Allein lebende Menschen, auch oder vielleicht vor allem solche, die sich aus freien Stücken dazu entschieden haben, legen Besuchern gegenüber oft ein ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis an den Tag. Das ist wenigstens meine Erfahrung.
Darin liegt kein Widerspruch. Man kann die in vielerlei Hinsicht reichere und tiefere Gedankenwelt der Einsamkeit der wiederholten Entleerung des Gehirns durch den mehr oder minder oberflächlichen Austausch mit anderen durchaus vorziehen. Vieles spricht sogar dafür.
Und doch bricht sich selbst bei den introvertiertesten Eremiten die nun einmal grundlegend gesellige Natur des Menschen gelegentlich Bahn. Dann ergießen sich all die im warmen Fruchtwasser der Einsamkeit genährten Beobachtungen, Ideen und Überlegungen als gewaltige Wortlawine über den unschuldigen Gast, der in diesem Fall meist wenig Gelegenheit hat, seinen eigenen Senf dazuzugeben. Denn in der Schule der Einsamkeit wird das Fach „Gepflegte Konversation“, in dem die Balance zwischen Reden und Zuhören die wichtigste Lektion darstellt, grundsätzlich nicht unterrichtet.
Mein Freund Philip Bottomley Phelps, in dessen dringend sanierungsbedürftigem Anwesen Mischief Manor in der Grafschaft Kent ich seit Donnerstag weile, ist hier eigentlich keine Ausnahme. Bei meinen letzten Besuchen bombardierte er mich von morgens bis abends mit Zitaten, Erkenntnissen, Reflexionen, Theorien und Anekdoten, die hauptsächlich auf einer intensiven, aber eklektischen Lektüre der Bücher seiner Vorfahren basierten. Die Gegenwart ignoriert er hingegen so gut es geht. Das fällt ihm nicht allzu schwer, denn er ist überzeugter „Offliner“. Er besitzt weder einen Fernseher noch einen Internetanschluss, ganz zu schweigen von einem Mobiltelefon oder anderen elektronischen Endgeräten.
Und so rezitierte er beim letzten Besuch mit Inbrunst Statius‘ Achilleis, diskutierte leidenschaftlich, aber im Wesentlichen ohne meine Mitwirkung, die Frage, ob der Niedergang des Römischen Reiches auf die Verweichlichung durch Reichtum, die Jenseitsfixierung des Christentums oder den Ansturm der Barbaren aus dem Osten zurückzuführen sei, unterzog Kropotkins gesellschaftsorganisatorische Ideen einer Generalkritik und zerlegte den Fortschrittsglauben der Aufklärung.
Auch diesmal hatte ich mich darauf eingestellt, während meines Aufenthalts in Mischief Manor als Auffangbecken für überfließende phelpssche Weisheiten dienen zu dürfen.
Doch wenn Phil für etwas immer gut ist, dann für Überraschungen.
Hatte er sich am Abend meiner Ankunft noch als halbwegs gesprächig gezeigt – er versuchte, mich zu einer gemeinsamen Kamelreise in die Oase Siwa im nächsten Jahr zu überreden –, glänzte er gestern durch eine mir bisher vollkommen unbekannte Einsilbigkeit, die bis jetzt anhält. Tagsüber verschanzt er sich in seinem Arbeitszimmer, das er nur verlässt, um sich in der Küche etwas zu essen oder zu trinken zu holen oder einem menschlichen Bedürfnis nachzukommen. Frühstück und Mittagessen nahm ich allein ein, das gemeinsame Abendessen fühlte sich an wie eine Zisterzienservesper, und heute habe ich ihn noch gar nicht gesehen.
Ich habe bisher nicht gewagt, ihn nach dem Grund für seine Schweigsamkeit zu fragen. Tatsächlich genieße ich die ungewöhnliche Stille sogar. Ich unternehme ausgedehnte Spaziergänge in der ländlichen Umgebung, versuche im Lesesessel des Wohnzimmers (bisher vergebens) nachzuvollziehen, warum Laurence Sternes Tristram Shandy seinerzeit ein Bestseller war und bis heute nicht dem aus meiner Sicht wohlverdienten Vergessen anheimgefallen ist, spiele das Stöckchenspiel mit Phils Hündin Susan , die sich über den Spleen ihres Herrchens vermutlich noch mehr wundert als ich, und werde wohl morgen in Phils schrottreifem Land Rover nach Toftsbury fahren, um unsere Lebensmittelvorräte aufzufrischen.
Bis dahin heißt es: „Keep calm and carry on.“

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