Nichts Neues auf Mischief Manor

Die revolutionäre oder zumindest politisch subversive Energie scheint mich zu verfolgen. Gestern kam ich im Vereinigten Königreich an. Dort erwarteten mich die traditionellen Festivitäten zur Guy Fawkes Night.

Zur Erinnerung: Im Jahre 1605 versuchte eine katholische Verschwörergruppe um Guy Fawkes, den protestantischen König Jakob I. zu ermorden. Dafür deponierten sie 36 Fässer mit Schwarzpulver im Keller des britischen Parlamentsgebäudes. Die Verschwörung flog auf, die Rädelsführer flohen oder wurden hingerichtet. Die Rettung des Königs wird seither landauf und -ab am 5. November mit Feuerwerken und großen Lagerfeuern gefeiert.

Auch in der beschaulichen britischen Markstadt Toftsbury, in der ich gestern am frühen Nachmittag eintraf, stiegen Böller auf, stieß Feiervolk an Lagerfeuern mit Bier, Glühwein und anderen geistigen Getränken auf den Anlass an, starben Strohpuppen stellvertretend für Fawkes noch einmal feierlich den Flammentod.

Währenddessen rieben sich die Apokalyptiker einmal mehr die Hände. Etliche Flüge mussten im europäischen Luftraum nach obskuren Bombendrohungen umgeleitet werden. Zudem gab es einmal mehr Anschläge auf die Kühltruhen europäischer Supermarktketten. Hinter diesen hybriden Nadelstichen wird von einigen der Kreml bzw. das Mullah-Regime im Iran vermutet.

Und auch die Börse legte eine bemerkenswerte Talfahrt hin, nachdem das US-Wahlvolk dem amtierenden Präsidenten einen Denkzettel verpasst hat.

Bewegte Zeiten könnte man sagen.

Doch meinen britischen Freund Philip Bottomley Phelps interessiert das alles nicht die Bohne. Er ist wie immer zu 100 % mit sich selbst beschäftigt. Als ich gestern am Bahnhof in Toftsbury ankam, war von seinem betagten Land Rover natürlich weit und breit nichts zu sehen, obwohl er versprochen hatte, mich abzuholen. Ich nahm also ein Taxi zu seinem etwa 20 Kilometer von der Stadt entfernten Anwesen Mischief Manor.

Dort fand ich ihn schließlich, im Wohnzimmer auf dem kahlen Fußboden sitzend, neben sich eine halb volle Flasche Whisky, vor sich eine Karte Nordafrikas, auf der er mit Bleistift und Lineal rätselhafte Linien zog.

Ich wusste gleich, woran ich war: Phil war bei der Arbeit an seinem neuesten Stück – soweit ich weiß eine Tragikkomödie über zwei Transsexuelle namens Virus und Antivirus im Rom des Kaisers Heliogabal – an einen toten Punkt gelangt. Um sich den Kopf freizublasen, schmiedete er mehr oder weniger imaginäre und potenziell selbstmörderische Reisepläne. Diesmal sollte es also offenbar nach Nordafrika gehen.

Er begrüßte mich beiläufig, erwähnte natürlich mit keinem Wort, dass er nicht am Bahnhof geworden war, und lud mich ein, mit ihm zusammen eine mehrwöchige Kamelreise im nächsten Jahr zu planen. Anlass: die totale Sonnenfinsternis, die in Nordafrika wohl besonders lange und eindrucksvoll zu bewundern sein wird. Seine ursprüngliche Idee, von Kairo aus bis ins libysche Bengasi zu pilgern, hatte er bei meiner Ankunft bereits aufgegeben. Ein derartiges Himmelfahrtskommando durch vollkommen wasserlose Wüsteneien, die zudem als militärisches Sperrgebiet deklariert sind, erschien wohl selbst ihm zu absurd.

Nun favorisierte er einen Trip in die ägyptische Oase Siwa, die er im Vergleich zur verworfenen Route als „Spaziergang“ bezeichnete. Ich wies ihn vorsichtig darauf hin, dass selbst erfahrene Karawanenführer in den brütend heißen Sommermonaten nicht durch die Sahara stapfen, Kamele hin, Kamele her, ich mir aber eine Fahrt im klimatisierten Geländewagen, nach hinreichender Vorbereitung natürlich, durchaus vorstellen könnte.

Dies schien ihm jedoch nicht zu behagen. „Too bloody ordinary“, sagte er.

Wie schön, dachte ich, dass sich die Menschen nie wirklich ändern.

Kommentar verfassen