Schnee von gestern

Wie ich der Tagespresse entnehme, kommen nun auch die Menschen in Ungarn in den zweifelhaften Genuss, sich der Aufarbeitung der düsteren Seiten des Stalinismus und des sich daran anschließenden sogenannten Gulaschkommunismus zu widmen.

Unter dem neuen Ministerpräsidenten Magyar sollen die Akten der ungarischen Staatssicherheit Schritt für Schritt für die Bevölkerung zugänglich gemacht werden. Zunächst können die noch erhaltenen Registrierkarten und weitere Verzeichnisse mit den Namen sogenannter „Netzwerkpersonen“ (IMs auf Ungarisch) online durchsucht werden. Allerdings bedeutet eine Registrierung nicht zwangsläufig, dass die betreffende Person tatsächlich als Spitzel tätig war.

Damit erfährt man dann im besten (oder schlimmsten) Fall, wer Vater, Mutter, Oma oder Opa seinerzeit womöglich bespitzelt hat. Wird das zu persönlichen Rachefeldzügen führen? Schon möglich. In Deutschland jedenfalls wird zwischen dem berechtigten Interesse der Betroffenen an Aufklärung und dem Schutz der Persönlichkeitsrechte Dritter unterschieden. Die Namen tatsächlicher Spitzel können Betroffene durchaus erfahren, eine uneingeschränkte Veröffentlichung sämtlicher Namen ist dagegen nicht vorgesehen.

In einem nächsten Schritt sollen bis Februar 2027 weitere Akten über die Anwerbung und Tätigkeit der Spitzel veröffentlicht werden. Die eigentlichen Spitzelberichte bleiben dagegen grundsätzlich den Betroffenen, ihren Angehörigen und der Forschung vorbehalten.

Ich kann verstehen, dass betroffene Personen und Familien wissen möchten, was damals wirklich passiert ist. Nicht selten hingen daran tragische Schicksale. Und möglicherweise ist die Aufklärung für manche Menschen sogar die Voraussetzung dafür, mit ihrer Vergangenheit abschließen zu können.

Und doch frage ich mich manchmal, ob es nicht besser wäre, die Staatssicherheitsdienste des Ostblocks und ihre ebenso brutalen wie im Nachhinein lächerlichen Büttel dem verdienten Vergessen anheimfallen zu lassen.

Schon die alten Ägypter betrieben die damnatio memoriae mit großer Leidenschaft. So wurden Porträts, Inschriften und Statuen unliebsamer Herrscher (und Herrscherinnen) von ihren Nachfolgern zerstört, ihre Namen aus den Königslisten getilgt. Ja, man ging sogar so weit, die Gesichter auf Königssarkophagen unkenntlich zu machen (siehe unten ein Sarkophag im alten Ägyptischen Museum in Kairo, der möglicherweise dem „Ketzerkönig“ Amenophis IV., besser bekannt unter dem Namen Echnaton, gehörte).

Die meist machtpolitisch motivierte posthume Auslöschung von Echnaton & Co. war dabei womöglich um vieles unverdienter, als es bei den lederbejackten und sonnenbebrillten Stasileuten und ihren uniformierten Vorgesetzten der Fall wäre. Andererseits sollte man vielleicht gerade nicht vergessen, dass sie ein integraler Bestandteil des real existierenden Sozialismus waren. Schon gar nicht angesichts der Tatsache, dass sich noch immer Menschen auf der Suche nach einer sozial gerechteren Gesellschaft ausgerechnet in diese Sektion des historischen Selbstbedienungsladens verirren.

Mit dem Vergessen ist es also heikel: Man kann sich in der Regel nicht wirklich aussuchen, was man vergisst und woran man sich erinnert.

In dem sonst eher enttäuschenden Chinatown-Sequel The Two Jakes (1990) wird dem Privatdetektiv Jake Gittes vorgeworfen, er sei „a prisoner of the past.“ Eine treffende Formulierung. Wer sich zu intensiv mit der Vergangenheit beschäftigt, läuft Gefahr, ihr zu viel Macht über ein Leben einzuräumen, das – wie es Søren Kierkegaard formulierte – zwar nur rückwärts verstanden werden kann, aber vorwärts gelebt werden muss.

Wie dröge und humorlos die Genossen der Stasi waren, zeigt sich schon an ihrem Prosastil: uninspirierter Bürokratenjargon, in dem die Namen der Zielpersonen grundsätzlich nicht mit einem höflichen Herr, Frau bzw. dem damals noch zulässigen Fräulein und schon gar nicht mit dem Vornamen versehen wurden, sondern stets von „der Meier“ oder „dem Müller“ die Rede war, die es zu observieren oder mit einem ganzen Katalog abgestufter Maßnahmen in Schach zu halten galt.

Lesen wir stattdessen lieber ein gutes Buch, meinetwegen eines, in dem die Stasi sogar vorkommt, aber verdientermaßen ins Lächerliche gezogen wird. Zum Beispiel Mikis Wesensbitters grandiose Wendechronik Wir hatten ja nüscht im Osten … nich‘ ma Spaß: Die ganze Wahrheit über ’89, die 2018 im Verlag Subkultur erschien.

Darin rekapituliert Wesensbitter mit Herz und Berliner Schnauze in Form eines Tagebuchs sein ganz persönliches 1989. Der schleichende, aber unaufhaltsame Verfall eines Staates, den es ein Jahr später schon nicht mehr geben sollte, wird aus der Perspektive eines langhaarigen und den Staatsorganen suspekten Jugendlichen geschildert, bei dem ganz klar der Spaß im Vordergrund steht. Sorglose Promiskuität und Bierexzesse gehören ebenso dazu wie Punkkonzerte und Fußballspiele, Westplatten und kreative Ansätze beim Umgang mit der allgegenwärtigen Mangelwirtschaft.

Diese Mischung aus unbekümmertem Hedonismus, äußerlicher Unangepasstheit und verdächtiger Fußball- und Punkrockfankultur rief natürlich auch die Staatsorgane auf den Plan. Die versuchten, Wesensbitter denn auch durch eine im Genossenjargon als „Zersetzung“ bezeichnete Maßnahme einzuschüchtern. Seine Wohnung wurde während seiner Abwesenheit durchsucht, kleine Details (ausgetrunkene Bierflaschen, fremde Zigaretten im Aschenbecher, ungewohnt würziger Westkaffeeduft) signalisierten: „Wir waren hier und beobachten dich.“

Doch Mikis ließ sich davon nicht beeindrucken. Stattdessen schrieb er seitenlange, ironische und im Kern sinnfreie Eingaben an die Staatsorgane, die sich aufgrund der geltenden Bestimmungen gezwungen sahen, sich ernsthaft damit zu befassen. Er nutzte also schleichende Subversion statt offener Konfrontation und vor allem eine Waffe, mit der der bierernste DDR-Staatsapparat einfach nicht umgehen konnte: Humor.

Ein amüsantes und sehr lesenswertes Buch, das den alten Unterdrückern auch nachträglich nicht mehr Bedeutung für das eigene Leben einräumt, als sie es verdienen.

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