Mitunter fühlst du dich beim Lesen eines Buches ertappt. Es spricht zu dir, nicht mahnend oder belehrend; es will dich nicht missionieren, bilden oder zur inneren Einkehr bewegen.
Es „will“ eigentlich gar nichts, vielleicht nicht einmal unterhalten. Es ist einfach nur da, präsent, gegenwärtig, wie eine Person, die du einst gut kanntest, bevor du in die Welt hinauszogst, um etwas oder jemand zu werden, einfach weil sich die Gelegenheit dazu bot und du jung warst, unruhig und voller Neugier, vor dir immer neue Horizonte, hinter denen große Versprechen lagen, die sich bei nüchterner Betrachtung nie so recht erfüllten.
Nun ist diese Person, die du in deiner wilden Hatz beinahe vergessen hattest, plötzlich wieder da, hat ganz still in deiner Studierstube Platz genommen, schaut dich an, lächelt und spricht mit einer Stimme zu dir, deren Tonfall dir vertraut ist. Dir wird warm und zugleich etwas wehmütig ums Herz, denn du erkennst, dass du in dieser Welt weder etwas noch jemand werden konntest, weil du es schon längst warst.
So ging es mir mit Fontanes Spätwerk Der Stechlin, einem Buch, das ganz ohne Plot-Twists, Spannungsbögen und sonstigen literarischen Kladderadatsch auskommt. Es ist, als hätte Fontane gesagt: „Ich bin zu alt für derlei Unfug. Lass das man die Jungen machen. Ich halte der Welt, wie ich sie kenne, einfach nur meinen ganz persönlichen Spiegel vor. Das muss genügen.“
Und dieser Spiegel ist scharf und unscharf zugleich. Alles, was da Mitte der Neunzigerjahre des 19. Jahrhunderts in der märkischen Provinz und in der rasch wachsenden Reichshauptstadt Berlin geschieht, wird von ihm reflektiert, genau, aber von einem altersmilden, sepiahaften Licht umspielt, das die Ereignisse schicksalhaft und zugleich beiläufig anmuten lässt.
Dubslav von Stechlin, ein märkischer Landadeliger im fortgeschrittenen Alter, der auf seinem Stammschloss in der Rheinsberger Gegend sitzt und mit Mutterwitz und bescheidener Neugier in die Welt blickt, sein Sohn Woldemar, der auf Freiersfüßen wandelt und der neuen, dem Alten zunehmend fremden Zeit etwas aufgeschlossener gegenübersteht.
Dazu die weibliche, weltläufigere Entsprechung des Alten, Melusine (nicht lachen), eine in England aufgewachsene, geschiedene Gräfin, die wie ein munterer, hellwacher und blitzgescheiter Fisch durch diese Zeit schwimmt und doch im Rennen um die Gunst des Jungjunkers das Nachsehen hat, denn dieser entscheidet sich für ihre zurückhaltendere und vielleicht eher zur Stammhaltermutter taugende Schwester Armgard. Schuster, bleib bei deinen Leisten.
Viel mehr passiert eigentlich nicht. Stattdessen wird überwiegend geplaudert, über Gott, die Welt, Kunst, Kultur, Politik und die Frage, was es denn nun auf sich hat mit dieser Zeit, in der Parlamentarismus, Liberalismus, Sozialdemokratie und christlicher Reformeifer die überkommenen Gewissheiten zunehmend infrage stellen. Eine Zeit, deren Entwicklung der alte Dubslav von Stechlin aufgrund seiner Herkunft und der damit verbundenen Prinzipien und Vorstellungen zwar nicht gutheißen, aus seinem offenen, von Selbstgefälligkeit und Rechthaberei freien Wesen heraus jedoch auch nicht verdammen mag.
Diese Plaudereien sind ein Fenster in eben jene Zeit, als der alte Steuermann Bismarck in Pension geschickt worden war und der „Reisekaiser“ Wilhelm Zwo am Ruder des gut zwanzig Jahre alten Riesenschlachtschiffs Deutschland mehr oder minder verantwortungslos zwischen preußisch-provinziellem Mittelmaß und imperialem Größenwahn lavierte. Fontane, der dem alten Preußen durchaus zugetan war, betrachtete das Gebaren des neuen Kaisers mit wachsendem Missfallen.
Der Wust von heute vergessenen Namen, Ereignissen, Anekdoten und Debatten zeigt einmal mehr, wie kurzlebig die Gedanken, Sorgen, Hoffnungen und Wünsche der Menschen sind. Und doch bleibt nach dem Lesen der Eindruck, dass in fünfzig oder hundert Jahren zwar unsere Themen niemanden mehr interessieren dürften, dass jedoch künftige Generationen sich mit ebensolcher Inbrunst und Wichtigtuerei den ihren widmen werden. Mit anderen Worten: Die Zeiten ändern sich, die Menschen nicht.
Ist Der Stechlin das literarische Vermächtnis, eine Art Testament des alten Fontane? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Mir gefällt der Gedanke, dass er in dem alten Dubslav und der umtriebigen Melusine noch einmal einer Weltsicht Ausdruck verlieh, die ihm besonders am Herzen lag. Dabei steht Dubslav für die Verwurzelung im märkischen Sand, Melusine für kulturelle Neugier, intellektuelle Beweglichkeit und Weltläufigkeit. Beiden gemein ist die Freude am unvoreingenommenen, scheinbar ziellosen, aber immer der Unterhaltung und geistigen Anregung dienenden Gedankenspiel.
In beiden habe ich eine Mark Brandenburg wiedergefunden, die wenig mit jener gemein hat, die mir ein realsozialistisches Bildungssystem als Bastion eines reaktionären und militaristischen Junkertums vermittelt hatte. Sicher, der alte Dubslav hält als gewesener Kürassier viel aufs Militär, steht liberalen und progressiven Strömungen skeptisch gegenüber, singt sogar ein Loblied auf das autokratische Russland. Aber er ist bei aller Skepsis offen genug, um einzuräumen, dass die alten Antworten vielleicht nicht für die neuen, drängenden Fragen taugen. Möglich, dass hier Fontane selbst die Wirklichkeit in etwas rosigeren Farben zeichnete, als sie sich tatsächlich darstellte.
Aber Dubslav verkörpert in vielerlei Hinsicht die bessere Seite dessen, was man vielleicht als „Preußentum“ bezeichnen könnte. Ich habe mich, obwohl aus einer Laune des Schicksals heraus gebürtiger Brandenburger, nie als „Preuße“ gesehen. Und doch kam mir vieles an dem alten Dubslav bekannt oder vielmehr vertraut vor, weniger seine Ansichten als seine Geistes- und Wesensart. Ein zeitgenössischer Kritiker nannte das den „brandenburgisch-preußischen Geist mit seinem starken Pflichtbewusstsein und seiner sittlichen Tüchtigkeit, mit seiner geistvollen und manchmal schroffen Schärfe und seiner unbezwinglichen Neigung zu überlegenem Spotte.“1
Voilà, da fühlte ich mich ertappt. Und auch den Charakter meiner Freunde aus früheren Zeiten sah ich in dieser Beschreibung gut abgebildet, selbst wenn wir uns in den vergangenen Jahrzehnten redlich Mühe gegeben haben, als „wurzellose Kosmopoliten“ (als Kompliment verstanden) zu gelten.
Es ist natürlich unmöglich, Der Stechlin heute so zu lesen, wie ihn die Zeitgenossen lasen. Wir wissen, was danach kam, und das macht uns klüger, wenn auch nicht unbedingt weiser. Wir wissen auch, dass Pflichtbewusstsein und Kadavergehorsam, Heimatliebe und nationaler Dünkel, Selbstbewusstsein und Überheblichkeit mitunter näher beieinanderliegen, als uns lieb sein kann.
Und doch: Wenn ich heute einen Ausflug in die Rheinsberger Gegend unternehme, im Schlosspark lustwandele oder eine Runde um den Stechlinsee drehe, höre ich wieder diese Stimme, die aus einer längst vergangenen Zeit an mein Ohr dringt. Sie flüstert etwas, so leise, dass ich es nicht verstehen kann. Aber ich spüre, dass es eine Frage ist, auf die ich keine Antwort weiß.
- Zitiert nach Helmut Nürnberger, Nachwort zu Theodor Fontane: Der Stechlin, München: dtv, Mai 1995, S. 543. ↩︎

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