Das hätten wir. Einmal unter den Kanal gerutscht, die britische Passkontrolle passiert, nun auf dem Weg nach Kent, einst der Obst- und Gemüsegarten der Weltmetropole London, bevor es aus unerfindlichen Gründen günstiger wurde, die Vitaminzufuhr nicht mehr aus dem Umland, sondern aus weiter entfernten Regionen des Inselreichs oder gar aus Übersee vorzunehmen.
Ich habe meinen Paris-Aufenthalt noch nicht ganz verdaut. Dort gehen einige Franzosen ja bekanntlich einmal mehr einem beliebten nationalen Zeitvertreib nach: dem Volksaufstand. Viel habe ich nicht davon mitbekommen, was sicherlich daran lag, dass ich mich überwiegend in Saint-Germain-des-Prés, im Marais und im Quartier Latin aufhielt. Hier bleibt die gut situierte und wohlhabende Bourgeoisie offenbar noch ganz unter sich.
Gestern erwartete mich allerdings auch in diesem nach Dior und Lancôme duftenden Lalaland eine Kolonne aus zwanzig Polizeifahrzeugen, die das Musée Carnavalet im 3. Arrondissement vor einem in der Nähe vorbeidefilierenden Demonstrationszug schützten. Mein eher konservativ gepolter Paris-Bekannter Anatole Rubin, mit dem ich das Museum besuchte, verdammte den Pöbel und zeigte mir grimmig lächelnd die kläglichen Überreste zweier Riesenstatuen von Henri IV. und Ludwig XIV., die der Zerstörungswut einstiger „Revolutionäre“ zum Opfer gefallen sind, ebenso wie zahlreiche andere Kunstwerke und glorreiche Errungenschaften des Ancien Régime.
Die im Museum ausgestellten Interieurs adeliger Stadtresidenzen des 16. und 17. Jahrhunderts (aus einem mir unerfindlichen Grund hießen sie Hôtels particuliers) vermitteln tatsächlich den Eindruck einer ebenso kultivierten wie prunkliebenden Haute Volée, die es sich gut, viele würden wohl sagen „zu gut“ gehen ließ, bevor sie, vor Charme, Esprit, Lebenslust und gepflegter Langeweile sprühend, von den Sturmfluten der Geschichte hinweggespült wurde, und das bürgerliche Zeitalter mit seiner – so zumindest Anatoles Einschätzung – moralischen Selbstgefälligkeit und Engstirnigkeit, seinem Materialismus, Konformismus und hohlen Leistungswahn Einzug hielt.
Es muss sich gut gelebt haben in jenen Salons, in denen musiziert, gepflegt geplaudert und über die Ideen der geistigen Brandstifter debattiert wurde, die den Boden bereiteten für eine Umwälzung, deren Ausmaß und Auswüchse sich wohl nicht einmal der Radikalski Rousseau vorstellen konnte, ganz zu schweigen von Voltaire, dessen Altersarbeitssessel mit Buchablage und Schreibplatte meinen persönlichen Besuchshöhepunkt darstellte.
Was, so fragte Anatole, hätte er wohl zu den Exzessen der Jakobinerherrschaft gesagt? Zur paranoiden Gewalt des Terrors? Zur zeitweiligen Abschaffung der alten Religion und des gregorianischen Kalenders? Zur Hinrichtung des Königs und der Zerstörung der Gräber seiner Vorfahren in der Kathedrale von Saint-Denis, eine der im wahrsten Sinne des Wortes schändlichsten Taten der revolutionären Ikonoklasten?
Gern hätte ich mich etwas näher mit diesem welthistorischen Ereignis beschäftigt, dessen Konfusion und Undurchschaubarkeit (niemand „versteht“ die Französische Revolution, ganz gleich, was er oder sie behauptet) mich immer fasziniert hat. Doch Anatole weigerte sich beharrlich, der zweiten Etage des Museums, die sich dem Thema widmet, einen Besuch abzustatten, was mich ein wenig an die drei Affen erinnerte, die eine potenziell verstörende Wirklichkeit weder sehen noch hören wollen. Stattdessen gingen wir im unverschämt teuren Museumsrestaurant ganz passabel essen. Nach dem zweiten Glas Wein fand ich das Picknicken auf dem brodelnden Vulkan ganz gemütlich.

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