Der Tag ist durchwachsen. Wie ein Schweinenackensteak vom Discounter.
Den Vormittag verbrachte ich mit der Arbeit an meinem neuen Roman Mandy und der Dandy. Er handelt von einem englischen Aristokraten der Regency-Zeit, der eines Morgens in einer Marzahner Plattenbauwohnung aufwacht und sich in eine ehemalige DDR-Leistungsturnerin mit bemerkenswert tiefer Stimme und eindrucksvollem Bartwuchs verliebt. Ich rechne mir gute Chancen auf den Booker Prize aus.
Zum Mittag traf ich mich mit meinem alten Bekannten Florian Flink. Florian ist Marketing-Experte. Er zeigte sich erschüttert über die miserable Qualität der derzeit allgegenwärtigen Wahlwerbung. Er hätte es natürlich sehr viel besser gemacht. Aber eine Initiativbewerbung seiner Agentur bei der Partei Volt mit dem Slogan „Volt ihr den totalen Kapitalismus?“ wurde aus ihm unverständlichen Gründen abgelehnt.
Danach kämpften wir uns zusammen durch den heftigen Sommerregen zu einem kleinen Fotoshooting für Florians Agentur bzw. einen seiner Kunden. Es handelt sich um eine Schweizer Uhrenmarke, die in ihren Anzeigen seit langem mit dem bekannten Vater-vererbt-Uhr-an-Sohn-Topos arbeitet. Florian ist der Ansicht, dass ich mich als Vaterfigur für das neueste Motiv hervorragend eigne. Für die Rolle des zwölfjährigen Sohnes hat er das Kind eines Bekannten gecastet, mit dem er vor einigen Jahren durch die Ägäis segelte.
Mein „Sohn“ heißt Karl Konstantin. Im Vorfeld des Shootings erwies er sich als relativ unausstehliche, verzogene und arrogante Rotzgöre. Meine Versuche, Konversation zu betreiben und so eine freundliche Arbeitsbeziehung aufzubauen, quittierte er mit offensiven Gähnattacken, abwechselnd rechts und links gehobenen Brauen und mitleidigen Blicken. Zwischendurch kontrollierte er auf dem Handyspiegel immer wieder den korrekten Sitz seiner perfekt gelegten Föhnwelle und des Kragens seines dezent gestreiften Oberhemds.
Irgendwann gab ich meine Bemühungen auf und flirtete stattdessen mit der Visagistin, einer passionierten Anglerin namens Agnes, die mir begeistert von ihren letzten Fangerfolgen berichtete. Ich bin mir nicht sicher, ob die Geschichte mit dem vor Pöhl gefangenen, 1,40 Meter langen Barrakuda der Wahrheit entsprach, aber wir leben nun mal in einer Welt, in der alte Gewissheiten sich in atemberaubender Schnelligkeit wie Brausepulver in Wasser auflösen.
Während der Fotograf noch die letzten Handgriffe am Setup verrichtete, versuchte ich, auf der Schweizer Uhr, die ich zum Shooting tragen sollte, die Zeitanzeige zu finden. Leider vergeblich. Es gab alles, was das Herz begehrte: Datums- und Wochentagsanzeige, Höhen- und Tiefenmesser, einen Geigerzähler, einen künstlichen Flughorizont, ein Barometer, einen Erdkrümmungssensor, Radar und allerlei weitere Spielereien. Nur die Zeit ließ sich nicht ablesen. Als ich Florian von meiner Beobachtung berichtete, beruhigte er mich: „Das ist heute nicht mehr zeitgemäß. Zu Retro.“ Na dann.
Die nächste Merkwürdigkeit: An meinem eher filigranen Handgelenk nahm sich der klobige Chronometer aus wie das von US-Streitkräften während des Zweiten Weltkriegs gern genutzte Handfunkgerät SCR-536 im Vergleich zu einem modernen Smartphone.

Florian zeigte sich erstaunt, obwohl er mit meiner Physis seit unserer letzten großen Benefizaktion für die gelangweilten Kinder von Bullerbüh („Im String-Tanga auf den K2“) eigentlich en detail vertraut sein müsste.
Aber Florian ist Pragmatiker. Er legte mir kurzerhand die Damenvariante der Uhr an. Auch diese mutete noch immer reichlich überdimensioniert an, erfüllte jedoch offenbar seine ästhetischen Mindestanforderungen.
Nun konnte es endlich losgehen. Und dabei zeigte Karl Konstantin (KK), dass er ein echter Profi war. Sobald der Fotograf losklickte, setzte er das charmanteste und zugleich devoteste Sohneslächeln auf, das man sich als Sorgeberechtigter nur wünschen kann. Ohne Hemmungen ging er auf Körperkontakt, schmiegte sich liebevoll an mich bzw. den viktorianischen Kaminsessel, auf den man mich platziert hatte und ließ sich mit leuchtenden Kinderaugen die Uhr zeigen, die ich ihm vaterstolzig vorführte.
Nach kaum zehn Minuten waren die Bilder im Kasten. KK knipste den Sohn sofort wieder aus und erbat sich ein Vieraugengespräch mit Florian, um noch einmal die Modalitäten der Zahlung seines Honorars zu besprechen. Dieser junge Mann, dachte ich beeindruckt, wird noch viel von sich reden machen.
Nach dem Shooting war ich erschöpft und ließ mich von dem uberaus freundlichen, aber leider ganz und gar ortsunkundigen Fahrer eines international tätigen Limousinendienstes nach Hause fahren. Als wir nach einer dreiviertelstündigen Odyssee durch die Straßen Berlins endlich bei mir ankamen, hatte ich ihm nicht nur das grundlegende Straßen- und Bezirkslayout der Bundeshauptstadt, sondern auch die Vorfahrtsregeln, die Ampeletikette und die Verfügungen für Linksabbieger erklärt. Eigentlich hätte er mir etwas zahlen müssen.
Wobei ich mich mit dem Limousinenfahrer nach der Ankunft noch sehr nett unterhielt. Es stellte sich heraus, dass er erst kürzlich als somalischer Flüchtling Zuflucht in der BRD gefunden hatte. Als ich ihn fragte, wovor er denn geflüchtet sei, nannte er nicht etwa Armut, Hunger oder Gewalt, sondern „das schlechte Fernsehprogramm.“ Gibt es einen besseren Grund, sein Glück im reichen Westen bzw. Norden zu versuchen? Mit Blick auf die hiesige Medienlandschaft befürchte ich allerdings, dass ihm demnächst eine herbe Enttäuschung bevorsteht.
Ich zähle weiß Gott die Tage, bis mein treuer Chauffeur Marc Anton de Chateaumontagnard, ein beleibter, gemütlicher, leider jedoch vollkommen verarmter Aristokrat aus der Dordogne, den ich noch nie beim Backgammon schlagen konnte, endlich aus seinem Urlaub in Martinique zurückkehrt.
Obwohl ich bisher noch nicht das Vergnügen hatte, Somalia zu besuchen, bin ich mit den dortigen Verhältnissen ein wenig vertraut. Vor Jahren las ich das Buch The Desert and the Sea des amerikanischen Journalisten Michael Scott Moore. Darin schildert er eine 977-tägige Gefangenschaft in den Händen somalischer Piraten, die ihn auf einer Reportagereise gekidnappt hatten. Obwohl das Buch eines gewissen Galgenhumors nicht entbehrt, strich ich das Horn von Afrika danach vorläufig von meiner To-go-Liste.
Die Begegnung inspirierte mich dazu, einem lange nicht betretenen Raum meiner Villa einen Besuch abzustatten: Das direkt unter dem Dach gelegene „Afrika-Zimmer“ enthält Souvenirs und Jagdtrophäen meines Urgroßvaters, der als passionierter Nimrod vor dem Herrn den sogenannten Dunklen Kontinent nach dem Zweiten Weltkrieg mehrmals bereiste.
Am denkwürdigsten war wohl ein Jagdtrip im Jahr 1953, zum Höhepunkt des sogenannten „Mau Mau Aufstands“. Auf der Fahrt in den wilden und ungezähmten „Northern Frontier District“ der damaligen britischen Kronkolonie geriet die Safari-Gesellschaft unweit der Aberdare Berge in Zentralkenia in die Hände der Rebellen.
Mein redegewandter Urgroßvater schaffte es jedoch, die „Freiheitskämpfer“ (die Kolonialherren sprachen natürlich von „Terroristen“) milde zu stimmen. Er erzählte ihnen, dass er als ehemaliger Offizier der deutschen Abwehr selbst jahrelang gegen die verhassten Briten gekämpft hatte, was allerdings nur zum Teil der Wahrheit entsprach.
Tatsächlich hatte er den Krieg in seiner Dienststelle in Limoges überwiegend damit verbracht, Karten zu spielen, Bordeaux zu trinken und jede ihm übertragene Aufgabe mit einer Mischung aus echter und sorgfältig gespielter Inkompetenz zu sabotieren.
Nun stellte er sich gegenüber den Mau Mau-Kämpfern als Antikolonialist dar, wobei er wohlweislich verschwieg, dass die Deutschen selbst eine zwar nur kurze, jedoch recht intensive Kolonialkarriere hingelegt hatten, bevor man ihnen ihre „Schutzgebiete“ nach dem Ersten Weltkrieg wegnahm. Man trennte sich schließlich in bestem Einvernehmen. Zum Abschied brachte mein Urgroßvater den Rebellen noch das Kartenspiel Mau Mau bei.
Während ich in seinen Reiseandenken und den Erinnerungen an sein Jägerlatein stöberte, stellte ich fest, dass sich in den ausgeblichenen Zebra-, Geparden- und Löwenfellen Motten eingenistet hatten. Ich verständigte den Kammerjäger, der sein Kommen für Ende der Woche ankündigte.
Das Afrika-Zimmer bleibt also bis auf Weiteres geschlossen.

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