Mein Freund Sören Sjörnström wird dieses Jahr fünfzig. Und was hat sich der Depp von mir gewünscht? Eine Reise in den Kongo. Ob das eine gute Idee ist?
Immerhin war ich vor fast zwanzig Jahren schon mal dort; not one of my finest moments, wie ich in einem vorherigen Beitrag schon einmal feststellen musste.
Aber Geburtstagskindern widerspricht man grundsätzlich nicht. Also verabredete ich mich an diesem überraschend warmen Spätsommertag mit Sören, um die Sache mal ganz praktisch zu besprechen. Da er derzeit auf Recherchereise in Karachi ist – fragen Sie mich nicht warum – fand unsere Besprechung allerdings digital statt.
Ich hatte mich dafür natürlich ins Afrika-Zimmer des Palais Steinér zurückgezogen, das nach resoluter Intervention meiner Haushälterin Rosanna am Freitag endlich durch Kammerjäger von Schädlingen befreit worden war (siehe den Beitrag vom 4. August).
Da saß ich dann also inmitten der Jagdtrophäen meines seligen Urgroßvaters, mit Ausnahme des Kopfes einer 1958 im damals noch französischen Ubangi-Shari-Gebiet erlegten Sitatunga-Antilope, die nach Aussage des Experten nicht mehr zu retten gewesen war. Ich war darüber nicht allzu unglücklich, denn ich hatte Sita, so nannte ich das Tier stets, nie besonders gemocht. In ihrem oder vielmehr seinem Glasblick lag, so empfand ich es wenigstens, eine quälende Frage, deren Beantwortung seit jeher an die Grundfesten meiner und jeglicher Vernunft rührt: Warum?
Auf Sita musste ich also verzichten. Dafür gab es eine illustre Gesellschaft anderer, frisch entmotteter und von Pelzkäfern befreiter Opfer der Schießwut meines Urgroßvaters. Da war zum Beispiel Ludger der Löwe, dem er in der Nähe des Lake Kariba im damaligen Rhodesien den Garaus gemacht hatte. Das Einschussloch hinter dem rechten Vorderlauf ist in Ludgers bereits arg ausgeblichener und nur mehr spärlich behaarter Außenhaut noch deutlich zu sehen.
Das zweite, noch ganz gut erhaltene Fell auf dem Parkett stammt von einem kapitalen Zebrahengst, der einst ahnungslos durch das Selous Game Reserve, eines der größten Wildschutzgebiet Afrikas, strolchte. Es ist mir vollkommen unverständlich, wie man ein Zebra abknallen kann, ein Tier, das bei jedem Betrachter eigentlich nur für Frohsinn sorgt, aber die Zeiten waren offenbar andere. Zudem vermute ich, dass mein Urgroßvater wohl irgendetwas zu kompensieren hatte, einen zu kleinen Penis vielleicht, oder womöglich eine latente Neigung zum Crossdressing, wer weiß das schon.
Aber ich schweife ab.
Ich saß also im Afrika-Zimmer und wartete auf Sören. Mein Blick schweifte über die in der Kongo-Sparte meiner kleinen Afrika-Bibliothek versammelten Bücher.
Neben Conrads Heart of Darkness stand dort Colin Turnbulls The Forest People (1961), ein ethnologischer Bericht über die Zeit, die Turnbull in den 1950er Jahren bei und mit den Mbuti-Pygmäen des Ituri-Regenwaldes verbrachte. Man warf Turnbull damals vor, er habe das Leben der Waldmenschen beschönigend dargestellt. Das mag sein. Die Pygmäen, die ich auf meiner eigenen kleinen Reise in die Region traf, entsprachen keineswegs dem Ideal des „edlen Wilden“. Sie lebten in ärmlichsten Verhältnissen am Rande der Siedlungen ihrer bäuerlichen Nachbarn und wurden von ihnen zum Teil schamlos ausgebeutet, verspottet und missbraucht. Aber das war fast fünfzig Jahre nach Turnbull, in einer Zeit, in der die „Entwicklung“ die Kinder des Waldes längst erreicht und zu Bettlern herabgestuft hatte. Allerdings gab es nach Auskunft eines Wildhüters auch zur Zeit meines Aufenthalts, vor fast zwanzig Jahren, noch „echte“ Waldbewohner. Die waren nur gerade anderswo unterwegs.
Dass man nach der Veröffentlichung des Buches Zweifel an Turnbulls Aufrichtigkeit anmeldete, erklärt sich vielleicht auch aus einem Abwehrreflex, den der „zivilisierte“, also sesshafte Mensch seit jeher seinen vermeintlich ziel- und verantwortungslos umherstreifenden Artgenossen, den Jägern und Sammlern und in gewisser Weise auch den nomadisierenden Hirten, entgegenbringt.
Wir neiden ihnen ihre Freiheit und Unbeschwertheit. Wir wollen nicht glauben, dass sie ohne Terminkalender, Steuererklärungen, beheizte Wohnungen und die moderne Medizin womöglich glücklich oder gar glücklicher sein könnten, als wir es sind. Wir versuchen aus der Vertreibung aus dem Paradies eine Tugend zu machen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, denn dorthin zurück, das wissen wir genau, können wir nicht mehr.
Eine ähnliche Art der Verachtung, des Spotts, der aggressiven Missbilligung meines alternativen Lebensmodells hatte ich erst vor einigen Tagen beim Therapietermin mit der Urlaubsvertretung meiner Psychotante erleben müssen. Was beweist: Nicht nur als Pygmä:in, auch als Trustafarian hat man es manchmal schwer.
Im Bücherschrank stand auch David Van Reybroucks Eine Geschichte des Kongo (2013), ein monumentales Werk, dessen 700 Seiten ich seinerzeit wie einen spannenden Thriller verschlang. Der Wälzer enthielt eine Fülle von Fakten und hinterließ doch den Eindruck, dass er gerade nur so an der Oberfläche der Geschichte dieses so vielfältigen Landes gekratzt hatte, dessen – wie Michael Crichton in seinem Roman Congo (1980) bemerkt – gigantische Ausmaße unsere noch immer von der Mercator-Projektion verzerrten Weltkarten bis heute erfolgreich verbergen.
Van Reybroucks Buch bestätigte in jedem Fall, was mir viele Jahre vor der Lektüre meine Gesprächspartner in Uganda vor dem Grenzübertritt in den Kongo immer wieder gesagt hatten: „Congo is a crazy place.“ Das wohlwollend hinzugefügte „Don’t go there!“ ignorierte ich damals, denn ich war jung und abenteuerlustig und noch im Vollbesitz jenes gottgegebenen jugendlichen Glaubens an die eigene prinzipielle Unsterblichkeit.
Seitdem habe ich noch einige andere Bücher über den Kongo gelesen. Michela Wrongs In the Footsteps of Mr. Kurtz (2000) erzählt, fast fünfzehn Jahre vor Reybrouck, die Geschichte des vom Westen hofierten Diktators Mobutu, der das von ihm in Zaire umbenannte Land wie seinen Privatbesitz behandelte und hemmungslos ausplünderte, bis er von einem neuen Dieb und Plünderer namens Kabila gestürzt wurde. Das Milliardenvermögen Mobutus ist bis heute verschwunden, vermutlich in jenem dichten Dschungel von Offshore-Firmen und Steuerparadiesen, der selbst für die hartnäckigsten Ermittler nicht zu durchdringen ist. Immerhin ist es beruhigend zu wissen, dass Mobutus Clan nicht darben muss, denn der bekam im Juli 2009 die 7,7 Millionen Schweizer Franken auf dem einzigen noch auffindbaren Schweizer Konto ihres Big Daddy zugesprochen.
Ich las auch Blood River (2007), den Reisebericht des Journalisten Tim Butcher, der aus keinem erkennbaren Grund mit dem Motorrad quer durch den Kongo reiste und dabei ebenfalls das Bild eines, vorsichtig ausgedrückt, nicht unbedingt reibungslos funktionierenden Gemeinwesens zeichnete. Ich erinnere eine Stelle, an der sich Butcher über das Fehlen von Vogelstimmen im Dschungel wundert, bis ihn ein Einheimischer darüber aufklärt, dass sämtliche Piepmätze der Umgebung längst im Kochtopf gelandet seien, zusammen mit Affen, Antilopen, Wildschweinen und allerlei sonstigen Waldgetier.
Und natürlich dürfen auch die Bücher über die berüchtigten „Kongo-Greuel“ des belgischen Königs Leopold nicht fehlen, in gewissem Sinne der historische Vorläufer Mobutus, der den Kongo-Freistaat ebenfalls hemmungslos ausbeutete und dessen Concessionaires Menschen die Hände abhacken ließen, wenn sie nicht genügend Kautschuk gesammelt hatten. Hier erregte besonders Adam Hochschilds King Leopold’s Ghost (1999) seinerzeit viel Aufmerksamkeit, was beweist, dass reißerische und bluttriefende Sujets auch beim zehnten Aufwärmen noch ein Publikum finden können.
Am Anfang und Ende vieler dieser Kongo-Bücher hellhäutiger Menschen steht eigentlich immer der polnische Schiffskapitän Józef Teodor Konrad Korzeniowski, der unter dem Namen Joseph Conrad der englischen Literatur einige nicht zu verachtende Werke bescherte. Conrads Novelle Heart of Darkness prägt bis heute die Vorstellung, die wir Bleichgesichter uns vom Kongo machen.
Die meisten Kongo-Abenteurer suchen im Herzen Afrikas nach etwas, das vielleicht weniger mit dem Kongo als vielmehr mit ihnen selbst zu tun hat: das atavistische Herz der Welt, die unter der Tropenhitze brütende Gebärmutter der Menschheit, einen Ort, an dem klar wird, wozu der Mensch fähig ist, wenn er die dünne Haut der Zivilisation abstreift und seinen Urinstinkten – im positiven wie negativen Sinne – wieder verfällt, ein Land, das unsere Begriffe von Vernunft und Ordnung ad absurdum führt, einen Zerrspiegel, der ihnen Seiten ihrer Persönlichkeit offenbart, die sie bisher nur erahnten, und sowohl die düstersten (Colonel Kurtz), als auch die (vermeintlich) hellsten Reaktionen (Dr. Schweitzer) provozieren kann.
Für die Weißen ist der Kongo also kein Ort, sondern eine Projektionsfläche. Oder ein Selbstbedienungsladen – wie die Geschichte. Jeder sucht sich darin aus, was ihm passt. Was mich betraf, so suchte ich mir seinerzeit den Kongo aus, den auch Turnbull und mein im Dschungel verschollener kryptozoologischer Vorfahr gesucht hatten: den Ur-Kongo, in dessen noch vorhandenen Primärregenwäldern es angeblich noch viel zu entdecken gibt.
Während meine lächerliche Mission sich damals buchstäblich in Regenwasser auflöste und ich Wochen in einem Dorf im Urwald verdämmerte, befand sich das Land in Aufruhr, weil die beiden Präsidentschaftskandidaten Kabila und Bemba um die Macht rangen. Das erfuhr ich allerdings erst später. Das Informationsmonopol besaß der Dorfälteste, in Form eines Batterieradios von Panasonic, mit dem er den UN-Sender Radio Okapi empfangen konnte. Doch weder er, noch ein anderer Bewohner des Dorfes fühlte sich bemüßigt, mich darüber zu informieren, dass sich nur 180 km östlich, in der Nähe der Provinzhauptstadt Bunia, UN-Blauhelme und die kongolesische Armee blutige Gefechte mit lokalen Milizen lieferten und man befürchtete, die Region könnte vor einem weiteren Krieg stehen.
Vielleicht wollte man mich nicht beunruhigen? Befürchtete man, dass ich in Panik geraten und versuchen würde, die Region über die längst unpassierbar gewordene Nationalstraße zu verlassen? Wollte man nicht auf die kleinen Obuli verzichten, die ich den betagteren Dorfbewohnern im Austausch gegen garantiert authentische Erinnerungen an meinen verschollenen Vorfahren zukommen ließ?
Wie dem auch sei, die Ironie meines Aufenthalts war, dass ich mich zu Tode langweilte, während es in vielen Teilen des Landes ausgesprochen heiß herging. Was einmal mehr belegt, dass ich eben nicht zum Journalisten geboren bin.
Dass ich – zumindest zu diesem Zeitpunkt – auch als Autor nicht viel taugte, ist wiederum durch die Tatsache bestätigt, dass ich in jenen Wochen keine einzige Zeile schrieb. Mein Tagebuch blieb unangetastet. Ich hatte einfach keine Energie zum Schreiben.
Dass echte Schriftsteller auch der langweiligsten Situation am Ende noch etwas abgewinnen können, musste ich feststellen, als ich Jahre später eine phantastische Passage in Evelyn Waughs Reisebuch Remote People (1931) las. Dort beschreibt Waugh, wie er sich, nachdem er den Anschlusszug nach Dschibuti (auch so eine glamour destination) verpasst hat, im äthiopischen Harar zu Tode langweilt:
No one can have any conception of what boredom really means until he has been to the tropics. The boredom of civilised life is trivial and terminable, a puny thing to be strangled between finger and thumb. The blackest things in European social life – rich women talking about their poverty, poor women talking about their wealth, weekend parties of Cambridge aesthetes or lecturers from the London School of Economics, rival Byzantinists at variance, actresses off the stage, psychologists explaining one’s own books to one, Americans explaining how much they have drunk lately, houseflies at early morning in the South of France, amateur novelists talking about royalties and reviews, amateur journalists, quarrelling lovers, mystical atheists, raconteurs, dogs, Jews conversant with the group movements of Montparnasse, people who try to look inscrutable, the very terrors, indeed, which drive one to refuge in the still-remote regions of the earth, are mere pansies and pimpernels to the rank flowers which flame grossly in those dark and steaming sanctuaries.
Bamm! Ein Schlag ins Gesicht jedes mediokren Möchtegern-Schreiberlings wie meiner Nichtswürdigkeit.
Die Passage geht über mehrere Seiten und ließe sich beinahe als kleine Anatomie der tropischen Langeweile bezeichnen. Interessanterweise bereiste Waugh etwas später ebenfalls den Kongo und erlebte abermals, gar nicht so weit von meinem damaligen Leidensort entfernt, akute Anfälle jenes taedium tropicum, das ihn schon in Äthiopien heimgesucht hatte.
Wenn ich in der Rückschau das Grundgefühl meiner Zeit im Kongo beschreiben müsste, fiele mir nur ein Satz ein:
„Er fragte sich beständig, warum er jemals nach irgendetwas gefragt hatte.“
Aber lassen wir das. Im Gegensatz zu mir ist mein Freund Sören* ein richtiger Journalist. Und Autor. Kein Schriftsteller, zugegeben, aber eben immerhin Autor. Noch dazu ein recht erfolgreicher.
Deswegen halte ich es für durchaus denkbar, dass er jeder Kongo-Reise, selbst der langweiligsten, irgendetwas abgewinnen könnte. Und auch ich habe mich ja, was das Schreiben betrifft, seit meiner späten Jugendreise ein wenig weiter entwickelt.
Als Sören sich deshalb, mit der üblichen Verspätung und dem üblichen spitzbübischen Lächeln, zu unserem digitalen Stelldichein bequemte, fragte ich ihn geradeheraus, warum er eigentlich in den Kongo reisen wolle.
„Keine Ahnung“, sagte er. „Ich bin fünfzig, die Kinder sind aus dem Haus, meine Frau hat ihre eigene Karriere, und als Autor bin ich irgendwie in einer Sackgasse angelangt. Ganz zu schweigen vom Journalismus, der bei allem Zweckoptimismus gerade den Bach runtergeht. Also, warum nicht in den Kongo reisen?“
Ich stellte fest, dass Sören, wie so viele andere Kongo-Abenteurer vor ihm, versuchte den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Aber ich sagte ihm das natürlich nicht. Stattdessen ließ ich es zu, dass er eine recht detaillierte Landkarte der CIA – Gott weiß, wo er sie aufgetrieben hat – am Bildschirm mit mir teilte und mich bat, ihn zu dem Dorf zu navigieren, in dem ich damals die Regenzeit aussaß.
Ich bemühte mich ehrlich, erinnerte mich sogar daran, dass es nicht weit vom berühmten Okapi-Wildreservat gewesen war, sah mich jedoch außerstande, mich auf den Namen und die genaue Lage zu besinnen. Nach zehn Minuten gaben wir es auf. Überdies betonte ich, dass ich jene Ecke des Kongo nur sehr ungern noch einmal aufsuchen würde.
„Kein Problem“, meinte Sören. „Wir wollen ja auch den eigentlichen Kongo runter und nehmen natürlich den Flussdampfer, oder?“
„Von mir aus.“
Wir schmiedeten weiter vage Pläne. Am Ende kristallisierte sich eine Fahrt auf einer Masúwa heraus, einem motorisierten, museumsreifen Stahlschiff, das eine Reihe von gigantischen Lastkähnen – Barges – vor sich her schiebt. Auf diesen Kähnen reisen hunderte oder sogar tausende Händlerinnen und Händler, Flussanwohner und Arbeitssuchende zwischen Kinshasa und Kisangani hin und her. Die Fahrt dauert mehrere Wochen, kann sich aber auch über Monate hinziehen, je nachdem, wie oft das Schiff wegen einer Havarie oder anderer Widrigkeiten anhalten und pausieren muss. Das Pikante: Es gibt keine festen Abfahrtszeiten. Wie die in Afrika allgegenwärtigen Minibustaxis fahren auch diese riesigen Ungetüme ab, wenn sie voll sind. Man kann also über Wochen in Kinshasa festsitzen und auf die Abfahrt warten – oder mit viel Glück kurz nach seiner Ankunft eines erwischen.
Da dämmerte es uns beiden, dass sich der Begriff „Plan“ und der Begriff „Kongo“ eigentlich ausschließen. Wir verkniffen uns beide den Gemeinplatz „Der Weg ist das Ziel“ und beschlossen, unser kleines Reisekolloquium auf einen späteren Termin zu verschieben. Ich denke, so schnell werde ich meinen Tropenanzug nicht bügeln müssen.

*Name von der Redaktion geändert.

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