Das Unterei

Ich habe gerade zehn Minuten damit verbracht, zwei der oberpeinlichen „SPIEGEL Bestseller“-Aufkleber von meiner derzeitigen Lektüre abzupopeln.

Am besten geht’s mit Heißluft. Fön rausholen, anstellen und Sticker heiß anblasen. Nach ein bis zwei Minuten Dauerfeuer kurz warten, bis sich das Ganze etwas abgekühlt hat. Dann vorsichtig einen Anfang machen und eine kleine Ecke ablösen. Sodann am besten Handschuhe anziehen, denn es wird heißer als man denkt, und bei fortwährendem Blasen den Rest des Aufklebers langsam abziehen. So bleiben keine Rückstände zurück.

Das habe ich vor langer Zeit mal in der SAT1-Sendung „Teletip Haushalt“ mit der Schauspielerin Grit Boettcher gesehen. Was beweist, dass ich mich schon Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre sehr umfassend weitergebildet habe.

Um welches Buch es sich handelt?

Ach so, Manfred Krugs Tagebücher aus den Jahren 1996 bis 2001, vor einigen Jahren im Berliner Kanon Verlag erschienen.

Warum die SPIEGEL Bestseller wurden? Vermutlich, weil Manfred Krug gerade bei älteren Semestern auch heute noch beliebt ist. Wenn ich mich recht erinnere, wurde ihm von Medien seinerzeit gern das Prädikat „Publikumsliebling“ verpasst. So wie sein Schauspielkollege Peter Ustinov stets als „Multitalent“ und der langjährige „Überragende Führer“ der Volksrepublik China Deng Xiaoping als „Superpolitiker“ bezeichnet wurde. Fragen Sie mich nicht warum.

Wie dem auch sei, ich bin kein älteres Semester. Oder doch? Ab wann wird man das? Wenn die Kurzbeschreibung „Mit einem Bein in der Kneipe, mit der anderen im Grab?“ auf einen zutrifft? Man also noch so tut, als ob nichts wäre, dabei aber sozusagen in denial ist, weil die Sandmenge im Unterei der Lebensuhr die im Oberei inzwischen deutlich übersteigt? Eigen- und Fremdwahrnehmung also immer weiter auseinanderdriften?

An dieser Stelle möchte ich noch nicht eingehender auf die Bücher eingehen, denn ich habe mir den Rat oder vielmehr die Ermahnung meines Freundes Peter Miese zu Herzen genommen, statt der bisherigen Erlebnis- und Assoziationsfeuerwerke kürzere, aber dafür prägnantere, fleischigere, nachhaltigere Texte zu verfassen. Weniger spur of the moment, dafür „höhkschte Konzentration“, um es mit den Worten des ehemaligen Bundesfußballtrainers Hans-Joachim Löw zu sagen.

Mehr über die Bücher also, wenn ich sie ausgelesen habe. Versprochen.

Nur eines noch: Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass aus dem „Bestseller“ bei Weglassung des Mittel-S der „Besteller“ wird? Die „SPIEGEL Bestseller-Liste“ also zur „SPIEGEL Besteller-Liste“ mutiert? Was das sein soll? Nun, vielleicht eine vom Asia-Restaurant »Sichuan Palace« geführte Liste der Mitarbeiter des Nachrichtenmagazins, die dort mittags gern Essen bestellen.

Ja ja, schon gut Peter. Ich mache Schluss. Und schließe mit einem kleinen Krug-Zitat:

Ich will mal wieder weniger essen, weil im »Spiegel« steht, daß man durch Hungern sehr alt werden kann.

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