Der Steinersche Haussegen hängt derzeit leider ziemlich schief. Meine Haushälterin Rosanna spricht seit Tagen nicht mehr mit mir. Oder wenn, dann nur das Notwendigste.
Statt der üblichen, mit scherzhaft drohenden Zeigefingern und angedeuteten Kopfnüssen gewürzten Frühstücksplaudereien sagt sie nun nicht einmal mehr „Guten Morgen“. Allenfalls „Scusa“, wenn ich ihr beim Staubwedeln im Weg bin. Oder – und das ist fast noch schlimmer – sie wünscht mir beim Servieren der Mahlzeiten in überfreundlichem Ton einen recht guten Appetit und fragt, ob der feine Herr sonst noch Wünsche hat. Gewöhnlich sagt sie dabei eher „Verdient hast du’s ja nicht“ oder „Da, du faules Stück.“
Ihr gutmütiges Lächeln ist ebenfalls vorläufig Geschichte. Ihr derzeitiger Gesichtsausdruck erinnert mich vielmehr an die ehrwürdige Catarina Thiemann, deren Porträt in meinem Keller hängt.
Es stammt aus den 1840er Jahren und wurde mir von meiner Tante Ingeborg übergeholfen. Die starb vor einigen Jahren und hinterließ mir eine ganz hübsche Summe, allerdings unter der Bedingung, dass ich ihre Ahnin in meiner Behausung aufhängen müsse. Vermutlich sollte mich das Porträt daran erinnern, dass das halbe Leben aus Arbeit und die andere Hälfte aus Pflicht besteht.
Frau Thiemann war die Gattin des Kapitäns Hinrich Thiemann, der die meiste Zeit seines Lebens auf See verbrachte – nach dem Gesichtsausdruck seiner Frau zu urteilen, sicherlich kein allzu großes Opfer. Das verlorengegangene Gegenstück zeigte den Kapitän und hing wohl daneben in der guten Stube.
Wie Tante Ingeborg erzählte, war Frau Thiemann ein Ausbund an Fleiß und Tugend, einer jener Menschen, die schon morgens um sechs den Eindruck erweckten, alle anderen hätten den Tag vergeudet. Pikanterweise heiratete eine ihrer Töchter in eine angesehene Hamburger Patrizierfamilie ein, die nach allem, was man so hört, im 18. und frühen 19. Jahrhundert gutes Geld im Sklavenhandel verdient hatte. Pecunia non olet, wie der alte Vespasian zu sagen pflegte, nach dem bekanntlich die Vespa benannt ist. Aber das nur am Rande.
Kommen wir zurück zu Rosanna.
Ganz ehrlich: Ich kann mit ihrem eisigen, vorwurfsvollen und zugleich rätselhaften Schweigen nicht umgehen. Wie die meisten Männer bin ich ein harmoniesüchtiger, konfliktscheuer und emotional begriffsstutziger Waschlappen. Nicht umsonst heißt es: „Hinter jeder starken Frau steht ein Mann, der sich fragt, was er nun schon wieder falsch gemacht hat.“
Das Perfide: Selbst wenn Mann nach langer Leidenszeit schließlich allen Mut zusammennimmt und geradeheraus fragt, was denn nun eigentlich los ist, erhält man meist keine eindeutige Antwort. Höchstens ein blödsinniges „Warum? Was soll denn sein?“
Ich verzichtete also auf Nachfragen. Schließlich habe ich auch meinen Stolz. Aber ich litt. Und Rosanna schien fest entschlossen, diesen Zustand nicht vorschnell zu beenden.
Heute Morgen wusste ich mir nicht anders zu helfen und fragte meinen Chauffeur Marc um Rat.
Er polierte gerade den Lada, der nach meinem letzten Ausflug zur Sommerresidenz im Schwöblinger Land verdächtige Geräusche von sich gegeben hatte und deshalb in die Werkstatt musste. Die Diagnose: Marderschaden. Ich wusste natürlich, welche „Marder“ da ihr Unwesen getrieben hatten: Ruslan und Ludmila, die Edelpelzhaustiere meines Residenzhausmeisters Wassili Skornjakow. Mit denen werde ich beim nächsten Mal ein gepflegtes Hühnchen rupfen. Aber das hat Zeit. Jetzt ist erstmal Rosanna dran.
Marc schüttelte halb mitleidig, halb vorwurfsvoll den Kopf, als ich ihm von meinem Problem erzählte, wie einst mein seliger Stiefvater, wenn er einen Lehrereintrag in meinem Hausaufgabenheft unterschreiben sollte. Auch er schien der Ansicht zu sein, dass ich irgendetwas falsch gemacht hatte. Er seufzte und holte die Zigaretten aus der Hemdtasche. Ich nahm eine und ließ mir von ihm Feuer geben.
„Jetzt fang du nicht auch noch an!“ fuhr ich ihn unwirsch an. „Was ist denn? Was habe ich gemacht? Seid ihr denn alle verrückt geworden?“
Erneutes Kopfschütteln bei Marc. „Du bist so ein Soziopathenhonk.“
Er befahl mir, mich ins Auto zu setzen, ließ den Motor an – alles wieder tippitoppi, keine Geräusche – und fuhr los. Einmal um den Block. Das machen wir oft, wenn wir etwas Ernstes zu besprechen haben.
Als wir die Einfahrt hinter uns gelassen hatten und gemächlich die Platanenallee entlanghumpelten, klärte er mich dann endlich auf.
Nach seiner Darstellung hat Rosannas Missstimmung mit einem Bewerbungsgespräch zu tun, das ich Ende letzter Woche führte. Ein sehr höflicher, freundlicher und zurückhaltender Mann namens Toshiro Tanaka hatte sich auf eine Stellenanzeige hin beworben, in der ich einen japanischen Koch suchte.
Der Hintergrund: Ich hatte in der Zeitung gelesen, dass Japan eine der höchsten Lebenserwartungen der Welt hat. Laut dem japanischen Gesundheitsministerium sind 107.677 Japanerinnen und Japaner 100 Jahre oder älter. Seit 2011 wird in Japan mehr Geld mit Erwachsenen- als mit Kinderwindeln umgesetzt. Als ein wesentlicher Faktor gilt die gesunde japanische Küche (Washoku).
Da ich grundsätzlich für jeden Trend zu haben bin und in letzter Zeit viel über das Alter(n) nachdenke, zog ich die einzig logische Konsequenz: Ich brauche einen japanischen Koch oder eine japanische Köchin. Also schrieb ich die Stelle umgehend aus und erhielt innerhalb von 24 Stunden die erste Bewerbung: von Herrn Tanaka.
Herr Tanaka bestand den Einstellungstest in Form der Zubereitung eines typisch japanischen Menüs mit fliegenden Wimpeln. Es schmeckte mir gut, fast zu gut. Herr Tanaka musste mich mitten im Schlingen zügeln. Höflich, aber bestimmt wies er mich darauf hin, dass ich so die Signale meines Magens nicht wahrnehmen könne. Zudem sehe das japanische Prinzip des hara hachi bun me (腹八分目) ohnehin nur einen Sättigungsgrad von 80 % vor. Auch das Tablet, auf dem ich während des Essens gemäß meiner Gewohnheit lesen wollte, hielt er für keine gute Idee. Man solle sich ganz und gar auf die Mahlzeit konzentrieren.
Das alles sprach dafür, dass Herr Tanaka der richtige Koch für mich war.
Auch im englisch geführten Bewerbungsgespräch glänzte er. Besonders sympathisch: Die Wörter „Holiday“ und „Weekend“ schienen ihm wenig bis gar nichts zu bedeuten. Er hob nur verständnislos die Augenbrauen, als ich sie der Form halber kurz erwähnte.
Ich versprach ihm, mich bis Ende der Woche bei ihm zu melden und sah ihn bereits als wichtigen, vielleicht entscheidenden Faktor meiner ganz persönlichen Longevity-Safari.
Nun erklärte mir Marc im Auto, dass meine Absicht, einen japanischen Koch zu engagieren, bei Rosanna zu maximaler Verstimmung geführt habe.
„Echt?“
„Echt.“
„Du meinst Rosanna glaubt, ihr Essen schmeckt mir nicht mehr?“
„So ungefähr. Kleiner Nachhilfekurs in Sachen Etikette der Spezies homo sapiens: Viele Menschen mögen das Gefühl, von anderen geschätzt und gebraucht zu werden. Rosanna ist da keine Ausnahme. Und du hast ihr gerade signalisiert, dass ihre Kochkünste überflüssig sind.“
„Aber ich liebe Rosanna doch über alles!“
„Ja, Erich“, kommentierte Marc trocken.
„Und ich liebe ihre Küche.“
Marc rieb sich zufrieden das stattliche Ränzlein. „Nicht nur du.“
Tja, so sieht’s aus.
Herrn Tanaka werde ich wohl schweren Herzens absagen müssen. Aber was sind schon ein paar Lebensjahre gegen den Hausfrieden und das Lächeln einer Haushälterin, die weiß, dass sie geschätzt und gebraucht wird – und die mir immer noch eine Extraportion auftut, obwohl sie weiß, dass ich längst satt bin.

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