Ein Mann von milder Observanz

Vor gut einer Woche hat der Sommer noch einmal gezeigt, was er kann. Ein richtiger Hitzetag. Meine Prophezeiung damals: Es war der letzte in diesem Jahr.

Nun herbstet es schon merklich. Ich liebe es, Recht zu behalten. Obwohl ich auf die Frage „Recht haben oder gemocht werden?“, die mir ausgerechnet die Mineralwassermarke meines Vertrauens vor einiger Zeit auf dem Etikett stellte, wohl eher mit „gemocht werden“ antworten würde.

Wie dem auch sei, vielleicht war es das milde Spätsommer- bzw. Frühherbstlicht, das mich dazu inspirierte nach langer Zeit einen Fontane-Band zur Hand zu nehmen. Ich entschied mich für Fontanes Spätling „Der Stechlin“ – und fand in dem liebevoll beschriebenen Gutsherrn Dubslav von Stechlin gleich einen Bruder im Geiste:

Dubslav von Stechlin, Major a. D. und schon ein gut Stück über Sechzig hinaus, war der Typus eines Märkischen von Adel, aber von der milderen Observanz, eines jener erquicklichen Originale, bei denen sich selbst die Schwächen in Vorzüge verwandeln. Er hatte noch ganz das eigentümlich sympathisch berührende Selbstgefühl all derer, die »schon vor den Hohenzollern da waren«, aber er hegte dieses Selbstgefühl nur ganz im stillen, und wenn es dennoch zum Ausdruck kam, so kleidete sich’s in Humor, auch wohl in Selbstironie, weil er seinem ganzen Wesen nach überhaupt hinter alles ein Fragezeichen machte. Sein schönster Zug war eine tiefe, so recht aus dem Herzen kommende Humanität, und Dünkel und Überheblichkeit (während er sonst eine Neigung hatte, fünf gerade sein zu lassen) waren so ziemlich die einzigen Dinge, die ihn empörten.

Er hörte gern eine freie Meinung, je drastischer und extremer, desto besser. Daß sich diese Meinung mit der seinigen deckte, lag ihm fern zu wünschen. Beinah das Gegenteil. Paradoxen waren seine Passion. »Ich bin nicht klug genug, selber welche zu machen, aber ich freue mich, wenn’s andre tun; es ist doch immer was drin. Unanfechtbare Wahrheiten gibt es überhaupt nicht, und wenn es welche gibt, so sind sie langweilig.« 

Auch auf den folgenden Seiten unterhielt ich mich glänzend. Es war, als ging oder ritt ich eine jener mitunter noch existierenden Brandenburger Seitenalleen entlang, mit ihren groben Pflastersteinen, den links und rechts zum Spalier aufgereihten Obstbäumen, Kastanien oder Pappeln, den freien Blicken über die – je nach Region – flachen oder sanft gewellten Felder und Brachen, dazwischen Kiefern- oder – wenn man Glück hat – alte Buchengehölze.

Dabei hörte ich die Stimmen all jener, die hier einst unterwegs gewesen waren und dabei die Themen ihrer Zeit, ihre Sehnsüchte und Träume, ihre Neidereien und Intrigen, ihre mehr oder weniger vorschnell und unreflektiert gefassten Meinungen und – wohl eher selten – auch mal einen guten, richtigen und originellen Gedanken miteinander geteilt hatten.

Ich hörte also ihre Stimmen und stellte dabei einmal mehr fest, dass sich die Menschen zwar in ihrem Erscheinungsbild ändern, dass ihre Reden anders klingen, ihre Sprache und die besprochenen Themen einem steten Wandel unterworfen sind, dass sich aber das Wesen des Menschen niemals grundlegend ändert. Wir sind und bleiben einander so gleich, wie ein Rehbock, ein Wildschwein oder eine Spottdrossel des späten 19. Jahrhunderts einem Exemplar unserer Zeit gleicht.

Wir können vor vielem davonlaufen. Aber nicht vor uns selbst.

In unsrer sogenannten großen Welt gibt es so wenig, was sich zu sehen und hören verlohnt; das meiste hat sich in die stillen Winkel der Erde zurückgezogen.

Bild: Stechlin im Frühling.

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