Von der Substanz

Ich weiß, es klingt wenig glaubwürdig, aber der heutige Tag verlief noch ereignisloser als der gestrige. Es war wieder heiß, ich wälzte mich lange im Bett herum, dann schleppte ich mich auf die Veranda, verscheuchte, sofern ich die Kraft dazu fand, die Fliegen, die von meinem Schweiß naschen wollten, und verfolgte im übrigen blinzelnd den Lauf der Sonne am farblosen Himmel.

Die bleierne (Pardon pour le cliché littéraire), zum Abend hin zunehmend mit Feuchtigkeit gesättigte Hitze rief Erinnerungen an den Kongo wach. Dorthin war ich vor langer Zeit, als das „junger Mann“ der Fleischereifachverkäuferinnen noch nicht ironisch gemeint war, gereist, um die Spur meines Urgroßonkels mütterlicherseits zu verfolgen.

Sein Name tut wenig zur Sache, begnügen wir uns mit der Information, dass er als Amateurnaturforscher (in meiner Familie waren und sind eigentlich alle Amateure, das macht uns so liebenswert) in den 1930er Jahren auf einer Expedition verloren ging, die in der Gegend des Ituriwalds nach einem Tier suchte, dessen Existenz der Wissenschaft bisher verborgen geblieben war. Der Gute hatte wohl den ein oder anderen an der Waffel, ist allerdings unter Kryptozoologen auch heute noch eine Koniphere, was sich natürlich keineswegs ausschließt, im Gegenteil.

Jedenfalls suchte mein Ahn auf besagter Reise, die von der „Entdeckung“ des Okapi im Jahr 1901 durch Sir Harry Johnston und der „Wiederentdeckung“ des liberianischen Zwergflusspferdes durch den Hamburger Abenteurer Hans Schomburgk zehn Jahre später inspiriert war, nach einer Art Plesiosaurier, der in einem mythischen Kratersee inmitten des Urwalds leben sollte.

Ob er ihn gefunden hat, weiß man nicht. Das letzte Lebenszeichen von ihm traf drei Tage nach seinem Abmarsch auf der kleinen Missionsstation ein, von der er aufgebrochen war. Er hatte einen Boten zurückgesandt, um sein Rasierzeug zu holen. Das hatte er vergessen. Danach hat man weder von ihm noch den Mitgliedern seiner Expedition und schon gar nicht von der Trägerkolonne je wieder etwas gehört. Solche Rätsel können einen jungen Mann schon in ihren Bann schlagen, und deshalb fuhr ich damals in den Kongo, der, wenn ich mich recht erinnere, erst seit wenigen Jahren wieder so hieß. Davor schimpfte sich das Land bekanntlich Zaire und wurde von einem lupenreinen und Gott sei Dank antikommunistischen Demokraten namens Mobutu, nun ja, nennen wir es „regiert“.

Wie dem auch sei, meine eigene Expedition erlitt wohl noch früher Schiffbruch als die meines Vorfahren. Ich hatte es versäumt, mich bezüglich der optimalen Reisezeit im Vorfeld zu informieren, und als ich in der betreffenden Region eintraf, hatte die Regenzeit gerade begonnen. Nachts schüttete es wie aus Kübeln, und tagsüber sog die schwüle Hitze mir jeden Rest der Energie, die ich ohnehin nie wirklich besessen habe, aus den Poren.

Ich kämpfte mit einer bis dahin und auch danach nie mehr gekannten Mattheit, einer mysteriösen Augeninfektion, die mich drei Tage lang erblinden ließ, Moskitos, Riesentausendfüsslern, Sandflöhen, den zähesten Rindersteaks, die ich je zu kauen versuchte, einem korrupten Ortsvorsteher, einem noch korrupteren Polizeichef und – einheimischen Informanten.

Es hatte sich schnell herumgesprochen, auf welcher Mission ich mich befand, und das Dorf sah mich als willkommene Einkommensquelle. Immer wieder erschienen höfliche Zeitgenossen auf der Veranda meiner Unterkunft, um mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit wertvolle Informationen zum Verschwinden meines Urgroßonkels zu verkaufen. Die meisten waren ältere Herren, wahrscheinlich hatten ihre Familien sie vorgeschickt. Sie behaupteten, sie selbst oder ihr Vater hätten den Verschollenen persönlich gekannt.

Ich muss sagen, dass die tollkühnen Geschichten dieser kongolesischen Münchhausens der einzige Lichtblick meines sonst eher deprimierenden dreiwöchigen Aufenthalts waren. Sie waren in jedem Fall das Geld wert, mit dem ich das Dorf vermutlich wohlbehalten und -genährt durch die Regenzeit brachte und den Bewohnern auch einige längst fällige Anschaffungen ermöglichte. Jedenfalls sah ich bei meiner Abreise etliche Gartengeräte, batteriebetriebene Radios, frisch gestrichene Schuppen, bunte Plastikeimer und Fischnetze in den Gehöften, die bei meiner Ankunft mit Sicherheit noch nicht da gewesen waren. Die fröhlichen Gesichter beim Abschied und die warmen Bitten, ich möge doch bald wiederkommen, kamen von Herzen.

Seitdem erinnern mich schwüle Hitzetage wie heute stets an die endlosen Schwitzstunden des Wartens auf Godot und meinen Fahrer Augustine, der versprochen hatte, mich drei Wochen nach meiner Ankunft wieder abzuholen und dieses Versprechen trotz des Zustandes der „Straßen“ in dieser Gegend glücklicherweise auch einlöste.

Was gibt es sonst zu berichten? Letzte Nacht habe ich endlich Ruslan und Ludmila zu Gesicht bekommen. Sie kratzten devot an meiner Zimmertüre und baten um Einlass. Vermutlich hatten sie Hunger oder Langeweile. Ich ließ sie herein und hielt ihnen eine gesalzene Standpauke auf Russisch. Ich sagte ihnen unter anderem, dass sie sich schlimmer benähmen, als gemeine Frettchen, was sie offenbar tief traf. Kein Hermelin, der etwas auf sich hält, und schon gar kein Nerz, mag es, mit jenen devoten, domestizierten Weicheiern verglichen zu werden, die sich der Mensch zum Vergnügen hält, deren Fell nur als minderwertig bezeichnet werden kann und deren Tischsitten im übrigen sehr zu wünschen übrig lassen.

Als ich ihre betroffenen Blicke sah, wusste ich, dass sie mir von nun an aus der Hand fressen würden. Als Geste der Gnade gab ich ihnen ein paar Wachteleier zum Naschen. Bevor sie sie anstachen, hoben sie die Köpfe, als wollten sie um Erlaubnis bitten. In dieser Nacht hatte ich meine Ruhe.

Einmal fragte ich Wassili, wie es käme, dass sich ein Nerz und ein Hermelin so gut vertrügen. Nach allem, was ich über die Gewohnheiten dieser possierlichen Marder gelesen hatte, waren sie fanatische Einzelgänger, die ihr Revier gegen Artgenossen und schon gar gegen artfremde Konkurrenz bis auf den Tod verteidigten, ein Kampf, der in diesem Fall mit Sicherheit mit dem Tod der kleineren und zarteren Ludmila geendet hätte.

Wassili fragte mich, wo ich das denn gelesen hätte. „Im Handbuch der Pelztierzucht von Reck, Hohner und Krahnert“, antwortete ich.

„Ah!“ Wassili lächelte und zog befriedigt an seiner Meerschaumpfeife. „Da haben wir’s. Das Buch habe ich den beiden nie gegeben.“

Was wohl seine Art und Weise war, mich darüber aufzuklären, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als Horatio sich seinerzeit ausmalte und er besser daran getan hätte, hin und wieder mal die Schule zu schwänzen und beim Leben in die Lehre zu gehen.

Apropos Leben: Morgen bin ich nach Bad Theolingen eingeladen, wo mein Gutsverwalter Volkmar Kühlwetter seinen 85. Geburtstag festlich begehen wird. Es wird mit reger Beteiligung der weitläufigen Verwandtschaft und Bekanntschaft gerechnet. Tatsächlich ist der Gästekreis bei den Jubiläen in den letzten zwei, drei Jahren erheblich gewachsen. Das könnte mit dem fortgeschrittenen Alter des Jubilars und seiner zunehmenden Hinfälligkeit zu tun haben. Die Geier umkreisen sozusagen das sterbende Wild, um sich ihren Anteil zu sichern. Vielleicht ist Herr Kühlwetter aber auch im hohen Alter verträglicher und daher beliebter geworden. Möglich ist beides.

Was das Weltgeschehen jenseits meiner sorgenfreien Oase betrifft, so habe ich daran heute nur geringen Anteil genommen. Nachricht des Tages: 49.000 Migranten gelang es, schwimmend in die spanische Exklave Ceuta zu gelangen. Den Bildern nach zu urteilen, haben sie sich sehr darüber gefreut. Ungefähr so sehr wie die Ostdeutschen, die seinerzeit auf der Mauer tanzten. Ich wünsche ihnen alles erdenklich Gute.

Außerdem erfuhr ich, dass heute der „Erdüberlastungstag“ ist. Demnach hat die Menschheit heute alle Ressourcen verbraucht, die die Erde innerhalb eines Jahres erneuern kann und lebt also für den Rest des Jahres ökologisch gesprochen von der Substanz.

Das muss nichts Schlechtes sein. Ich für meinen Teil habe damit gute Erfahrungen gemacht. Seit der Finanzkrise meide ich windige Anlageprodukte und beschränke mich auf die Zinsen und Renten, die mein sehr konservatives Restportfolio abwirft. Natürlich kann ich mit diesen mageren Einkünften meinen Lebensstil nicht auf Dauer finanzieren. Aber das ficht mich nicht an. Von der Substanz zu leben, stählt den Charakter. Das hat einmal ein sehr kluger Mann gesagt: ich. Wenn alle ist, ist alle, und dann – beginnt das wahre Abenteuer.

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