Endlich Sorgenfrei

Ich war lange nicht da. Aber jetzt ist es soweit. Drei Tage in meiner zweiten Sommerresidenz, vollkommen solo und inkognito. Der Chauffeur hat frei, das Residenzpersonal auch. Sie nennen es „Urlaub“. Ich habe mir sagen lassen, diese Unart greife bei der arbeitenden Bevölkerung verstärkt um sich, ebenso wie eine merkwürdige Erfindung, die sich „Wochenende“ schimpft. Was soll’s, man muss mit der Zeit gehen – zumindest dann, wenn es sich absolut nicht vermeiden lässt.

Also bequeme ich mich selbst ans Steuer. Ich wähle den Maserati Ghibli, Baujahr 1967, er muss unbedingt mal wieder bewegt werden. Ich kann nur hoffen, dass er mir unterwegs nicht krepiert.

Das Anwesen liegt in einem entlegenen Winkel Deutschlands, dessen urwüchsige Schönheit sich Gott sei Dank noch nicht herumgesprochen hat. Dabei soll es auch bleiben, deshalb nenne ich die Region hier rein fiktiv das Schwöblinger Land. Eine sanft gewellte Gegend, in der sich bisweilen noch ein Fenster in eine längst vergangene Zeit zu öffnen scheint und den Blick freigibt auf pastorale Idyllen ohne Oberleitungen, Windkraftwerke, Telekommunikationsmasten und sonstigen Zivilisationsmüll. Auch die letzthin so beliebten PV-Plantagen und die Wellblechungetüme der Baumarkt-, Discounter- und Logistikunternehmen vermisst man dort alles andere als schmerzlich.

Das hat mehrere Ursachen: Zum einen ist bei den hiesigen Eingeborenen, zumeist Opfer eines oder mehrerer ominöser Strukturwandelereignisse, wenig bis nichts zu holen. Als Konsumvieh sind sie eher uninteressant, die Euter geben kaum Milch. Zum anderen ist der Landstrich so abgelegen, dass er sich selbst als Durchgangsstrecke für den Güterfernverkehr nicht eignet. Die Transittrassen aus und nach Polen, Bulgarien, Rumänien und anderen osteuropäischen Produktionsstandorten verlaufen weiter nördlich. Das Schwöblinger Land wäre ein Umweg von gut 50 Kilometern, bleibt also verschont. Nur die Bundeswehrmacht zeigt hier, im verschwiegenen dreiländereckigen Hinterwald Präsenz, übt auf Schießplätzen, von denen man in Berlin nichts wissen will, immer mal wieder den Ernstfall. Das beruhigt.

Der wichtigste Grund ist jedoch, dass der Gegend im Aufschwungsplan Ost 2.5 der Status einer Pilotregion für das Zukunftsszenario „Freiluftmuseum Deutschland“ zugewiesen wurde. Das Szenario sieht vor, die Bundesrepublik Deutschland in einen großen Freiluftpark für zahlungskräftige Touristen aus aufstrebenden Industrienationen wie etwa China und Indien zu transformieren. Diese können dann, je nach Region, in stillgelegten und liebevoll konservierten Kohlezechen (Ruhrgebiet), Automobilfabriken (Stuttgart) und Biotechbetrieben (Bayern) durch die Vergangenheit eines postindustriellen Landes spazieren, lokale Spezialitäten (Currywurst und Schweinshaxe) probieren und dabei ein ums andere Mal kopfschüttelnd vor sich hin murmeln: „Unvorstellbar, unter welchen Bedingungen die armen Menschen hier früher gelebt und gearbeitet haben.“

Dem Schwöblinger Land, das eigentlich nie eine nennenswerte Industrie aufzuweisen hatte, kommt dabei die Rolle eines Lehrpfades für die vorindustrielle, aber auch die realsozialistische Epoche zu. Man erzählt sich, dass die DDR-Regierungen auch hier diverse Bodenreform- und Kollektivierungsexperimente veranstalteten. Der Ursprünglichkeit des Landstrichs konnte das jedoch glücklicherweise wenig anhaben.

Wie dem auch sei, es dauert gute vier Stunden, bis man es bis hierhin geschafft hat. Unterwegs kann man sich auf zahlreichen Schleichstrecken davon überzeugen, dass die Deutschen es tatsächlich verlernt haben, Autobahnen zu bauen.

Die Antwort auf die Frage, welcher verdienstvolle Leistungsträger einst, vor vielleicht zwanzig oder sogar dreißig Jahren, die glorreiche Idee hatte, die durch diesen Landstrich führende Schnellstrecke nicht etwa als durchgehende Asphaltstraße, sondern im Gegenteil als Betonplattenbahn zu projektieren, verliert sich im Dickicht der längst mit dem Mantel des Schweigens bedeckten Verantwortlichkeiten. Wenn er nicht gestorben ist, genießt er sicherlich noch heute seine üppige Funktionärspension. Vielleicht hatte er noch Gelegenheit, selbst zu erleben, wie der sogenannte Betonkrebs sich in die Platten fraß und nie endende Flickschustereien mit Asphaltnarben, aufwändige Generalsanierungsversuche und vor allem zahlreiche zum Dauerzustand gewordene „Baustellen“ nach sich zog, auf denen vor allem eine Regel gilt: Nur nicht fertig werden!

Nach der siebten Schleichstrecke röhrt und hustet der Maserati indigniert. Er ist es nicht gewohnt, derart gezügelt zu werden, im Italien der späten Sechziger waren solche Verhältnisse offenbar unvorstellbar. Ich bete, dass er durchhält.

Als ich endlich die Autobahn verlassen kann, geht das Abenteuer weiter. Inmitten der Kleinstadt Röblingshausen (Name von der Redaktion geändert), die sich über eine angesichts ihrer bescheidenen Größe erstaunliche Anzahl von Hauptstraßenkilometern hinzieht und deshalb von Ortskundigen „das lange Elend“ genannt wird, informiert mich die lokale Verkehrsplanungsbehörde, dass meine Stammstrecke gesperrt ist und weiträumig umfahren werden soll.

Die Umleitung ist leidlich ausgeschildert, es geht durch Dörfer, in denen selbst Füchse und Hasen sich schon längst nichts mehr zu sagen haben. Sie tragen exotische Namen wie Treppenwitz, Pfifferlingen, Radebrecht und Hitzefreital. Dazwischen immer wieder der gute alte deutsche Wald. Wenn wir den nicht hätten.

In der Kreisstadt Bitterwasser, die als Heimatort eines recht bekannten und bei Angehörigen urbaner und mehr oder weniger saturierter urbaner Mittelschichten unbeliebten deutschen Politikers einige Bekanntheit erlangt hat, weckt mich der Anblick eines niedergebrannten Asiarestaurants aus dem Durchfahrtskoma. Die aus der Großstadt mitgebrachten Vorurteile lassen mich sofort eine fremdenfeindlich motivierte Brandstiftung vermuten. Doch eine hastige, bei Ampelrot durchgeführte Web-Recherche ergibt, dass die Brandursache wohl eine fehlerhaft montierte PV-Anlage auf dem Dach war. Die Bitterwasseraner*innen nehmen großen Anteil am Unglück der Besitzer und riefen sogar eine Spendenaktion ins Leben, um der betroffenen Familie unter die Arme zu greifen. Merke: Man soll nicht immer nur das Schlechteste von den Menschen denken.

Schließlich erreiche ich meinen Mittagsstop Bad Theolingen, ein ehemaliger Kurort, direkt an der ehemaligen Oder-Neiße-Friedensgrenze. Der Maserati pfeift auf dem letzten Loch, ich beschließe also, bei unseren polnischen Freunden zu tanken und fahre, freundlich grüßend an den Zollbeamten vorbei über die Brücke.

Auf der anderen Seite des Grenzflusses liegt das polnische Städtchen Prszwszbwicze (ehemals Pressen), wo einer der wenigen noch verbliebenen „Polenmärkte“ in der strahlenden Mittagssonne dahindämmert. Es gibt Zigaretten, Lebensmittel, Zigaretten, allerlei Tand und Zigaretten. Polen sind hier allerdings weit und breit keine zu sehen. Die Verkäufer kommen überwiegend aus Bulgarien. Einige schauen meinem Maserati sehnsüchtig nach.

Die Tankstelle stellt mich vor ein Dilemma. Das gute alte Superbenzin wird offenbar in Polen nicht mehr verkauft. Stattdessen gibt es E10-Plörre oder Wundersprit mit Wumms. Mein Maserati würde den Rapsschock auf seine alten Tage wohl nicht verkraften, also nehme ich Wumms und zahle dafür kräftig drauf. Glücklicherweise muss ich nicht aufs Geld achten, im Gegensatz zu anderen Kunden, die nicht nur ihre Tanks, sondern auch mehrere Kanister mit dem preiswerteren Polenbenzin befüllen.

Zum Mittagessen bin ich bei meinem Gutsverwalter Volkmar Kühlwetter und seiner charmanten Gattin Hiltrud eingeladen. Es gibt selbst gewilderten Hirschbraten, Haricots Bleu, Pommes Delphinois und dazu einen perfekt temperierten, spritzigen aber doch sehr körperbetonten Rixheimer Vollpfosten.

Die beiden freuen sich sehr, mich nach gut einem Jahr wiederzusehen. Was die Gutsverwaltung betrifft, vertraue ich ihnen blind, sie gehören zu jener Sorte Mensch, die allerhöchstens zehn Prozent der ihnen anvertrauten Mittel stillschweigend in die eigene Tasche wirtschaftet. Damit kann ich leben, bin selbst kein Heiliger.

Wir plaudern über abgeschlossene und anstehende Wartungs- und Instandsetzungsprojekte, die zu erwartende Weinernte (Qualität schlägt in diesem Jahr einmal mehr Quantität) und den letzten Todesfall in der Nachbarschaft. Lars Leumund, Major a.D. der NVA, der sich über viele Jahre hinweg liebevoll auf den Dritten Weltkrieg vorbereitete und mich einmal durch sein selbst ausgeschachtetes Bunkerlabyrinth führte, hat das Zeitliche gesegnet. Die Verwandtschaft respektierte seinen letzten Willen und verstreute seine Asche mittels eines Laubbläsers in den Weiten der kirgisischen Kartoffelsteppe. Möge er in Frieden ruhen.

Nach dem Dessert, Hagebuttensorbet mit Basilikumspitzen, sattle ich meinen Maserati, verabschiede mich von den Kühlwetters und absolviere die letzten fünfzig Kilometer ins gelobte Land in freudiger Erwartung.

In der Nähe des Truppenübungsplatzes Haubitz heißt es Bleifuß sei wachsam. Einem unvermittelt aus dem Unterholz brechenden Leopard II kann ich gerade noch ausweichen, der im Affekt abgegebene Warnschuss verfehlt mich ebenfalls nur um Haaresbreite. Ich hupe im Davonfahren übermütig. Danach heißt es endlich freie Fahrt für freie Bürger*innen.

Die Landschaft beginnt sich keck zu wellen, der Wald scheint plötzlich von einer besonderen Farbe, die er nur hier hat, und nach der letzten Links-Links-Kombination fahre ich im Triumph in das kleine Dorf und ehemalige Rittergut Sorgenfrei ein, vorbei an der leider geschlossenen Eisdiele „Schleckermäulchen“, dem unmittelbar am Ortsrand gelegenen, flachen Pfannensee mit seinem im Stil eines rustikalen Wildweststädtchens gehaltenen Feriendorf und den unscheinbaren, aber sauberen und ordentlichen Häusern, deren Bewohner als fleißig, ehrlich und freundlich gelten, was einmal mehr die Abgelegenheit der Region unterstreicht.

In der Sommerresidenz steht tatsächlich alles zum Besten. Der Huflattich salutiert frenetisch, als ich die Einfahrt passiere, die Tomaten erröten schamhaft aber freudig, die Gurken bekommen eine Schreckerektion und der Rasen ist ebenfalls gemäht. Was will man mehr?

Hier kann ich nun also ein wenig zur Ruhe kommen, mir über das ein oder andere klar werden (oder auch nicht), in der inmitten der umliegenden Wälder versteckten Blauen Lagune tauchen, Pfifferlinge jagen, Heidelbeeren beehren oder auch einfach nur vor mich hin träumen. Verhalten euphorisiert, öffne ich die Flasche 1983er Veuve Cliqot, die mir mein liebes Gutsverwalterpaar in den Einsschrank gelegt hat und schaue den kleinen Bläschen beim kecken Aufstieg zu.

Einziger Wermutstropfen: Der Badeweiher hinter dem Anwesen ist, darauf hatten mich die Kühlwetters schon hingewiesen, derzeit nicht in Betrieb. Im Frühjahr zog ein Unbekannter den Stöpsel, woraufhin das Wasser abfloss und eine an Saheldürrenbilder erinnernde brüchige Kruste zurückließ. Mittlerweile hat er sich wieder etwas gefüllt, doch zum Baden lädt das gerade knietiefe Gewässer eher nicht ein, umso mehr als die ganze Fläche mit ominösen Gewächsen bewachsen ist, die sich im Bracknass recht wohl zu fühlen scheinen. Vielleicht experimentiert der Pächter mit bodenverbessernden Zwischenkulturen, weil er die Anlage eines Reisfeldes plant?

Es sei ihm verziehen. Dann fühlen sich die Touristen der Zukunft nicht nur ein bisschen wie zu Hause, sondern können sogar Jasminreis aus regionaler Produktion genießen.

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