Eine Gottesanbeterin sitzt – oder hängt oder steht oder klebt? – an der Wand des Eingangs zum Büro meiner Vermögensberaterin Chantal Krasowski.
Ich habe Zeit, sie in Ruhe zu betrachten, denn Chantal ist wider Erwarten nicht da. Ihr Sekretär Hamid teilt mir über die Sprechanlage mit, sie sei noch beim „Prenatal Pilates“.
Mit Ende vierzig will sie es also doch noch einmal oder vielmehr erstmals wissen. Der Kinderwunsch ist eine Himmelsmacht. Man kann ihn lange ignorieren, aber wenn er dann doch kommt, gibt es kein Entrinnen.
Ich betrachte also die Gottesanbeterin. Es ist die erste, die ich überhaupt je sehe. Ein bisschen unheimlich ist sie schon mit ihren mit Widerhaken gespickten Fangarmen und Vorderbeinen, den langen Antennen und den überdimensionierten Insektenaugen. Sie lässt sich durch meine Anwesenheit nicht stören. Wartet offenbar geduldig. Auf was?
Ein Passant sieht mich starren und ein Foto machen. Er kommt hinzu, ruft begeistert: „Sieh an, eine Gottesanbeterin!“ und klärt mich gleich noch eingehender auf: „Eigentlich ein Anbeter. Weil: Es ist ein Männchen. Die sind kleiner als die Weibchen. Wahrscheinlich wartet er auf eine Partnerin. Ist ja Paarungszeit.“
„Aha“, sage ich.
„Die kommen jetzt immer häufiger nach Berlin.“
„Wirklich? Weil Berlin hipp ist?“
„Nein nein.“ Er schüttelt ganz ernst den Kopf. „Wegen des Klimawandels.“
„Ach so. Na, ich wünsche ihm viel Glück bei der Partnersuche.“
Er zuckt die Schultern. „Weiß nicht, ob man da von Glück sprechen kann. Die Weibchen fressen die Männchen nach der Paarung.“
„Sieh an“, sage ich.
Und denke einmal mehr: Der Kinderwunsch ist eine Himmelsmacht.

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