Grüße aus Martinique

Ich zähle die Tage bis zum Ende der Urlaubszeit. Alle Freunde, Bekannten, Bediensteten und Dienstleistungserbringer sind in den Ferien. Was soll das?

Gestern musste ich mich nach zwei Wochen sogar dazu herabgelassen, mir selbst ein Päckchen Zigaretten zu kaufen. Für gewöhnlich schnorre ich bei meinem Chauffeur Marc. Doch der ist noch bis Ende des Monats auf Martinique.

Ich rauchte auf dem Rücksitz des Bentley, wie üblich. (Tatsächlich rauche ich eigentlich nur im Auto). Die Zigarette schmeckte überhaupt nicht. Nicht nur, weil es seit zwei Wochen die erste war, sondern weil die eigentliche Würze, die Konversation mit Marc, fehlte.

Marc und ich teilen eine gewisse Faszination für Napoleon. Marc aufgrund seines familiären Hintergrunds: Seine Familie erhielt 1812 ihre während der Revolution enteigneten Güter zurück, nachdem sein umtriebiger Vorfahr Etienne de Chateaumontagnard zum Unternehmer konvertiert war und sich mit Schuhlieferungen an die Grande Armée um das Empire verdient gemacht hatte.

Was mich betrifft, so habe ich mich immer für den Kaiser interessiert. Vielleicht weil Napoleons tiefer Fall nach seinem kometenhaften Aufstieg mir immer als willkommenes Alibi gedient hat, so etwas wie eine „Karriere“ gar nicht erst anzustreben.

Es entspricht wohl meiner Natur, in jedem vermeintlichen Erfolg stets schon die Saat des unvermeidlichen Niedergangs oder gar Falls zu erkennen. Einige würden das Demut, andere Weisheit, wieder andere wohl Faulheit nennen. Ich verweigere mich derartigen Etikettierungen und bin weiterhin einfach nur ich, denn das kann ich am besten.

Wie Marc mir in seiner letzten Urlaubsmail schrieb, hat er als Bonapartist auf Martinique keinen leichten Stand. Bekanntlich stammte die Kaiserin Josephine von der Insel, wo ihre Familie eine Plantage besaß, die natürlich von Sklaven – oder neudeutsch wohl „Sklav*innen – bewirtschaftet wurde.

Es verwundert deshalb nicht, dass die Beliebtheitsraten der Kaiserin unter den überwiegend von ehemaligen Sklaven abstammenden Bewohnern der noch immer unter französischer Verwaltung stehenden Insel nicht berauschend sind.

Eine Statue Josephines in Fort-de-France wurde 1991 buchstäblich enthauptet und stand fortan reichlich kopflos da. Vor einigen Jahren flammte der Volkszorn im Zuge der Proteste um den Mord an dem Afroamerikaner George Floyd erneut auf und das Denkmal wurde komplett zerstört.

Für Marc ein bedauerlicher, wenn auch historisch verständlicher Fall von Ikonoklasmus. Wie er schreibt, halten sich der Hass auf die ehemalige Kolonialmacht und das Bewusstsein für die Vorteile der fortdauernden Bindung an das Mutterland – Martinique hat einen im karibischen Vergleich hohen Lebensstandard – jedoch derzeit noch die Waage. Mit anderen Worten: Man meckert gegen Vater Staat, nimmt seine Unterhaltszahlungen jedoch gern mit. Wie bei uns.

Sicherlich schielen die Überseefranzosen aus Martinique bisweilen auf andere Inseln hinüber und kommen dabei zu dem Schluss, dass Freiheit zwar ganz schön, eine Mitgliedschaft in der EU aber auch nicht verkehrt ist.

Ganz unten auf der Liste, im Entwicklungskeller sozusagen, hockt natürlich Haiti, wo der „schwarze Napoleon“ Toussaint Louverture und sein Nachfolger Jean-Jacques Dessalines 1804 die erste freie schwarze Republik der Welt begründeten. Zwei Jahre zuvor hatte Napoleon die 1794 abgeschaffte Sklaverei wiedereingeführt – kein Ruhmesblatt in der Karriere des Korsen.

Dass Haiti kein Paradebeispiel erfolgreicher wirtschaftlicher Entwicklung darstellt, ist allgemein bekannt. Was natürlich auch an den 150 Millionen Goldfrancs lag, die Haiti als „Entschädigung“ für die Enteignung der Plantagen an die ehemalige Kolonialmacht zahlen musste.

Marc amüsiert sich jedenfalls prächtig und hat offenbar keine Gewissensbisse, dass er mich mutterseelenallein im Berliner Sommer zurückgelassen hat. Er schickt mir täglich Fotos der leckeren landestypischen Gerichte, die er vertilgt: Accras de Morue, Crabe de Terre Farci, Souskay, Colombo, Chatrou, Poisson Grillé Sauce Chien und wie sie nicht alle heißen. Offenbar hat er mit einem einheimischen Koch namens Aristide „Freundschaft“ geschlossen und verbindet nun genüsslich das Kulinarische mit dem Sexuellen.

Währenddessen sind mir schon vor einer Woche die von meiner Haushälterin Rosanna vor ihrer Abreise in die heimische Maremma vorsorglich zubereiteten und tiefgefrorenen Speisen ausgegangen, sodass ich mich entweder der nicht eben berauschenden lokalen Gastronomie oder meinen eigenen noch weniger berauschenden Kochkünsten überantworten muss.

Ich fühle mich in die Zeit zurückversetzt, in der ich mit meinem alten Freund Peter Miese an dem Anti-Gourmet-Kochbuch „Der Hunger treibt’s rein“ arbeitete. Bloß dass ich die in jenem genialen satirischen Kommentar zur Verfressenheit und Food-Obsession der besser bemittelten Mittelschicht aufgeführten Gerichte im Gegensatz zu meinem Kollaborateur natürlich nie selbst aß.

Peter ist übrigens als so ziemlich einziger meiner Freunde noch in der Stadt. Er arbeitet – natürlich – an seinem literarischen Vermächtnis. Diesmal ein Jahrhundertwerk, dessen Hauptfigur und Titel denselben Namen tragen: Magnus Opum. Ich bin mir nicht sicher, ob er sich das gut genug überlegt hat.

Irgendwann wird er mich sicher bitten, die Rohfassung zu lesen. Ich weiß schon jetzt, wohin ich dann flüchten werde: in den Urlaub.

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