Zu Beginn ein Bekenntnis: Ich bin kein Hundefan. Der beste Freund des Menschen ist mir seit jeher suspekt. Zu hektisch, zu unterwürfig, zu bedürftig, zu aufmerksamkeitsheischend und vor allem: zu wenig wählerisch in der Wahl seiner Herren bzw. Frauen und Meister*innen. Hitlers Hündin Blondie sei hier nur ganz am Rande erwähnt.
Und doch gibt es eine Hunderasse, die mich mein Leben lang fasziniert hat: Huskies. Was natürlich zum einen rein ästhetische Gründe hat. Es gibt für mich keine schöneren Hunde. Erst neulich begegnete ich wieder einem besonders attraktiven Exemplar.
Es wartete vor einem Supermarkt auf seine Herrschaft, ganz ruhig und gelassen. Ich blieb stehen, schaute den Hund an, der Hund schaute mich an. Aufmerksam, aber keineswegs treuherzig, herausfordernd oder gar aggressiv. Eher ein bisschen arrogant, als wolle er sagen: „Na gut, dich gibt es also auch. Muss mich das interessieren?“ Er bewegte sich keinen Millimeter. Das gefiel mir.
Noch besser gefiel mir, dass er ein hellblaues und ein hellbraunes Auge hatte. So etwas kommt bei Huskies wohl häufiger vor. Das Phänomen hat auch einen interessanten wissenschaftlichen Namen, verbunden mit einer womöglich noch interessanteren und noch wissenschaftlicheren Erklärung. Die ist mir aber egal. Es sieht gut aus, das genügt.
Ich hätte die kurze Begegnung wahrscheinlich schnell vergessen, wenn mich meine engagierte, aber leider vollkommen überarbeitete Allgemeinmedizinerin Britta Blofeld nicht beim letzten Gesundheitscheck unvermittelt gefragt hätte, ob ich mir nicht einen Hund anschaffen wolle.
„Einen Hund? Großer Gott, warum das denn?“
Sie schaute auf den Computerbildschirm und tippte wichtig auf ihrer Tastatur herum. Wie die meisten Mediziner schaut sie ihre Patienten während der Konsultation kaum an. Ich kann es ihr nicht verdenken. So schön bin ich nicht. Und in medizinischer Hinsicht wohl auch nicht sonderlich interessant, obwohl die Hypochondrie eines meiner liebsten Hobbys ist.
„Weil Ihr EKG nicht gerade berauschend ist“, beantwortete sie meine Frage.
„Und deshalb soll ich mir einen Hund anschaffen?“
„Warum nicht? Nach allem, was Sie mir erzählt haben, sind Sie alles andere als ein Sportfanatiker. Also brauchen Sie jemanden, der Sie dazu zwingt, sich regelmäßig zu bewegen.“
„Klingt nicht besonders verlockend.“
„Ist aber notwendig“, sagte sie mit Nachdruck und schaute mich plötzlich eindringlich an. Wenn sie das tut, erinnert sie mich immer ein wenig an Frau Puppendoktor Pille mit der großen Brille. Fans des DDR-Kinderprogrammstars Pittiplatsch werden sie kennen. Man mochte sie eigentlich ganz gut leiden, weil sie den kranken Puppen half, aber gleichzeitig war man froh, dass man selbst nicht näher mit ihr zu tun hatte.
„Wie wär’s stattdessen mit einer Katze?“, fragte ich schüchtern. „Die mag ich lieber als Hunde.“
„Ich auch“, gab sie zu, was mich hellhörig werden ließ: War die Namensgleichheit mit dem Bond-Bösewicht Ernst Stavro Blofeld doch nicht ganz zufällig? „Aber eine Katze wird Sie nicht dazu bringen, sich mehr zu bewegen.“
„Auch wieder wahr“, gab ich resigniert zu. „Ich werde darüber nachdenken.“
„Denken Sie nicht zu lange darüber nach. Sie sind in einem Alter, in dem Bewegung einen Riesenunterschied macht. Es sei denn, Sie wollen möglichst früh mit Herztabletten anfangen. Und mit dem Rauchen sollten Sie auch aufhören. Aber das habe ich Ihnen ja schon mehrmals gesagt.“
„Immer dieselbe alte Leier“, seufzte ich – allerdings draußen im Wartezimmer. Ich musste es versehentlich laut gesagt haben, denn eine beleibte ältere Dame nickte verständnisvoll, als wüsste sie genau, wovon ich rede.
Frau Blofelds Diagnose gab mir trotzdem zu denken. Ein Hund? Ausgerechnet ich?
Und dann fiel mir der Husky vor dem Supermarkt wieder ein. Wenn schon Hund, dann so einer.
Also recherchierte ich zum Thema Huskies. Und kam dabei, wie üblich, vom Hundertsten ins Tausendste.
Wussten Sie zum Beispiel, dass Huskies, die sicherlich nicht nur ich automatisch mit der ungezähmten Wildnis Alaskas verbinde, ursprünglich aus Sibirien stammen? Deshalb lautet die züchterisch korrekte Bezeichnung auch „Sibirischer Husky“. Gezüchtet wurden sie ursprünglich vom sibirischen Volk der Tschuktschen.
Nach Alaska brachte sie ein russischer Pelzhändler namens William Goosak, dessen Name verdächtig nach einer Verballhornung des Wortes „Kosak“ klingt, erst im Jahr 1908, also lange nachdem die USA 1867 den Russen das riesige Gebiet für einen – aus heutiger Sicht – Spottpreis von 7,2 Millionen Dollar abgekauft hatten.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Jack London, den ich als Schriftsteller mag, dessen berühmte Dog Tales White Fang und The Call of the Wild mir wegen meiner prinzipiellen Hundeaversion jedoch immer ein bisschen auf die Nerven gingen, bei seinem Aufenthalt am Klondike 1897/1898 keine Huskies gesehen hat.
Im Gegenteil: In The Call of the Wild erwähnt er sie sogar ausdrücklich. Allerdings meinte er damit die nordischen Schlittenhunde, die es dort längst gab, und nicht den heutigen Siberian Husky, dessen Vorfahren erst später aus Sibirien eingeführt wurden. Ob die Macher der diversen Verfilmungen diesen feinen Unterschied kannten, wage ich zu bezweifeln. Jedenfalls springen darin bei jeder Gelegenheit Hunde durchs Bild, die dem modernen Siberian Husky verdächtig ähnlich sehen.
Buck, der tierische Held von Londons Story, ist bekanntlich kein Husky, sondern ein Mischling aus Bernhardiner und schottischem Schäferhund. Tatsächlich war er einer von zahllosen großen Hunden unterschiedlichster Rassen, von Mastiffs und Deutschen Doggen über Setter bis hin zu Schäferhunden, die während des Goldrauschs aus den USA und Kanada in den hohen Norden verschifft wurden, um sich dort plötzlich im Geschirr eines Schlittens wiederzufinden: zu schwerer Arbeit in rauer Wildnis verdammt und obendrein dem Mobbing der wenig zimperlichen einheimischen Schlittenhunde ausgeliefert, unter denen die kräftigen Alaskan Malamutes einen besonderen Platz einnahmen.
Von Alaska aus trat der Husky dann seinen Siegeszug rund um die Welt als der Schlittenhund schlechthin an. Paradoxerweise erlebte die traditionelle Schlittenhundezucht ausgerechnet in seiner sibirischen Heimat einen beklagenswerten Niedergang. Verantwortlich dafür war nicht zuletzt die Politik Josef Wissarionowitsch Dschugaschwilis, besser bekannt unter seinem Kampfnamen Stalin. Unter der Herrschaft des ebenso rätselhaften wie machtbesessenen Tyrannen wurden die Tschuktschen und andere indigene Völker Nordostsibiriens ab den 1930er Jahren mit aller Gewalt in das sowjetische Gesellschaftssystem eingegliedert. Ihre traditionelle Lebensweise und wirtschaftliche Selbstständigkeit blieben dabei auf der Strecke.
Auch die Schlittenhundezucht geriet unter die Räder des großen Menschheitsbeglückungsexperiments. Die sowjetischen Behörden hielten die traditionelle Hundehaltung für unwirtschaftlich und bevorzugten zunehmend größere, kräftigere Hunde für schwere Transportarbeiten. Die vergleichsweise kleinen Vorfahren des heutigen Siberian Husky gerieten dabei ins Hintertreffen. In den folgenden Jahrzehnten wurden zahlreiche Schlittenhunde getötet oder mit größeren Rassen gekreuzt. Schließlich machten ihnen auch die Motorisierung und der Rückgang der traditionellen Jagd und Fischerei zu schaffen.1
Um 1930 kamen überdies die Exporte sibirischer Schlittenhunde nach Nordamerika zum Erliegen. Ausgerechnet im selben Jahr erkannte der American Kennel Club den Siberian Husky offiziell als eigenständige Rasse an. Während die traditionelle Schlittenhundezucht in seiner Heimat zunehmend unter Druck geriet, begann der Siberian Husky jenseits des Pazifiks eine beispiellose Karriere.
So viel zur interessanten Geschichte des Huskys. Was mich natürlich mit Blick auf einen möglichen Start in eine Hundebesitzerkarriere (Merke: Es ist nie zu spät, bis es zu spät ist) noch viel mehr interessierte: Wie sind Huskies eigentlich so drauf?
Hierzu rief ich bei einem Züchter an, den ich in diesem sogenannten Internet gefunden hatte. Er heißt Kurt Renner und erwies sich als durchaus auskunftsfreudig. Vielleicht hatte er bzw. die Husky-Hündin seines Vertrauens eben einen großen Wurf gelandet und er suchte Abnehmer?
Wie dem auch sei, unserem Gespräch entnahm ich zweierlei.
Erstens bestätigte es voll und ganz meine Faszination für diesen Hundetyp. Wie Kurt Renner erklärte, sind Huskies „real characters“. Im Gegensatz zu anderen großen Hunderassen, wie etwa Deutschen Schäferhunden (Der Führer lässt nochmals herzlich grüßen!), ist ihr „Will to please“ eher gering ausgeprägt. Soll heißen: Sie wollen dem Menschen keineswegs um jeden Preis gefallen und gehorchen nicht einfach, weil man es ihnen so beigebracht hat. „Ein Husky überlegt sich immer genau: Ergibt das Kommando Sinn?“, erklärte Renner. „Wenn nicht, ignoriert er es womöglich einfach.“
„Sie sind also ein bisschen stur?“
„Eher eigenwillig“, sagte Renner. „Und vor allem sehr intelligent. Aber auf ihre eigene Art und Weise. Sie denken und handeln gern selbstständig. Es sind eben Schlittenhunde. Da war es wichtig, auf schwieriges Gelände und Gefahren schnell reagieren zu können. Deshalb schneiden sie bei manchen Hundeintelligenztests nicht besonders gut ab. Da wird nämlich häufig gemessen, wie schnell ein Hund Kommandos lernt und befolgt. Aber das ist eben nicht dasselbe wie selbstständiges Denken. Dabei sind Huskies sehr schlau und geschickt. Manche können Türen öffnen, klettern oder Riegel zurückschieben, wenn sie es für richtig halten.
Und sie sind ungeheuer neugierig. Immer auf der Suche nach etwas Neuem. Wiederholungen langweilen sie dagegen schnell. Wenn Sie einem Husky zehnmal hintereinander denselben Trick abverlangen, kann es gut sein, dass er sich schon beim dritten Mal einer interessanteren Beschäftigung zuwendet.“
Das konnte ich gut nachvollziehen.
„Und noch etwas“, fügte Renner hinzu. „Huskies sind ausgesprochen soziale Tiere. Sie mögen Menschen und andere Hunde, suchen Gesellschaft und wollen durchaus dazugehören. Aber das heißt noch lange nicht, dass sie deshalb ihre Eigenständigkeit aufgeben. Sie sind gesellig, ohne unterwürfig zu sein. Und sie können durchaus anhänglich werden, ohne sich ständig einschmeicheln zu müssen.“
Schön, intelligent, unabhängig, grundsätzlich gesellig, aber schnell gelangweilt und bisweilen stur: Ich war begeistert. Endlich hatte ich meine kanine Entsprechung gefunden!
„Ja, es sind tolle Hunde“, sagte Renner. „Aber sie verlangen vollen Einsatz.“
Das klang jetzt allerdings schon weniger attraktiv. Wie meinte er das?
„Wie meinen Sie das?“, fragte ich.
Daraufhin ging Renner direkt ins Kleingedruckte. Er begann mit den Kosten. Für hochwertiges, besonders fleischreiches Futter, Versicherungen, Steuer, Zubehör usw. veranschlagte er 150 bis 250 Euro im Monat. „Das ist nicht wenig“, gab er zu. „Von den Anschaffungskosten mal ganz abgesehen. Da sind Sie bei einem seriösen Züchter schnell mit 1.500 Euro dabei.“
„Das ist kein Problem.“
„Ach so, na dann.“ Er schien für einen Augenblick verunsichert. Dann fuhr er fort – und ließ, zumindest aus meiner Sicht, die eigentliche Katze aus dem Sack.
„Huskies brauchen in jedem Fall viel Bewegung.“
„Auch das ist kein Problem. Deshalb will ich ja einen. Wie viel denn so ungefähr?“
„Tja, zwei bis drei Stunden etwa. Täglich. Und möglichst abwechslungsreich. Einfaches Gassigehen ist auf Dauer zu wenig. Die brauchen schon ordentlich Beschäftigung.“
„Was heißt denn das?“
„Zum Beispiel Canicross.“
„Cani was?“
„Canicross. Da trägt der Hund ein spezielles Zuggeschirr und zieht seinen Besitzer beim Joggen ein bisschen mit. Lange Wanderungen im Gebirge sind auch super. Dabei kann der Hund sogar leichtes Gepäck tragen, wenn er entsprechend trainiert ist. Bikejöring oder Dogscooting sind weitere Möglichkeiten. Dabei laufen die Hunde vor einem Mountainbike oder einem speziellen Geländeroller und unterstützen den Fahrer durch Ziehen. Natürlich mit der richtigen Ausrüstung und entsprechendem Training.“
Das klang tatsächlich anstrengend. Aber es wurde noch schlimmer.
„Ja, und dann haben Sie natürlich das Temperaturproblem. Huskies sind Polarhunde. Bei warmem Wetter muss man mit intensivem Training vorsichtig sein, weil die Tiere sonst überhitzen können. Deshalb verlegt man solche Aktivitäten im Sommer am besten in die frühen Morgen- oder späten Abendstunden.“
„Was heißt denn früh?“, erkundigte ich mich.
„Im Hochsommer sind fünf Uhr morgens und zehn Uhr abends oft gute Zeiten.“
Das verschlug mir die Sprache.
Renner sprach unbekümmert weiter. „Und da sie sich im Sommer körperlich nicht ganz so auspowern können, muss man ihnen etwas anderes bieten. Auch weil sie eben so intelligent sind.“
„Ach was. Soll man mit ihnen Sudoku spielen?“
Renner lachte. „Nein, aber zum Beispiel mit einem Schnüffelteppich arbeiten.“
„Einem was?“
„Einem Schnüffelteppich. Da versteckt man kleine Leckerbissen zwischen Stoffstreifen, und der Hund muss sie mit seiner Nase aufspüren. Oder Sie machen Hütchenspiele mit ihm. Sie verstecken ein Leckerli unter einem von mehreren Bechern, vertauschen die Becher, und der Hund muss den richtigen finden. Das macht denen richtig Spaß.“
„Klingt nach Ringelpiez mit Anfassen.“
„Oder Sie besorgen sich ein Hundepuzzle. Da müssen die Tiere kleine Schubladen öffnen, Schieber bewegen oder Deckel anheben, um an ihre Belohnung zu kommen. Die wollen eben auch geistig gefordert werden.“
Ich dachte an meinen letzten Versuch, für meinen handwerklich womöglich noch unbegabteren Freund Peter Miese einen IKEA-Schrank zusammenzubauen. Vielleicht hätte ich damals einen Husky mitnehmen sollen. Der wäre vermutlich schneller fertig gewesen.
„Und noch etwas“, fuhr Renner fort.
„Ja?“
„Mit dem Freilauf müssen Sie sehr vorsichtig sein. Viele Huskies haben einen ausgeprägten Jagdtrieb. Wenn einer etwas entdeckt, was er für jagenswert hält, wetzt er los, da können Sie brüllen, so viel Sie wollen. Nach ein paar Kilometern dreht er sich vielleicht das erste Mal um. Deshalb würde ich Ihnen eine lange Schleppleine empfehlen. Oder ein wirklich sicher eingezäuntes Gelände.“
„Ganz ehrlich: Das klingt danach, als wären hier die Rollen vertauscht.“
„Wie meinen Sie das?“
„Na, der Hund ist der Bestimmer und lässt Herr- oder Frauchen nach seiner Pfeife tanzen.“
Renner lachte wieder. „Wissen Sie, das trifft eigentlich auf die meisten Hunde-Mensch-Beziehungen zu. Aber bei Huskies macht es am meisten Spaß. Sie fordern und wollen gefordert werden. Es ist, wie soll ich mich ausdrücken, eine Beziehung auf Augenhöhe. Zumindest wenn Sie Autorität ausstrahlen. Wenn nicht, merkt das der Hund sofort und macht lieber sein eigenes Ding.“
Ich bedankte mich sehr herzlich bei Kurt Renner, versprach, mir die Sache gründlich zu überlegen und legte auf. Man hat schon vieles über mich gesagt, aber dass ich Autorität ausstrahle? Ich kenne einige, die bei dieser Vorstellung in lautes Gelächter ausbrächen.
So viel zum Thema Hund im Allgemeinen und Husky im Besonderen. Dabei sind mir die Biester immer noch oder vielmehr nun erst recht sympathisch.
Ich fühle mich ihnen nur (noch) nicht gewachsen. Also doch eine Katze.
- Vgl. E. I. Schereschewski, P. A. Petrjajew und W. G. Golubew: Ездовое собаководство [Schlittenhundezucht und -haltung], Moskau/Leningrad 1946; ferner Arkadi W. Beljajew: Zwischen Tundra und Terror. Der sibirische Schlittenhund im Zeitalter des Stalinismus, Moskau 1992. ↩︎

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