Gibt es etwas Schöneres, als den August in der Sommerresidenz im Schwöblinger Land ausklingen zu lassen? Das fragte ich mich in der letzten Woche. Die Antwort lautete wenig überraschend „pas du tout“. Also fuhr ich am Donnerstag hin.
Natürlich sind vier Tage inklusive An- und Abreisetag, nicht genug Zeit, um in das wunderbare Schwöblinger Landkoma zu fallen, einen seligen Zustand, der die Grenze zwischen Relevanz und Nonchalanz wohltuend verschwimmen lässt. Den erreicht man frühestens nach einer Woche in jenem glücklicherweise von der Welt mit Nichtachtung gesegneten Landstrich.
Trotzdem war es sehr amüsant. Diesmal reiste ich in meinem mintgrünen Lada Niva, Baujahr 1982, an. Den nehme ich nur noch selten, denn seit dem Krieg kommt man nur sehr schwer an Ersatzteile. Dennoch erschien mir der Lada angemessen, denn mein russischer Residenzhausmeister Wassili war nach seiner obligatorischen jährlichen Trinktour endlich wieder im Dienst. Wie es schien, hatte er die „Dämonen der Traurigkeit“ erfolgreich ausgetrieben, denn er strahlte zur Begrüßung wie das Kernkraftwerk Tschernobyl unter dem Betonsarkophag und überreichte mir stolz einige von Bekannten über die Ostflanke eingeschmuggelte russische Konserven – Tuschonka, Sprotten, Pilze und Dorschleber – sowie eine Flasche Wodka der Marke „Baikal“.
Die leerte ich, als wir abends nach dem Diner noch zusammensaßen, ganz allein, denn Wassili bestreitet seinen gesamten Jahreskonsum in der einen Urlaubswoche, die er sich jedes Jahr gönnt. Danach ist er wieder trocken wie die Wüste Gobi.
Bevor jemand fragt: Der Krieg ist zwischen uns ein Tabuthema. Als Afghanistan-Veteran und erklärter Pazifist verweigert sich Wassili konsequent jeglichem mehr oder minder martialischen Kriegsgeschwätz. Obendrein steht er als typischer Homo Sovieticus – sein Vater stammte aus Perm im Ural, seine Mutter aus Lemberg – und Exilant nicht nur zwischen, sondern auch jenseits aller Fronten.
Stattdessen sprachen wir lange über Literatur, ein Hobby, das uns seit jeher verbindet. Wassili beglückwünschte mich dazu, in gewisser Weise dem Typus des in der russischen Literatur in vielerlei Form auftretenden „überflüssigen Menschen“ (лишний человек) zu entsprechen. Wir stritten uns ein wenig darüber, welchem Vertreter ich denn nun am ähnlichsten sei. Ich plädierte natürlich für Eugen Onegin, dessen intellektuelle Brillanz und modische Eleganz mir stets imponiert haben.

Wassili gestand mir jedoch höchstens 25 % Onegin zu. Dafür attestierte er mir etwa 40 % Oblomow, wegen einer ausgeprägten „Indifferenz gegenüber den Dringlichkeiten des Lebens“. Wie Weiland Onegin hätte ich allerdings einen starken Sinn für die „Absurdität der Selbstverständlichkeiten anderer“. Dieser sei jedoch gepaart mit einer noch immer ausgeprägten menschlichen und intellektuellen Neugier, die mich vor dem Gift der blasierten Langeweile, mit dem Puschkins Antiheld infiziert ist, bewahren würde.
Diese Neugier auf die Welt verband Wassili eher mit Pierre Besuchow (20 %), wobei mir jedoch dessen mitunter etwas angestrengte, fast verzweifelte Art der Sinnsuche abginge.
„Das ist wohl auch eine Frage des Alters“, warf ich ein. „Pierre ist ja noch jung.“ „Das mag sein“, räumte Wassili ein. „Aber waren Sie in Ihren Zwanzigern wirklich anders als heute, Wjatscheslaw Michailowitsch? Waren Sie jemals verzweifelt?“ „Natürlich!“ behauptete ich mit großer Vehemenz. „Als 1999 mein Lieblingshemd in der Reinigung verloren ging, war ich am Boden zerstört.“ Wassili lächelte nachsichtig. Das „Na bitte!“ konnte er sich sparen.
Aber er leistete sich noch eine weitere tolstoianische Analogie, für die ich mich wohl nicht zu schämen brauche: Er sprach mir immerhin 15 % Bolkonski zu – wegen einer ausgeprägten Tendenz zur kühlen Analyse und historischen Einordnung der Phänomene meiner Zeit. Die Ruhmsucht, das Pflichtbewusstsein und der Mut des Fürsten gingen mir allerdings gänzlich ab.
Ich sagte, dass ich damit leben könne, fügte allerdings halb im Scherz hinzu, dass mich das Prädikat „überflüssig“ doch ein wenig schmerze.
Wassili schenkte mir nach und legte eine Denkpause ein, was eine seiner liebenswertesten Eigenschaften ist. Wer nimmt sich heute noch die Zeit dafür?. Schließlich sagte er ernst: „So habe ich es ganz und gar nicht gemeint, Wjatscheslaw Michailowitsch. Wenn unsere Welt eines braucht, dann überflüssige, aber wache Menschen.“
„Das hast du schön gesagt. Na sdorowje und Amen.“
Es spricht für die Qualität des sibirischen Wodkas oder die stabilisierende Wirkung der fettreichen russischen Köstlichkeiten, dass ich am nächsten Tag keine Kopfschmerzen verspürte. Es gab also keinen plausiblen Grund, einen Oblomow-Tag auf dem Sofa einzulegen.
Stattdessen begab ich mich mit dem im Dorf ansässigen Kryptozoologen Rudolf Sombart in den Wald. Der Sorgenfreier Forst hat alles, was ein selbiger braucht: Bäume, Lichtungen, Pilze, verwitterte Weltkriegsschützenlöcher, ein bisschen Sperrmüll, vor allem jedoch die ausgedehntesten Farndickichte, die ich je in Augenschein nehmen durfte. Einige erstrecken sich über die Größe eines halben Fußballfeldes und geben in ihrer finsteren Undurchdringlichkeit der kindlichen Phantasie eines jung gebliebenen Tagediebs ebenso reichhaltige Nahrung wie der eines Kryptozoologen, der fest daran glaubt, dass es in diesen Miniaturwäldern noch vereinzelte Exemplare des Kleinsauriers Compsognathus longipes gibt.
Um seine Annahme zu beweisen, hat Sombart eine Art Teleskopsonde konstruiert, mit der er ein- bis zweimal die Woche im Farndschungel auf Erkundungsreise geht. Sie lässt sich bis auf zehn Meter ausfahren. Am Ende befindet sich eine Kamera, die schwarzweiße Live-Aufnahmen ihres Sichtfeldes auf einen kleinen Monitor überträgt.

Bisher ist Sombart noch keine Sichtung gelungen, und auch am Freitag waren wir glücklos. Außer einer Blindschleiche, einer Ratte, etlichen eindrucksvollen Spinnen und einer Ringelnatter spürten wir im Farnurwald keine nennenswerten Lebewesen auf. Doch bei jedem „contact“ begannen unsere Herzen schneller zu schlagen, hielten wir gespannt den Atem an, weiteten sich unsere Augen in Erwartung der größten paläontologischen Entdeckung des Jahrhunderts. Selbst ich, der ich im Gegensatz zu Sombart mit eher geringen Erwartungen in die Expedition ging, konnte mich der Faszination dieses besonderen Ausflugs in eine Welt, die sich sonst unseren Blicken entzieht, nicht ganz verweigern.
Nach gut zwei Stunden Saurierjagd bedankte ich mich herzlich bei meinem Expeditionsleiter und lud ihn mindestens ebenso herzlich nach Berlin ein. Dort treibt bekanntlich ein Urweltmonster namens „Messy“ sein Unwesen. Des nachts findet es auf unerklärliche Weise den Weg in die Wohnungen der schlafenden Berliner. Dort klemmt es sich Möbelstücke, Matratzen, Kleidung, elektrische Geräte, Küchenausstattung und sonstigen Hausrat ins Maul. Diese Beutestücke werden jedoch nicht verspeist, sondern – vielleicht zum späteren Verzehr – vor den Hauseingängen abgelegt.
Einige Spaßvögel – und von denen gibt es ja in einer Großstadt stets genug – haben es sich zur Gewohnheit gemacht, an diesen Tand Schilder mit der Aufschrift „Zum Mitnehmen“ oder „Zu verschenken“ anzubringen, was einer gewissen Ironie nicht entbehrt, denn meistens handelt es sich um eher unansehnliche Stücke, die eigentlich auf den Sperrmüll gehörten. Wie dem auch sei, Messy beschäftigt nicht nur die kryptozoologische Community, sondern auch die Berliner Stadtreinigung seit langem. Bisher ist es noch niemandem gelungen, das Monster bei der Arbeit oder in seinem Rückzugsraum – angeblich eines der vielen natürlichen oder künstlichen Gewässer der Bundeshauptstadt – zu beobachten. Vermeintliche Sichtungen am Wannsee erwiesen sich als Humbug bzw. Dumme-Jungen-Streiche.

Herr Sombart fand das hoch interessant und versprach, mich bei Gelegenheit zu besuchen, um selbst die ein oder andere Nachforschung anzustellen. Auf meine abschließende Frage, ob er sein Vermögen eigentlich in Kryptowährung anlege, reagierte er dann allerdings recht verständnislos.
Am Nachmittag erholte ich mich in der Hängematte von den Strapazen der Expedition und schaute gelegentlich Wassili dabei zu, wie er die alten Holzfensterläden der Sommerresidenz liebevoll lackierte – natürlich in Russischgrün.
Am Freitagabend begab ich mich in meinem Doc-Holiday-Outfit in den noch aus DDR-Zeiten stammenden, liebevoll restaurierten Tanzsaal des Wildwestferiendorfes „Sorgenfrei East“, wo ein zünftiger Squaredance stattfand. Ich ließ mich mehrere Stunden lang von einer fidelen Feiermeute in interessanten Kostümen über die Dielen schieben, kippte zwischendurch Bourbon (brrr!) und gewann in einer längeren Tanzpause 36,90 Euro beim Texas hold ‚em. Am Ende konnte ich mich nur mit Mühe der Avancen einer besonders liebenswürdigen Tanzpartnerin namens Sandra Brumme erwehren, die mich irgendwie „schuckelig“ fand. Überdies wurde ich auf dem Heimweg von einem kräftigen Regennuss bis auf die Haut durchnässt. Brrr.
Dem Bourbon sei Dank musste ich den Samstag dann tatsächlich in oblomowscher Manier verbringen. Erst am späteren Nachmittag ließ ich mich von Wassili an die Blaue Lagune fahren, wo ich feststellte, dass der Sommer nun in jene geheimnisvolle fünfte Jahreszeit übergegangen ist, von der Kurt Tucholsky einst schwärmte: Wärme, in der schon eine Prise Abschied steckt, klares und doch mildes, lange Schatten werfendes Licht, eine mal spiegelglatte, mal geheimnisvoll gekräuselte schwarzblaue Wasseroberfläche, träges Insektengebrumm, eine bis auf einen Specht merkwürdig schweigsame Vogelwelt und gelegentliches Knacken im trockenen Unterholz.
Über mehrere Stunden hinweg war ich der einzige Badende und kam mir am Schluss vor lauter See- und Waldeinsamkeit ein wenig vor wie der letzte Mensch auf Erden. Mir wurde ganz wehmütig ums Herz, und ich legte mir die verhalten pathetische Frage vor, wie viele Sommer ich wohl noch erleben würde. Doch bevor ich mich an die Beantwortung machen konnte, raschelte es im Dickicht und wenig später raste ein Aktiv-Seniorenpaar in Multifunktionskleidung – Typ früh verrentete Beamte – auf getunten E-Bikes an mir vorbei, wobei mich der Mann beinahe umriss. Im Wegfahren gab er noch ein gutturales Grunzen von sich, schaute sich jedoch nicht nach mir um. Da fühlte ich mich wieder ganz im Hier und Jetzt.
Die Rückfahrt am Sonntag verlief reibungslos – bis ich an einer Ampel Berlin feststellte, dass der Motor des Lada beim Anfahren stockte oder ruckelte oder stotterte oder wie immer der Fachausdruck lauten mag. Ich hätte doch den Maserati nehmen sollen.

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