Ein Fall für den Inselbeauftragten

Heute stieß ich in der Times auf das offizielle Foto des neuen britischen Kabinetts. Ich freute mich sehr darüber, denn ich liebe Gruppenbilder.

Sie suggerieren eine – natürlich vollkommen illusorische – Harmonie. Für diesen einen, wunderbaren, fast magischen Moment schafft man es, das Kompetenzgerangel, die Egoschlachten, das Neidkarussell und die Intrigenspirale, die jedem Team erst die richtige Würze geben, mal ganz kurz einzufrieren und nach außen hin Einigkeit zu demonstrieren.

Danach geht’s natürlich munter weiter mit dem Wahnsinn, wie bei einer Pavianhorde, die kurz mal still ist, weil sie einen Leoparden zu wittern meint, um dann, nachdem sich der Alarm als falsch entpuppt hat, umso hemmungsloser zu lärmen, zu balgen und durcheinanderzuwuseln.

Es sind immerhin 29 Personen auf dem Foto zu sehen. Ziemlich viel. Im Bundeskabinett sitzen momentan nur 18. So recht konnte ich mir das nicht erklären. Hat sich in Deutschland, das sich bekanntlich eines der größten Parlamente der Welt leistet, ausgerechnet bei der Regierung die Mentalität der vielbeschworenen schwäbischen Hausfrau durchgesetzt?

Ein näherer Blick auf die Amtstitulaturen der betreffenden Personen komplizierte die Sache noch. Neben „richtigen“ Ministerinnen und Ministern tummelten sich da auch Teammitglieder, deren Berufsbezeichnungen mehr Fragen aufwarfen als sie beantworteten.

So stolperte ich über Begriffe wie „Lords Leader“, „Cabinet Secretary“ (wobei ich natürlich irgendwie an die Generalsekretäre des Ostblocks denken musste), „Chief Secretary“, „Commons Leader“, „Attorney General“ und „Housing Minister of State“ (obwohl es mit Angela Rayner ohnehin schon eine Ministerin für Housing gibt).

Für die größte Verwunderung sorgten bei mir jedoch Louise Haigh, die den Titel „Chancellor of the Duchy of Lancaster“ trägt, und Anneliese Midgley, die sich „Chief Whip“ schimpft.

Ich tat das, was ich immer tue, wenn ich etwas nicht verstehe, das mit dem Vereinigten Königreich zu tun hat: Ich rief meinen Freund Philip Bottomley Phelps an, der sozusagen als mein inoffizieller Inselbeauftragter fungiert.

Ich erwischte ihn in der Küche. Er rupfte einen Fasan, den er kürzlich mit seinem mittelalterlichen Langbogen gewildert hatte.

„Was gibt’s denn, Vlad?“ raunzte er nach der üblichen wenig herzlichen Begrüßung in den Hörer seines Dreißigerjahretelefons. „Ich habe seit zwei Tagen nichts Richtiges gegessen. Also mach’s kurz.“

Ich erklärte ihm zunächst zum einhundertsten Mal, dass ich nicht Graf Dracula sei und es sich bei „Vlad“, bzw. in deutscher Schreibweise „Wlad“, um die Abkürzung des russischen Namens „Wladimir“ handle.

„Die korrekte Kurz- bzw. Koseform meines Namens“, dozierte ich, „lautet „Slawa“, von mir aus auch „Slava“, aber auf gar keinen Fall „Vlad“.“

„Ja ja, geschenkt. Was willst du?“

Ich sagte es ihm.

„Und deshalb rufst du extra an? Wie kommst du darauf, dass ausgerechnet ich dir das erklären kann? Ich bin Anarchist, das weißt du doch, oder?“

Ich sagte ihm, dass ich das natürlich wüsste, dass er aber nun mal aus einem unrechtmäßig privilegierten Stall käme und daher vollkommen unverdient eine solide und überteuerte Bildung genossen hätte, was vermuten ließe, dass er sich zumindest in Grundzügen mit der britischen Verfassung auskenne. „Außerdem bist du doch Brite, oder?“

Er lachte boshaft. „Na und? Millionen Briten haben nicht die leiseste Ahnung davon, was die Damen und Herren in Westminster so treiben, geschweige denn, was ihre Titel bedeuten.“

„Ich frage aber nicht Millionen Briten, sondern nur einen. Nämlich dich.“

Er schnaufte verächtlich. Ich hörte das Klicken eines Feuerzeugs, dann Schluckgeräusche. Es klang nach einem eher billigen Haushaltswhisky. Die edleren Sorten hatte er offenbar längst vernichtet.

„Wohl bekomm’s. Also? Was macht zum Beispiel der Chancellor of the Duchy of Lancaster? Und vor allem: Was macht er oder in diesem Fall sie im Kabinett?“

Er seufzte resigniert und erklärte mir, dass es das Amt seit 1399 gibt und die Inhaber theoretisch die Aufgabe haben, das Duchy of Lancaster, einen umfangreichen Besitz aus Land, Gebäuden und anderen Liegenschaften, dessen Erträge der Krone zufließen, zu verwalten.

„Und praktisch?“, fragte ich.

„Die praktische Verwaltung übernimmt der Duchy Council. Der Chancellor macht andere Sachen.“

„Okay, aber was?“

„Das kommt darauf an.“

Ich verstand immer weniger. „Worauf kommt es an?“

„Na, was gerade so anliegt. Und wer im Kabinett das Sagen hat. Der Premierminister legt fest, wofür der Kanzler oder die Kanzlerin gerade zuständig ist.“

„Also so etwas wie ein Minister ohne Geschäftsbereich?“

„So ähnlich. Wie gesagt, es kommt darauf an. Manchmal wird jemand zum Kanzler ernannt, weil er eine wichtige Rolle im Kabinett einnehmen soll, ohne ein klares Ressort zu haben. Vermitteln, durchsetzen, koordinieren, solche Sachen. Manchmal ist es aber auch eine Art Strafversetzung, wenn einer Mist gebaut hat. Churchill haben sie seinerzeit zum Duchy-Kanzler gemacht, weil er die Dardanellen versemmelt hatte. Du weißt schon, Gallipoli und so. Man wollte ihn nicht ganz aus dem Kabinett schmeißen, aber ihm trotzdem unmissverständlich zeigen, dass das nicht seine „finest hour“ gewesen war. Bei Louise Haigh, die jetzt auf dem Posten sitzt, ist es anders. Sie ist ja außerdem noch First Secretary of State und Minister for the Cabinet Office.“

„Wieder zwei so merkwürdig schwammige Titel“, warf ich ein.

„Hör zu, ich kann dir jetzt nicht jeden Furz erklären. Warum liest du’s nicht im Internet nach, wie all die anderen Deppen?“

„Okay, also ich halte fest, der oder die Chancellor of the Duchy of Lancaster ist so eine Art Minister für das, was gerade so anfällt. Einen aber noch: Was bitte ist der Chief Whip?“

„Organisiert und diszipliniert die Abgeordneten der Regierungsfraktion“, erklärte Phil gelangweilt, als ließe sich diese Funktion ganz selbstverständlich aus der Bezeichnung ableiten.

„Ja, aber warum ausgerechnet Whip? Das ist ja wie bei Conan Doyle.“

„Wieso Conan Doyle?“

„Der schreibt immer von einem hunting crop als Lieblingswaffe von Sherlock Holmes. Ich habe bis heute nicht herausgefunden, was das eigentlich sein soll.“

„Wenn du das nächste Mal kommst, zeige ich’s dir. Ich habe zwei. Von meinem Urgroßvater. Hatte ich im Kamin versteckt, als mir die Gerichtsvollzieherin neulich die Bude ausräumte.“

„Alles gut und schön, aber ich wiederhole: Warum whip? Peitscht Anneliese Midgley die Abgeordneten aus, wenn sie nicht spuren?“ Ich versuchte ganz fest, mir die amtierende Chief Whip nicht als Lack-und-Leder-Domina vorzustellen. Es gelang mir leider nur teilweise.

„Quatsch, auspeitschen“, polterte Phil. „Das kommt aus der Jagdsprache. Ein whipper-in sorgte dafür, dass die Hunde zusammenblieben.“

„Natürlich. Warum bin ich Dummerchen nicht gleich darauf gekommen? Ist ja logisch.“

„Eben.“

Zum Schluss fragte ich noch, welchem Rat der Lord President of the Council denn nun eigentlich vorstünde.

„Na dem Privy Council.“

„Und was ist der Privy Council?“

Phil überlegte für seine Verhältnisse erstaunlich lange. „Ganz ehrlich“, gab er schließlich zu: „Da bin ich mir selbst nicht so sicher.“

Damit war die Sache für uns beide ausreichend geklärt.


Foto: Simon Dawson / No. 10 Downing Street · via Flickr · CC BY 4.0

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