Zu Besuch bei Herrn Bartkowiak

Die Gesundheitsapp meines Misstrauens informierte mich heute nach dem Aufstehen darüber, dass ich ganz und gar nicht gut geschlafen hatte. Ein Index von 53 ist für meine Wenigkeit wenig. Vielleicht lag es an dem maremmanischen Festmahl, dass mir meine endlich aus dem Urlaub zurückgekehrte Haushälterin Rosanna gestern auftischte. Oder auch nicht.

Jedenfalls war mit mir heute nicht viel los. Ich fühlte mich gnatschig und lustlos. Um mich aufzuheitern, ging ich nach dem Frühstück auf Tauchstation. Ich schnallte mir die Aqualunge um und ließ mich vom Bleigürtel auf den Grund des Pools ziehen, wo ich etwa 30 Minuten damit verbrachte, den entschieden dunstigen Vorherbsthimmel aus zwei Metern Tiefe zu betrachten. Danach ging es mir etwas besser.

Rosanna wedelte emsig im Haus herum, Marc war mit dem Lada in der Werkstatt, und mein Teilzeit-Gärtner Johann wühlte wie ein Berserker im Garten. Ich fühlte mich – nicht zum ersten Mal, wie ich zugeben muss – extrem überflüssig.

Also besuchte ich meinen alten Freund Guntram B. Bartkowiak. Das „alt“ ist hierbei wörtlich zu nehmen. Herr Bartkowiak steht im dreiundneunzigsten Lebensjahr, ist dabei aber noch immer fit wie ein Turnschuh.

Wir lernten uns vor einigen Jahren kennen, als mich mein Journalistenfreund Anders Sjörnström bat, ihn bei den Recherchen für einen langen Artikel zum Thema „Von den Alten lernen“ zu unterstützen. Ich tat ihm den Gefallen und suchte auf seine Anregung hin die Seniorenresidenz Methusalem in der Asbachstraße 99 in Greisingen auf, um mit den dort ansässigen Damen und Herren ins Gespräch zu kommen.

Dabei musste ich sehr schnell feststellen, dass Altersweisheit ein sehr relativer Begriff ist. Die meisten Residenzbewohner erwiesen sich als äußerst unergiebige Gesprächspartner. Viele meckerten über das Essen, das Pflegepersonal, die Ärzte und das Leben im Allgemeinen, das ihnen ihrer Ansicht nach wesentlich mehr hätte bieten sollen. Andere berichteten mir detailreich, welche Vorabendsendungen sie derzeit konsumierten. Wieder andere erzählten zwar aus ihrem langen Leben, aber die Geschichten waren so langweilig, dass ich die Augen nur mit äußerster Anstrengung offen halten konnte. Wie furchtbar banal das Leben vieler Menschen – einschließlich meines eigenen – doch war und vermutlich noch immer ist.

Herr Bartkowiak stand nicht auf der von der Residenzleitung zusammengestellten Liste mit Gesprächspartnern. Er hatte sich nicht für derlei Unfug hergegeben. Aber ich sah ihn immer mal wieder im „Begegnungsraum“ der Residenz, während ich meine Interviews führte.

Er saß in einem Sessel am Fenster, las irgendeine Zeitung, die Gazeta Wyborcza, die Neue Zürcher Zeitung oder die Times, und schien sich für die Vorgänge im Begegnungsraum nicht im Geringsten zu interessieren. Er fiel mir auf, weil er als einziger Mensch dort nicht den Eindruck machte, darauf zu warten, dass etwas geschah. Er war einfach da.

Irgendwann sprach ich ihn an. Er war hager, mit streng nach hinten gekämmtem grauem Haar, trug eine große Lesebrille aus braunem Schildpatt, dazu graue Stoffhosen mit Bügelfalte, ein hellblaues Oberhemd und eine Strickjacke mit grüngelbem Karomuster.

Er legte die Zeitung zusammen, sah mich über den Rand seiner Brille hinweg an und fragte: „Sie interessieren sich für die Erinnerungen alter Menschen?“

Ich bejahte.

„Warum?“

Ich erklärte es ihm.

„So so“, murmelte er. Es schien mir, als sei er zu höflich, um mir zu sagen, dass es sich dabei um eine ausgesprochene Schnapsidee handele. Trotzdem bat er mich, Platz zu nehmen.

„Ich fürchte, dass Sie aus meinen ‚Freunden‘ hier nicht viel Interessantes herausbekommen werden. Aus mir sicherlich auch nicht. Aber wenn Sie mögen, können wir uns ein bisschen unterhalten. Strictly off the record, natürlich.“

So lernten wir uns kennen – und schätzen.

Herr Bartkowiak war damals siebenundachtzig und bereits seit einigen Jahren Bewohner der Residenz. Geboren wurde er 1934 in Posen und stammt aus einer Familie, die nicht viel besaß, dafür aber eine ziemlich genaue Vorstellung davon hatte, was sich gehörte und was nicht. Sein Vater war bei der Eisenbahn gewesen. Über die Kriegsjahre sprach er selten und wenn, dann ohne jede Neigung zur Sentimentalität. Nach 1945 war die Familie nach Westdeutschland gekommen, wo sein Vater noch einmal von vorn anfangen musste.

Bartkowiak selbst studierte Betriebswirtschaft, weil er nach eigener Auskunft Zahlen schon immer mehr vertraute, als dem, was andere Menschen behaupteten. Er arbeitete zunächst bei einer Bank und wurde später Wirtschaftsprüfer. Irgendwann spezialisierte er sich auf Insolvenzverwaltung, was, wie er mir einmal erklärte, weniger ein Beruf als eine langjährige Schule in Menschenkenntnis sei.

„Wenn eine Firma pleitegeht“, sagte er, „lernen Sie die Menschen wirklich kennen. Wie bei einer Erbschaftssache.“

Er hatte jahrzehntelang Unternehmen abgewickelt, Geschäftsführer entzaubert, Bilanzen auseinandergenommen und Gläubigern erklären müssen, dass ihr Geld nicht mehr da war. Er erzählte davon ohne Stolz und ohne Verbitterung. Überhaupt schien er für beides wenig Verwendung zu haben. Er war ein leiser Mann, sprach langsam und erwies sich im Umgang als höflich, rücksichtsvoll und trotz seiner offensichtlichen Menschenkenntnis vorsichtig im Urteil.

Er sprach ungern über sich, beantwortete jedoch meine gelegentlichen Fragen mit schonungsloser Ehrlichkeit. So erfuhr ich etwa, dass seine Ehe lange vor dem Tod seiner Frau gescheitert war und er zu einem seiner beiden Kinder seit Jahren keinen Kontakt hatte. „Die Schuld liegt natürlich bei mir.“

Was mir am besten an ihm gefiel, war seine keineswegs aufdringliche, aber aufrichtige Neugier meiner Person und meinem Leben gegenüber. Obwohl man ihn wohl als echten „Selfmade-Man“ bezeichnen konnte – er selbst führte seinen beruflichen Erfolg allerdings auf glückliche Umstände zurück – ließ er im Gegensatz zu vielen anderen meiner Bekannten und Freunde nie auch nur ansatzweise durchblicken, dass er mein Lebensmodell womöglich befremdlich fände. Er nahm mich, wie ich war.

Und so waren wir über die Jahre hinweg in Kontakt geblieben und hatten eine recht intensive Brieffreundschaft gepflegt, bis er vor zwei Jahren sogar nach Berlin zog. Dort quartierte er sich im GGC ein, dem Geriatric Gentlemen’s Club, eine jener Berliner Einrichtungen, von deren Existenz man nur erfährt, wenn man sehr alt und sehr gut vernetzt ist. Der GGC befindet sich in einem vornehmen, etwas verblichenen Gebäude und beherbergt ehemalige Politiker, Diplomaten, hohe Verwaltungsbeamte und Männer, die ihr halbes Leben lang Vorstandsvorsitzender gewesen sind.

Die Clubräume sind gediegen eingerichtet und von einer wohltuenden Ruhe erfüllt. Das liegt vor allem daran, dass dort – mit Ausnahme des Speisesaals, der Bar und des Rauchzimmers – nicht gesprochen werden darf. Auch das Rauchen ist natürlich verboten, auch im Rauchzimmer. Bis vor zwanzig Jahren war es noch erlaubt. Der Name ist trotzdem geblieben.

Heute Nachmittag fand ich ihn dort in einem der Sessel am Fenster. Er legte sein Buch beiseite und begrüßte mich mit einem freundlichen Kopfnicken.

„Wie geht es Ihnen?“ fragte er.

„Nicht besonders.“

„Das tut mir leid.“

„Ich habe festgestellt, dass ich eigentlich überflüssig bin.“

Herr Bartkowiak lächelte. „Das sind wir alle.“

„Sie auch?“

„Natürlich.“

„Das hätte ich nicht gedacht.“

„Dann überschätzen Sie mich.“

Ich musste lachen. Er deutete auf den Sessel neben sich.

„Setzen Sie sich.“

Ich nahm Platz.

„Aber Sie haben doch Ihr ganzes Leben gearbeitet“, sagte ich. „Sie haben Unternehmen geprüft, abgewickelt, einige vielleicht sogar gerettet, Menschen beschäftigt, entlassen, beraten. Vermutlich waren Sie für eine Menge Leute ziemlich wichtig.“

„Das ist möglich.“

„Und jetzt sitzen Sie hier.“

„Ja.“

„Und es macht Ihnen nichts aus?“

Er sah zum Fenster hinaus. „Warum sollte es?“

„Weil sie nichts mehr tun.“

„Ich tue sehr viel.“

Ich sah ihn fragend an.

„Ich lese. Ich esse. Ich schlafe. Ich ärgere mich gelegentlich. Ich schreibe Ihnen Briefe.“

„Das meinte ich nicht.“

„Ich weiß.“

Er lächelte wieder. „Sie meinen, dass ich nichts mehr tue, was für andere von Bedeutung ist.“

„Genau.“

„Das ist etwas anderes.“

Er nahm seine Brille ab und putzte sie.

„Wissen Sie, was ich bei meinen Klienten immer interessant fand? Sie waren oft Menschen, die glaubten, dass es ohne sie nicht ginge. Dass die Welt untergehen würde, wenn es ihr Unternehmen und ihre Rolle darin nicht mehr gäbe.“

„Und?“

„Die Unternehmen gingen natürlich in die Insolvenz. Aber die Welt ist nicht untergegangen.“

„Nie?“

„Nicht einmal annähernd.“

Er setzte die Brille wieder auf.

„Vielleicht ist das eine der unangenehmsten Erfahrungen, die man im Leben machen kann. Festzustellen, dass die Welt einen ziemlich gut entbehren kann.“

Ich sah ihn an.

„Das klingt nicht gerade tröstlich.“

„Nein.“

Er griff nach seinem Buch. „Zunächst nicht. Aber wenn man lange genug darüber nachgedacht hat, schon.“

„Wie meinen Sie das?“

„Ich kann natürlich nur für mich sprechen. Aber wenn die Welt Sie nicht mehr braucht, können Sie endlich anfangen, etwas zu tun, was Sie selbst brauchen.“

Ich schwieg.

„Und was ist das?“, fragte ich schließlich.

Herr Bartkowiak hob die Schultern.

„Das müssen Sie schon selbst herausfinden.“

Typisch Herr Bartkowiak.

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