Berlin und MeckPomm haben gewählt. Wjatscheslaw auch. Allerdings nicht ganz im herkömmlichen Sinne. Während andernorts über Mehrheiten, Koalitionen und Regierungsbildungen nachgedacht wurde, tagte auf Schloss Hungershagen der zwölfte Gründungsparteitag der Partei der gemäßigten Monarchisten Deutschlands. Und diesmal wurden tatsächlich Entscheidungen getroffen. Ein Bericht über das Unlust- und Unfähigkeitsprinzip, Wahlen nach Zahlen und die schwierige Suche nach einem Kaiser, der keiner sein möchte.
Während gestern – Sie werden es wahrscheinlich nicht mitbekommen haben – in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern gewählt wurde, weilte ich beim konstituierenden Parteitag der Partei der gemäßigten Monarchisten Deutschlands (PGMD) auf Schloss Hungershagen in der Elchheide.
Es war bereits der zwölfte Gründungsparteitag. Das liegt daran, dass sich meine geschätzten künftigen Parteifreunde bisher nur auf einen Punkt einigen konnten: die Wiederherstellung der Monarchie.
An der Frage nach der idealen Kandidatin bzw. dem idealen Kandidaten schieden sich jedoch bisher die Geister. Deshalb setzte uns die kommissarische Parteivorsitzende Lilly La Rochelle, die ich aus dem Studium noch unter ihrem bürgerlichen Namen Lars Lassmann kenne, gestern gleich zu Beginn die Pistole auf die Brust: Falls die Kandidatenfrage auf diesem Parteitag nicht geklärt werden könne, würde sie die PGMD noch vor der amtlichen Gründung wieder auflösen. Daraufhin rissen wir uns zusammen und berieten erstmals ernsthaft und zielorientiert.
Wir stellten fest, dass es seit dem Tod Franz Beckenbauers keinen eindeutigen und überparteilichen Thronprätendenten mehr gebe. Die Kandidaten der zweiten und dritten Wahl, Roland Kaiser und Herr Kaiser von der Hamburg-Mannheimer, seien nicht mehr die Jüngsten und kämen daher höchstens als Übergangsherrscher infrage.
Ersterer habe sich jedoch durch gelegentliche politische Aussagen und Positionierungen bereits selbst disqualifiziert. Laut vorläufigem Statut gehört zu den entscheidenden Auswahlkriterien für den neuen Souverän bzw. die neue Souveräneuse neben einer gewissen Popularität vor allem eine klar belegbare Unlust an der Ausübung öffentlicher und insbesondere politischer Ämter.
Einige Deputierte, die schnell zum gemütlichen Teil übergehen wollten, schlugen nun kurzerhand den Comicautor Ralf König vor. Die damit verbundene Herabstufung des Souveräns vom Kaiser zum König erregte jedoch bei vielen Unmut und wurde deshalb abgelehnt.
Eine ebenfalls aus Bequemlichkeit kurzzeitig erwogene Rückkehr der Hohenzollern auf den deutschen Thron scheiterte am vehementen Veto der Berliner Parteimitglieder, die zu bedenken gaben, dass es schon jetzt viel zu viele Schwaben in Berlin gäbe.
Überhaupt sind wir uns einig, dass der alte Adel längst abgewirtschaftet hat. Von und Zus sind zwar in der Partei willkommen, aber Reußprinzen und sonstige Blaublütler qualifizieren sich keinesfalls qua Herkunft für besondere Aufgaben und schon gar nicht für die Krone. Partei- oder Staatsämter werden ausschließlich nach dem Unlust- und Unfähigkeitsprinzip vergeben. Das gilt auch für den Monarchen bzw. die Monarchin.
Die wichtigste Aufgabe des neuen Souveräns ist die Repräsentation und die Verbreitung guter Laune im In- und Ausland. Dies wird vor allem durch das Tragen attraktiver Uniformen und das Halten möglichst belangloser, beruhigender bis einschläfernder Reden bewerkstelligt. Man sieht, dass die konstitutionellen Monarchien des Vereinigten Königreiches und anderer europäischer Staaten hier zum Teil Pate stehen.
Das Monarchieverständnis der PGMD sieht jedoch ausdrücklich auch besondere Zusatzqualifikationen vor. Das können z.B. Zaubertricks, Gesang, Akrobatik, Malen und Zeichnen, sportliche Misserfolge, aber auch Stand-up-Comedy oder Kochkünste sein. Politische, verwaltungstechnische, wirtschaftliche, militärische und sonstige Kenntnisse bzw. Interessen stellen hingegen klare Ausschlusskriterien dar.
Nach intensiven, aber überraschend konstruktiven Beratungen kristallisierten sich schließlich vier aussichtsreiche Kandidatinnen und Kandidaten heraus: Horst Lichter, Barbara Schöneberger, der vom Jugendverband vorgeschlagene Apache 207, den ich zunächst für einen Kampfhubschrauber hielt, sowie Bernd das Brot, für den ich leidenschaftlich votierte. Bernd landete bedauerlicherweise auf dem letzten Platz. In der Stichwahl setzte sich schließlich Horst Lichter durch.
Als ganz gegen meinen Willen einstimmig gewählter Parteisekretär wurde mir die Aufgabe übertragen, dem beliebten TV-Moderator per Fax die Kaiserkrone anzutragen. Bekommen wird er sie natürlich nur, wenn er sie entschieden ablehnt, denn Macht- oder Repräsentationshunger stehen einem deutschen Kaiser schlecht zu Gesicht, wie historische Präzedenzfälle hinreichend belegen.
Nachdem das zu unserer Verwunderung recht schnell geklärt war, diskutierten wir, nach welchen Regeln und Kriterien die Regierungsmitglieder bestimmt werden sollen.
Wahlen nach dem bekannten Muster scheiden dafür, bei allem Sinn für Humor und den unbestrittenen Spaßfaktor der zunehmend realsatirischen Wahlwerbung, natürlich aus. Ein Vorschlag stieß auf großen Anklang und wurde schließlich fast einstimmig angenommen: „Wahlen nach Zahlen“.
Dabei werden nach dem bekannten Lottoprinzip in der Wahlkabine Zahlen angekreuzt. Jede Zahl steht für einen zuvor nach dem Schöffenprinzip zwangsverpflichteten Kandidaten, wobei die Wähler selbstverständlich nicht erfahren, für welchen Kandidaten sie stimmen. Auch hier werden ausschließlich Personen ausgewählt, die sich bisher nicht politisch geäußert, positioniert oder gar engagiert haben. Eine vertiefte Ressortkenntnis ist ebenfalls ausdrücklich nicht erwünscht; hier bliebe auch unter der Monarchie alles beim Alten. Die Kandidaten mit den meisten Stimmen müssen wohl oder übel ran und bilden die Regierung, die natürlich in Hofkamarilla umbenannt wird.
Ein weiteres Reförmchen des Wahlrechts sieht den Ausschank alkoholischer Getränke in den Wahllokalen vor, je nach Haushaltslage und Region Champagner, Rotkäppchensekt, Bier oder Wein.
Die Ablehnung des gegenwärtigen Wahl- und Parteiensystems schließt natürlich auch einen Machtwechsel auf dem üblichen Wege aus. Die PGMD kann und will sich nicht an der Wahlposse beteiligen. Stattdessen wird nach der obligatorischen Absage des Wunschkandidaten der amtierenden Bundesregierung eine Petition zugestellt, in der die gewünschte Systemänderung angeregt wird. Dabei wird ausdrücklich auf das beliebte politische Unwort „Forderung“ verzichtet. Die PGMD fordert nicht, sie bittet höflichst und ist davon überzeugt, dass ihre schlüssige Argumentation zum Erfolg führen wird. Die Machtübertragung, wobei die Partei den weniger aggressiven Begriff „freundliche Übernahme“ bevorzugt, ist also eine reine Formsache.
Schlussendlich gab es noch eine kurze Debatte über die Staatssymbole des neuen Gemeinwesens. Bei der Flaggenfrage setzte sich vorläufig der pazifistische Flügel durch, dem ich selbst auch angehöre. Das neue Kaiserreich wird demnach durch eine weiße Flagge repräsentiert werden, was auch den Unterhalt einer eigenen Armee überflüssig macht und somit bares Geld spart. Was die Hymne betrifft, so gelang es den süddeutschen Parteifreunden, ihren Favoriten – den Zillertaler Hochzeitsmarsch – in einer zähen Debatte durchzubringen. Wobei hier natürlich Seine Majestät der Kaiser in spe auch noch ein Wörtchen mitzureden haben wird.
Es war ein langer und ungewohnt anstrengender Parteitag. Dass ernsthafte Parteiarbeit mit so viel Anstrengung verbunden ist, war uns allen bisher nicht so recht klar gewesen. Insofern bin ich mir nicht sicher, ob die PGMD nicht doch eine Eintagsfliege bleiben wird. Gleichwohl nehmen wir unsere staatspolitische Verantwortung sehr ernst – und erwarten nun mit Zuversicht die klare Absage Seiner künftigen Majestät Horst I.

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