondern verwiesen auf die Kollisionsgefahr und darauf, dass man ihren Anweisungen stets Folge leisten müsse. Das stünde dort sehr wohl.
„Interessant“, gab Peter zurück. „Und wenn Sie mich auffordern, in den Handstand zu wechseln?“
Als er mir die Geschichte am Abend erzählte, war er so aufgekratzt wie ich ihn noch nie erlebt habe. „Weißt du Slawa, ich habe endlich verstanden, was diese Aktivisten mit dem Begriff „Selbstwirksamkeit“ meinen. Es geht gar nicht darum, dass man etwas erreicht. Es geht darum, sich selbst mal wieder zu spüren. Aus der eigenen Ohnmacht und Frustration auszubrechen. Und sei es nur für anderthalb Kilometer.“
„Ja, aber die wenigsten von denen veranstalten das als Solovorstellung wie du. Die treten meist im Rudel auf.“
„Was mir inzwischen sogar einleuchtet. Wenn das schon allein so viel Spaß macht, stell dir vor, du hast noch zwanzig Leute um dich herum, die dir bestätigen, dass du gerade das Richtige tust. Man peitscht sich gegenseitig auf und fühlt sich gleichzeitig geborgen. Wir gegen den Rest der Welt.“
„Gab es denn Sympathisanten?“ fragte ich.
„Ja, schon. Zumindest hatte ich den Eindruck. Aber das ist für mich gar nicht das Entscheidende. Ich kann auch mit der Rolle des Diogenes leben.“
Entsprechend euphorisiert ging er in die gemeinsame Abendgestaltung. Er hatte mich zu einem Konzert im Kammermusiksaal der Philharmonie eingeladen. Monteverdis Marienvesper in einer historisch möglichst korrekten Aufführung des Berliner Figuralchors mit dem Spezialensemble Berlin Baroque und den Cantores Minores. Kurz nach dem dramatischen Deus in adjutorium am Anfang schlief er allerdings ein – und wachte bis zur Pause nicht mehr auf.
Ich musste mich also allein mit Monteverdi auseinandersetzen. Wovon im nächsten Beitrag die Rede sein wird.

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