Wer will, ist schon mal raus

Zuerst die gute Nachricht: Meine Haushälterin Rosanna spricht wieder mit mir. Nachdem ihr mein Chauffeur Marc gestern mitteilte, dass ich meinen Plan, zwecks Longevity einen japanischen Koch einzustellen, nun aufgegeben habe, ist sie wieder fast die Alte.

Meinen Morgengruß erwiderte sie heute mit einem freundlich verächtlichen „Buongiorno, signor pigrone!“ und knallte mir beherzt den heißen Morgenespresso vor die Nase. Gott sei Dank ist sie nicht nachtragend.

Jetzt die noch bessere Nachricht: Ich habe dem Kaiser in spe Horst Lichter gestern Abend per Fax im Auftrag der Partei der gemäßigten Monarchisten Deutschlands (PGMD) die Krone angetragen. Ich freue mich schon jetzt auf seine Absage. Dann hat die Suche nach dem perfekten Kandidaten endlich ein Ende.

Und zum Schluss die allerbeste Nachricht: Es gibt noch andere Menschen, die sich Sorgen um die Krise der Parteiendemokratie machen. So schlägt zum Beispiel Andreas Spillmann, ehemaliger Direktor des Schweizer Nationalmuseums, den Übergang zur Losdemokratie vor.

Soll heißen: Abgeordnete werden nicht mehr gewählt, sondern durch das Los bestimmt. Schluss mit Parteien, Karrierepolitikern, Klüngeln und Drehtüren. Stattdessen müssen Ludwig und Lieschen Müller ran, wenn sie gebraucht werden – ob sie wollen oder nicht.

Die Idee enthält durchaus Elemente der von der PGMD angestrebten Neuordnung der Gesellschaft. Allerdings ohne Kaiserin bzw. Kaiser. Da hat die Schweiz aufgrund ihrer Geschichte verständlicherweise Berührungsängste.

Dennoch freute ich mich sehr über Spillmanns Artikel. Denn er birgt Potenzial. Besonders hinsichtlich eines Dilemmas, das die PGMD schon seit Längerem beschäftigt: die Kandidatenauswahlfrage.

Natürlich ist die Grundidee der Losdemokratie – die Auswahl von Abgeordneten per Los – nach den Vorstellungen der PGMD nicht praktikabel. Aus dem einfachen Grund, dass es nach unseren Vorstellungen keine Abgeordneten mehr geben wird.

Denn auf ein Parlament würde die PGMD aus Kostengründen verzichten. Das eingesparte Geld könnte dann in eine möglichst prunkvolle Hofhaltung und Repräsentation Seiner Majestät investiert werden.

Wie im letzten Beitrag dargestellt, propagiert die PGMD derzeit „Wahlen nach Zahlen“. Dabei werden keine Abgeordneten, sondern die Regierungsmitglieder direkt gewählt.

Allerdings anonym. Der Wahlzettel enthält statt Namen Zahlen. Diese wurden zuvor den Kandidaten zugeordnet. Der Wähler weiß nicht, welche Zahl für welchen Kandidaten steht. Er kreuzt einfach seine Lieblingszahlen an. Wie beim Lotto. So werden unbewusst Spieltrieb und Gier-Gen aktiviert, was neben dem Ausschank alkoholischer Getränke in den Wahllokalen die Wahlbegeisterung steigern sollte.

Damit wäre das Wahlverfahren geklärt. Leider jedoch nicht die Frage, wer eigentlich gewählt werden kann.

Mit diesem Problem schlagen wir uns seit dem ersten Gründungsparteitag herum. Bisher bestand nur darüber Einigkeit, dass ausschließlich Personen infrage kommen, die bisher weder durch politische Ambitionen noch durch einschlägige Erfahrungen oder vertiefte Ressortkenntnis geglänzt haben.

Die Herausforderung besteht jedoch darin, solche Menschen überhaupt zu finden. Wer sich freiwillig für ein Regierungsamt bewirbt, dokumentiert damit schließlich bereits ein Maß an politischem Ehrgeiz, das ihn nach unseren Grundsätzen verdächtig macht.

Eine Selbstbewerbung scheidet damit naturgemäß aus. Bleibt die Frage, wer die Kandidaten auswählen soll. Anfangs wurde eine Jury aus PGMD-Mitgliedern erwogen. Doch als gefragt wurde, wer sich dafür zur Verfügung stellen würde, schauten alle verlegen nach unten, feilten an ihren Fingernägeln oder rückten ihre Krawatten zurecht.

Die Losdemokratie könnte hier Abhilfe schaffen. Die Kandidaten werden einfach aus der wahlberechtigten Untertanenschaft ausgelost und nach einer kurzen Überprüfung auf Unlust und mangelnde Erfahrung bzw. Kompetenz zur Wahl zugelassen. Wunderbar. Warum sind wir nicht längst darauf gekommen?

Ich sehe allerdings schon die nächste Diskussion wie eine Gewitterfront am Himmel heraufziehen: Wer überprüft die Kandidaten?

Aber damit beschäftigen wir uns, wenn es so weit ist.

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