Odysseus-Gedächtnistag Redux

Aufgrund der anhaltend großen Resonanz und zahlreicher Zuschriften hat sich die Redaktion von Steiner’s Digest entschlossen, den vorliegenden Beitrag noch einmal an prominenter Stelle zugänglich zu machen. Wir kommen damit dem vielfach geäußerten Wunsch unserer Leserinnen und Leser nach und bitten zugleich all jene um Verständnis, die den Text bereits kennen. Von weiteren Zuschriften zu diesem Thema bitten wir vorerst abzusehen.

Odysseus ist gerade in aller Munde. Deshalb legte ich heute einen Odysseus-Gedächtnistag ein. Ich zog mich vor der anhaltenden feuchtwarmen Hitze – die Luftfeuchtigkeit in Berlin ist höher als in Kinshasa – in meine Bibliothek zurück und begab mich auf eine ganz persönliche Odyssee durch die Steinersche Odysseus-Rezeption im Laufe der Jahrzehnte.

Begonnen hatte alles mit Gustav Schwabs „Irrfahrten des Odysseus“ in der wunderbaren Ausgabe des Berliner Kinderbuchverlags aus dem Jahr 1955.

Besonders charmant: die Reproduktionen der Illustrationen, die John Flaxman während eines Rom-Aufenthalts in den Jahren 1792 bis 1793 anfertigte.

Bis heute stelle ich mir den Dulder und all die anderen wunderbaren Figuren der Odyssee genau so vor.

Flaxman versuchte erst gar nicht, sich vorzustellen, wie die Menschen und Götter der Bronzezeit ausgesehen haben mögen. Ganz im Geiste der Wiederbelebung antiker Ästhetik und Mode im Zuge der Französischen Revolution bediente er sich frank und frei im Repertoire der klassischen Zeit.

Eine der beeindruckendsten Szenen der Odyssee war für mich immer der Ausflug des Helden in die Unterwelt. Dort plaudert Odysseus bekanntlich mit Achilles, Agamemnon, seinem kürzlich verstorbenen Freund Elpenor, seiner Mutter Antikleia und vor allem dem blinden Seher Tiresias, der ihm wunschgemäß die Zukunft voraussagt. Die Kontaktaufnahme zu Ajax scheitert leider, weil der auch nach seinem Ableben die eingeschnappte Leberwurst spielt und Odysseus übelnimmt, dass er ihn einst beim Wettstreit um Achilles‘ Rüstung besiegte.

In meinen frühen Zwanzigern unternahm ich sogar den schüchternen Versuch, eine eigene literarische Version einer möglichen Reise in die Unterwelt zu entwickeln. Beim Durchgehen meines Archivs fiel sie mir heute in die Hände.

Viele Autoren würden ihre Juvenilia ums Verrecken nicht veröffentlichen, weil sie sich für ihre vermeintliche Unreife schämen. Ich habe solche Bedenken nicht. Ich weiß, dass jeder Text in einem ganz eigenen Kosmos entstanden ist und eine Seite meines Selbst repräsentiert, die es natürlich nicht mehr gibt. Aber wer sagt, dass mein heutiges Ich interessanter ist als der junge Steiner? Deshalb teile ich die Geschichte hier:

Der Fährmann

Paul stand nachdenklich am Ufer des träge dahinfließenden breiten Stromes. Das Wasser war schmutzig gelb. Auf der gegenüberliegenden Seite ragten hinter einem seichten, schmalen, sandigen Uferstreifen graue Felswände senkrecht in die Höhe. Von der Fähranlegestelle führte ein schmaler Pfad geradewegs auf eine Öffnung in der Felsenmauer zu.

Zwei Menschen, die eben über den Fluss gesetzt hatten, bewegten sich langsam und zögernd auf diesem Pfad in Richtung Felsentor. Jetzt stieß die Fähre vom anderen Ufer ab, um ihn abzuholen. Der Fährmann, eine mönchsartige Gestalt in einem langen Kapuzenmantel, stand am Heck und lenkte den pechschwarzen Kahn mittels einer langen Stange durch die trüben Fluten.

Beim Näherkommen des Gefährts bemerkte Paul, dass der Fährmann sehr alt war. Offenbar hatte er sich gut gehalten. Paul konnte nicht umhin, Geschick und Kraft des Greises zu bewundern. Er verspürte Lust zu rauchen, aber er wußte, dass sich in den Taschen seines eleganten schwarzen Dreiteilers keine Zigaretten befanden.

So stand er einfach nur da, die Hände in den Hosentaschen, und erwartete gelassen die Ankunft der Fähre. Als es soweit war, sprang der Alte behende ins knöcheltiefe Wasser und zog den Kahn auf den Strand. „Na, was ist?“ rief er ungeduldig. „Brauchen Sie eine Extra-Einladung?“

Paul warf noch einen letzten Blick zurück auf den Tunnel, aus dem er vor einer halben Stunde getreten war, und kam dann der unfreundlichen Aufforderung nach. Er stieg unbeholfen ins Boot und setzte sich auf eine der beiden Holzbänke, wobei er feststellte, dass er seine schwarzen Lackschuhe im Schlamm ruiniert hatte. Der Alte schob die Fähre ins Wasser zurück, sprang hinein, griff nach seinem langen Flößerstab und trieb das Fahrzeug mit kraftvollen Stößen voran.

„Nicht viel los hier“, stellte Paul fest. „Wohl Nebensaison, was?“

Der Alte schien wenig bis gar keinen Spaß zu verstehen. Er schwieg und stakste verbissen weiter. „Wie sieht’s denn drüben aus?“ unternahm Paul einen weiteren Versuch.

Der Alte verdrehte entnervt die steingrauen Augen. „Wie oft habe ich diese Frage schon gehört. Sie werden schon noch genug Zeit haben, es sich genau anzuschauen. Zu viel Zeit, würde ich sagen.“

Paul ließ sich nicht einschüchtern und bohrte weiter: „Warum bin ich denn ausgerechnet hier gelandet?“

„Warum nicht?“ gab der Alte keuchend zurück. Paul überlegte kurz, ob er ihm seine Hilfe anbieten solle, doch er befürchtete, dass er den Alten damit in seiner Berufsehre kränken könnte.

„Ich verstehe ja, dass Sie es leid sind, dieselbe Geschichte immer und immer wieder zu erzählen, aber ich würde wirklich gern wissen, wie und warum es mich ausgerechnet hierher verschlagen hat.“

„Sie sind hartnäckig, das muss man Ihnen lassen“, brummte der Alte anerkennend.

„Danke. Ich bin …“ Er verbesserte sich: „… war Journalist. Ein ziemlich guter, wie ich in aller Bescheidenheit hinzufügen möchte. Hartnäckigkeit gehörte zu meinem Geschäft. Also?“

„Na schön“, gab Charon auf. „Sie fragen sich also, warum es sie ausgerechnet in den Hades verschlagen hat und nicht vor die Himmelstür oder ins Fegefeuer.“

„Genau. Nicht, dass ich einen Anspruch darauf hätte. Immerhin hatte ich mit dem Christentum nie viel zu schaffen. Aber ich habe sicherlich mehr Kirchen von innen gesehen als altgriechische Tempelruinen.“

„Das hat alles seine Richtigkeit“, antwortete Charon. „Seit die Zahl der Agnostiker in Europa dramatisch zugenommen hat, werden die nichtgläubigen Toten nach dem Zufallsprinzip auf die Jenseitswelten ausgestorbener Religionen verteilt. Bei den Christen ist es ohnehin schon viel zu voll, und jeden Tag kommen Hunderttausende bekennender Katholiken, Protestanten, Anglikaner, Methodisten und sonstige Christen, vor allem aus Afrika und Amerika, dazu. Das läßt sich angesichts der dramatisch gestiegenen Weltbevölkerung logistisch nicht mehr bewältigen. Es herrscht gewaltiger Personalmangel bei denen. Deshalb landen die Agnostiker und Atheisten bei uns angestaubten Polytheisten. Nicht nur hier bei uns, auch die Assyrer, Hethiter, Ägypter, Mayas und so weiter haben jetzt wieder Zulauf. Das bringt frisches Blut, bekämpft die Langeweile bei den Alteingesessenen und ist rein betriebswirtschaftlich vernünftig, weil brachliegende Kapazitäten wieder genutzt werden.“ Er machte eine Pause und knurrte dann: „Das glaubt man jedenfalls in der Chefetage.“

„Und wer sitzt da?“ forschte Paul weiter.

„Sie sind sehr neugierig“, bemerkte Charon tadelnd. „Meinen Sie, es interessiert mich, wer dort gerade das Sagen hat? Für mich ändert sich dadurch doch nichts. Tatsache ist, dass die ganze Arbeit an mir hängen bleibt. Wie würde es Ihnen gefallen, nach so langer Zeit aus dem wohlverdienten Ruhestand geholt zu werden? Warum konnten die nicht einen anderen mit dem Job beglücken? Diesen Nichtsnutz Sisyphos zum Beispiel, der seit Tausenden von Jahren vergeblich versucht, einen idiotischen Stein einen Berg hinauf zu rollen, statt es zur Abwechslung mal mit einer nützlichen Beschäftigung zu probieren.“

„Das war immerhin nicht seine Idee“, warf Paul schüchtern ein.

„Das beweist nur, wie unflexibel und phantasielos man da oben ist! Warum sollte er nicht den Fährdienst übernehmen? Der ist mindestens ebenso anstrengend wie die Steinerollerei und dabei wenigstens von Nutzen.“ Der Greis hatte sich in Rage geredet. Geifernd und mit immer schrillerer Stimme fuhr er fort: „Stattdessen muß ich armer alter Mann postmoderne Ignoranten wie Sie, die einen Dreifuß nicht von einem Mischkrug unterscheiden können, bei Wind und Wetter von Ufer zu Ufer kutschieren und mir dabei die wenigen heilen Knochen, die mir geblieben sind, auch noch ruinieren.“

„Tut mir leid.“

„Sie können ja nichts dafür“, antwortete Charon versöhnlich, wenn auch immer noch unterschwellig grummelnd. „Wie hat es Sie denn erwischt?“

„Flugzeugabsturz“, antwortete Paul.

Charon nickte. „Sieh an. Das Schicksal des kleinen Ikaros hätte denen eine Lehre sein sollen. So ist das schon immer gewesen. Irgendein eitler Schlauberger denkt sich im Forscherfieber etwas aus, ohne die Folgen zu bedenken, und am Ende müssen unschuldige Dummköpfe dran glauben.“

„Sie wollen doch nicht etwa behaupten, dass es den wirklich gegeben hat?“

„Natürlich! Ich habe ihn doch selbst über den Acheron kutschiert. Sie werden dem armen Würstchen wohl früher oder später begegnen. Es ist eine ziemlich kleine Welt hier unten. Trauriger Anblick. Es scheint, als hätte er sich damals beim Sturz sämtliche Knochen gebrochen.“

„Aber warum bin ich denn dann nicht…“

„… am ganzen Körper zerschunden und verbrannt? Auch eine Anweisung von oben. Die Seelen der Neuzugänge haben nicht mehr die Form der Körper zum Zeitpunkt des Todes, sondern werden in „zumutbarer“ Gestalt und in Begräbniskleidung in den Hades geschickt. Dass das zur Abwechslung mal eine wirkliche Verbesserung ist, werden Sie spätestens dann feststellen, wenn Ihnen der erste Alteingesessene über den Weg läuft, den es seinerzeit im Krieg erwischt hat. Einige von denen tragen ihren Kopf buchstäblich unterm Arm.“

„Na, darauf freue ich mich jetzt schon.“

„Freuen Sie sich nicht zu früh. Die Neuregelung hat hier für viel böses Blut gesorgt. Die Alteingesessenen sind verständlicherweise erbost darüber, dass die Neuzugänge bevorzugt behandelt werden, noch dazu, weil die ja aus ihrer Sicht ebenso ungläubig sind wie aus Sicht der Christen. Ich sage Ihnen, da gab es schon den ein oder anderen häßlichen Zwischenfall. Irgendwie genießen die Alten das aber auch. Immerhin war man Tausende von Jahren fast ausschließlich unter sich. Ohne die Neuzugänge wären die noch vor Langeweile gestorben.“ Charon kicherte in sich hinein.

Paul wunderte sich über die plötzliche Gesprächigkeit des Alten, der sich anfangs so abweisend gezeigt hatte und vermutete, dass auch Charon die Neuentwicklungen im Hades insgeheim begrüßte. Vielleicht waren Meckern, Jammern und das Einschüchtern der Neuzugänge die einzigen Freuden, die ihm auf seine alten Tage noch blieben. Möglicherweise war er auch heilfroh gewesen, der Nörgelei seiner Gattin zu entfliehen, die wiederum insgeheim erleichtert war, dass ihr der Alte nicht bei der Hausarbeit im Weg stand. Jedenfalls hatte Paul das Gefühl, dass es hier unten sehr menschlich zuging und dass es bis zur Renaissance der Religiosität in Europa wohl kaum langweilig werden würde. Das beruhigte ihn ungemein.

Endlich fuhr der Kiel der Fähre knirschend auf den Strand der Unterwelt auf. Neben einem verwitterten Marmorstein mit griechischer Schrift hatte man ein neues Schild aufgestellt, auf dem in lateinischen Buchstaben in mehreren europäischen Sprachen „Hades Hauptanleger“ zu lesen stand. Paul stieg aus und bedankte sich bei Charon. Der streckte nur schweigend die Hand aus. Paul erschrak und gestand, dass man ihm bei der Bestattung leider kein Geld zwischen die Zähne gesteckt hatte. Charon deutete auf seine rechte Jackettasche. „Nur keine Panik. Greifen Sie mal da rein.“

Paul tat wie ihm geheißen und fand tatsächlich eine dicke, kleine Silbermünze, die er an den Alten weitergab. Charon nahm die Münze, verzog den Mund zu einem zahnlosen Grinsen und kicherte: „Wenigstens mit der Logistik klappt es. Und es sind immer noch Obolen. Ich frage mich, wann die auf Kreditkarten umrüsten.“

„Es lebe der Fortschritt.“ Paul schritt erwartungsvoll auf die Felsenmauer zu. Kurz davor drehte er sich noch einmal um und winkte Charon zu. „Auf Wiedersehen!“

„Wer weiß“, schrie Charon zurück und stieg wieder in den Kahn, denn am anderen Ufer war gerade eine größere Gruppe eingetroffen. „Ja, ich komme schon“, brummte er, während er die Fähre ins offene Wasser hinaus bugsierte, um die Leute abzuholen, die ebenso verwirrt wie eben noch Paul neben dem Schild mit der Aufschrift „Hades – Eingangstor“ standen und auf Aufklärung hofften.

So weit der junge Steiner zum Thema Hades.

Natürlich könnte ich jetzt in die Tiefeninterpretation gehen. Aber ich lasse es lieber. Die einzige Vermutung, die sich vielleicht anstellen lässt:

Der Text ist das Zeugnis einer Entzauberung. Der Autor befand sich auf einer kleinen Rationalisierungssafari. Er bewegte sich aus der Welt der Mythen und Legenden, in denen er sich als Kind ebenso bedenkenlos verloren, wie er die Charaktere und Handlungen ihrer Helden nie in Frage gestellt hatte, in das, was er für eine sehr prosaische und verstandesmäßig zu durchdringende „Realität“ hielt.

Seitdem ist viel geschehen. Irgendwann habe ich aufgehört zu glauben, dass Entzauberung automatisch Erkenntnis bedeutet. Das ist vielleicht die wichtigste Lektion der Steinerschen Odyssee der letzten Jahrzehnte. Heute versuche ich, mich dem staunenden und vermeintlich ignoranten, aber tatsächlich vielleicht grundweisen Kind wieder anzunähern, das ich vor dieser Safari war. Das gelingt mir leider nur bedingt. Bis dahin begnüge ich mich mit einem Zwischenzustand und halte es nicht mit Juvenilia, sondern mit Juvenal:

„Difficile est satiram non scribere.“

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