Am Samstag feierte mein Journalistenfreund Sören Sjörnström mit handverlesenen Gästen aus dem In- und Ausland seinen 50. Geburtstag vor. Das Programm: 1.) Spaziergang auf dem Tempelhofer Feld, 2.) Besteigung des Kreuzberges und 3.) Abendgesellschaft im Separée eines Kreuzberger Restaurants mit ausgezeichneter österreichischer Küche.
Es war ein wunderbarer Tag, obwohl man Geburtstage eigentlich nicht vorfeiern soll, weil das bekanntlich Unglück bringt. Ich war jedoch der einzige Gast, dem das spanisch vorkam. Trotzdem: Nachdem mich Pater Patrice von der hiesigen katholischen Gemeinde nach einer Reihe anregender, aus seiner Sicht jedoch ernüchternder weltanschaulicher Diskussionen im vergangenen Herbst für glaubensuntauglich erklärte, halte ich umso störrischer an meinem Aberglauben fest. Er ist sozusagen das einzige, was mir in spiritueller Hinsicht geblieben ist.
Umso angespannter war ich, als ich um 11 Uhr beim Stelldichein am Platz der Luftbrücke feststellen musste, dass die Geburtstagsgesellschaft aus dreizehn Personen bestand. Ich unterdrückte heldenhaft einen Impuls, den erstbesten Passanten als unauffällige Eskorte zu verpflichten, um Unheil von uns und vor allem mir abzuwenden.
Wider Erwarten lief jedoch alles wie am Schnürchen. Sören verlas im Laufe des Spaziergangs persönliche Briefe an die Anwesenden. Darin rekapitulierte er die Geschichte der jeweiligen Freundschaften und teilte den Betreffenden mit, was sie für ihn bedeuten. Ich musste mir gelegentlich die eine oder andere Träne der Rührung vom Revers wischen, denn Sören ist sehr gut darin, seine Gefühle auf eine Art und Weise mitzuteilen, die weder peinlich noch oberflächlich ist.
So spazierten wir gemessenen Schrittes über das von der milden Frühherbstsonne beschienene Tempelhofer Feld, das sich als erfreulich leer erwies. Dafür tummelten sich am und im ehemaligen Terminal Scharen von Profi- und Freizeitathleten, um sich Startnummern für den Berlin-Marathon am folgenden Tag zuteilen zu lassen.
Derweil saßen auf der Rückseite, hinter einem hohen Zaun, Asylsuchende in der dortigen Erstunterkunft vor ihren Wohncontainern. Sie tankten Wärme, Licht und Kraft für ihren eigenen Marathon oder vielmehr ihr Hindernisrennen durch den deutschen Asylrechtsdschungel. Der 2015 eingerichtete Komplex, der Platz für bis zu 1.600 Menschen bietet, ist längst vom Provisorium zum Dauerzustand mutiert. In gewisser Weise ist die von vielen Bürgern vehement abgelehnte Bebauung des Areals also längst Realität.
Im Verlauf des Tages stellte ich fest, dass Sören eigentlich ein Glückspilz ist. So viele wunderbare, inspirierende Menschen waren nur wegen ihm nach Berlin gekommen, huldigten ihm wie einem kleinen König und legten Zeugnis darüber ab, dass er neben dem familiären und beruflichen auch das Feld der Freundschaft im Laufe seines Lebens sehr erfolgreich beackert hat.
Für mich war das eine große Erleichterung, denn ich schloss daraus, dass sein im letzten Jahr geäußerter Geburtstagswunsch an mich – eine gemeinsame Reise in den Kongo – wohl nicht allzu ernst gemeint sein kann. Nach unserer kürzlichen ersten Reiseplanungssitzung befürchtete ich das Gegenteil, doch warum sollte Sören ein so erfülltes Leben im schlimmsten Falle einfach wegwerfen? Aus Langeweile? Zugegeben, auch das kann ein starker Beweggrund sein. Dennoch hoffe ich inständig, dass er es dabei bewenden lässt, denn auch mir liegt relativ viel daran, noch ein paar Jahrzehnte durchs irdische Jammertal zu strolchen.
In die Kategorie „Alles halb so schlimm“ fiel auch das Dîner. Die Ankunft eines weiteren Geburtstagsgastes, der es tagsüber nicht geschafft hatte, bewahrte uns davor, in der unseligen Zahlenkonstellation des letzten Abendmahls tagen zu müssen. Dementsprechend ausgelassen war die Stimmung.
Gegen Mitternacht verabschiedete ich mich von der Gesellschaft. In der beruhigenden Gewissheit, dass sich meine düsteren Vorahnungen nicht bewahrheitet hatten, beschloss ich, ein Stück des Weges zu Fuß zurückzulegen. Kaum hatte ich das Restaurant aus den Augen verloren, trat ich in einen frischen Haufen Hundekot.
Der Aberglaube hatte mich wieder.
Bild: Blick über das Vorfeld auf die Hangars und den Radarturm des Flughafens Tempelhof. Zustand im Jahr 2009.

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