Das Personal aus dem Urlaub zurück – endlich. Den Anfang machte am Sonntagabend mein Chauffeur Marc, von dessen Urlaubsabenteuern auf Martinique ich in einem früheren Beitrag schon berichtete. Marc war allerbester Dinge, schwärmte in höchsten Tönen von seinem karibischen Inselparadies und kündigte im Übrigen seine baldige Kündigung an. Er habe die feste Absicht, nach Martinique überzusiedeln und dort seinen Lebensabend zu zelebrieren.
„Berlin ist für mich gestorben, Slava“, verkündete er, während wir zur Begrüßung einen von ihm zubereiteten karibischen Krabbeneintopf, eine Flasche Chablis und eine gute Zigarre vernichteten. „Die Stadt, wie ich sie einst kannte und liebte, ist dahin, passé, perdu! Seit Jahren geht es mit ihr nur noch bergab. Selbst das Autofahren macht keinen Spaß mehr.“
Ich bat ihn, seine Aversion zu präzisieren, aber er winkte ab und unterstellte mir, ich wüsste ja selbst genau was er meine. Ich versicherte ihm, dass ich es tatsächlich wüsste, obwohl mir derartige Generalkritiken meiner Umwelt, verbunden mit einer unbestimmten Nostalgie für vermeintlich bessere Tage eigentlich fremd sind.
Ich nahm Marcs Auswanderungspläne nicht ernster, als sie es verdienen. Seit Jahren überrascht er mich immer mal wieder mit persönlichen Umbruchsphantasien, individuell proklamierten „Zeitenwenden“, wenn man so will. Meistens nach dem Urlaub.
Die haben fast immer damit zu tun, Berlin den Rücken zu kehren und irgendwo anders nochmal ganz neu anzufangen, in Spanien, Frankreich, der Karibik oder Neuguinea. Ich finde das ehrlich gesagt rührend, insbesondere in seinem Alter. Er geht immerhin auf die Sechzig zu.
Wenn er es wirklich einmal tut, wünsche ich ihm alles Glück der Welt. Bis dahin warte ich ab und trinke Tee mit dem leckeren Rum, den er mir aus Martinique mitgebracht hat.
Am Montagmorgen war Marc jedenfalls schon fast wieder der Alte. Er schimpfte mit mir, weil ich den Lada Niva bei meinem Ausflug ins Schwöblinger Land angeblich falsch gefahren hätte und drohte mir mit einer saftigen Rechnung, wenn er den Wagen am Donnerstag in die Werkstatt brächte. Die anderen Autos fuhr er gestern nacheinander in die Handwaschanlage, wo er sie liebevoll reinigte, polierte und nebenbei Songs der offenbar aus Martinique stammenden Rapperin Meryl hörte.
Am Nachmittag fuhr er mich bei bester Laune zu meiner ebenfalls aus den Ferien zurückgekehrten Therapeutin Patricia Pavlovic, mit der ich ein sehr spezielles Hühnchen zu rupfen hatte: Statt mich vorab über ihren Urlaub zu informieren und meinen Termin zu stornieren, hatte sie mich einfach einer Urlaubsvertretung überlassen. Als ich vor gut zwei Wochen nichtsahnend in ihrer Praxis aufschlug, saß mir eine grauhaarige, nun ja, Frau gegenüber, die mich in ihrer bildungsbürgerlichen Strenge an die Mama des Muttersöhnchens in Loriots „Ödipussi“ erinnerte. Sie stellte sich als Barbara Schußloch-Dunstmann vor und wiegelte meine zarten Einwände, ich wäre ja eigentlich bei Frau Pavlovic in Behandlung rabiat ab: „Termin ist Termin, Herr Steiner. Ich bin sicher, Sie haben mir einiges zu erzählen.“
Ihnen habe ich gar nichts zu erzählen, dachte ich, begann dann aber doch irgendetwas aus meinem Leben zu berichten, in der Hoffnung, sie würde es wie meine geliebte Patricia machen, sinnierend lächelnd im Sessel sitzen, lustige Comicfiguren in ihren Ringbuchblock kritzeln und sich mit mir von ihren anstrengenderen Patientinnen und Patienten erholen. Am Ende unserer Sitzungen zeigt mir Patricia meist ihre „Notizen“ – als bekennendes Mitglied von D.O.N.A.L.D. (Deutsche Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus) kann sie die Ducks sehr gut zeichnen – und dann klatschen wir noch ein bisschen bei einer Tasse Kaffee über Gott und die Welt.
Aber Frau Schussloch-Dunstmann zeichnete nicht. Sie schrieb auch nicht mit. Sie schaute mich nur aus eisgrauen, kalten Augen unter zunehmend gerunzelter Stirn an und schüttelte schließlich kaum merklich den Kopf. Ein so verkommenes und verantwortungsloses Subjekt war ihr offenbar noch nie untergekommen. Sie musste nicht erst sagen, dass sie mir jeden Sexualstraftäter oder Drogenabhängigen vorgezogen hätte. Ich las es in ihrem Gesicht. Am Ende unserer Sitzung empfahl bzw. befahl sie mir, mich endlich nach einer nützlichen Tätigkeit umzusehen, etwas „Konstruktives“ zur „Gesellschaft“ beizutragen und dem Müßiggang abzuschwören. Sie erwähnte sogar den Begriff „versicherungspflichtige Beschäftigung“, als handele es sich dabei um eine Art Wundermittel für sämtliche Lebensprobleme und -krisen.
Ich weiß wirklich nicht, auf welchem Planeten diese Frau eigentlich lebt. Ich brauchte zwei Tage, um mich von dem Termin zu erholen. Und als ich am Montag bei Patricia vorsprach, war ich fest entschlossen, sie für ihre Nachlässigkeit zur Rechenschaft zu ziehen. Immerhin hatte ich ihr über Jahre hinweg die Treue gehalten, ihr nicht zuletzt durch Empfehlungen nicht wenig Geld in die Kasse gespült, und nun behandelte sie mich wie einen x-beliebigen Patienten, den man einfach so an eine Urlaubsvertretung aus der Hölle weiterreichen konnte.
Natürlich kam ich nicht dazu, ihr Vorwürfe zu machen. Sie strahlte gleich bei unserer Begrüßung über das ganze kanarensonnengebräunte Gesicht und lachte herzlich über den Streich, den sie mir gespielt hatte. „Nicht böse sein, Slava. Ich musste dir Barbara einfach mal präsentieren. Sie ist unglaublich, oder?“
Tja, so ist das eben. Ich kann niemandem ernsthaft böse sein. Manche würden das Charakterschwäche nennen, andere vielleicht Großzügigkeit. Ich nenne es, nun ja, myself.
Auch meine Haushälterin Rosanna ist zurück aus dem Urlaub in der Maremma. Ihre Familie stammt aus der Gegend um Pitigliano. Ein nettes Nestchen, auf einem hohen Felsen über der malerischen Landschaft thronend, und wie so viele andere im ländlichen Italien recht verwaist. Die Jungen zieht es in die Städte, die Alten bleiben zurück und sterben irgendwann. Vor Jahren war ich einmal da, um Inspiration zu suchen. Was ich fand, war Rosanna, die mich in einem zur Ferienunterkunft umgebauten Bauernhaus versorgte und auf mein Angebot hin, dasselbe in Berlin zu tun, überraschend ja sagte.
Heute kann ich nicht mehr ohne sie leben. Unsere Beziehung ist sehr innig. Auch sie schimpfte mich gestern nach ihrer Ankunft erst einmal gründlich aus. „Du bist ein richtiges Ferkel, Slavino! Man kann dich nicht eine Woche allein lassen. Ich werde mindestens zehn Tage brauchen, um das Haus wieder in Ordnung zu bringen.“ Dabei holte sie mit ihrem Staubwedel aus, als wolle sie mir eins oder auch zwei überziehen. Ich freute mich einfach nur, sie endlich wieder bei mir zu haben. Zum Abendessen kochte sie mir eine Riesenportion Tortelli Maremmani, goß mir einen aus ihrer Heimat mitgebrachten Ciliegiolo ein und stellte mir zum Nachtisch einen Teller mit Sfratto hin. „Ersticken sollst du dran!“ zischte sie liebevoll.
Ich freue mich, dass die Welt nun endlich wieder in Ordnung ist.
Beitragsbild: Von Pexels via Pixabay


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