Von Marta Steinfeld//
Sollten Frauen die Odyssee und andere griechische Epen und Theaterstücke lesen? Ganz sicher nicht.
Warum nicht? Weil sie von Männern für Männer geschrieben wurden. Homer war ein blinder Sänger, heißt es. Er trug seine Verse bei Gelagen vor. Seine Zielgruppe waren Männer.
Natürlich waren dort auch Frauen anwesend. Aber nicht die Ehefrauen. Sondern Hetären. Mehr oder weniger kultivierte Sexarbeiterinnen.
Die Ehefrauen saßen derweil brav in ihren Gemächern, betreuten Haus, Hof, Gesinde und Nachwuchs – und webten. Wie Penelope, die 20 Jahre lang (!) treu auf ihren Odysseus wartet, während der sich durchs Mittelmeer vögelt.
Welche Geschichten erzählten sich die Frauen? Sicherlich ganz andere als die der Männer. Aber diese Geschichten sind verloren gegangen, während die der Männer überlebt haben.
Und wie kommen die Frauen dabei weg? Welche Rollen spielen sie darin?
Nehmen wir Penelope. Sie war die Tochter des spartanischen Mitregenten Ikarios. Und keineswegs Odysseus‘ erste Wahl. Der bewarb sich wie viele andere um Helena, die Ziehtochter des (anderen) spartanischen Königs Tyndareos. Aber gegen Menelaos, den Bruder des reichen und mächtigen Agamemnon, König von Mykene, hatte er keine Chance. Also bekam Odysseus Helenas Cousine Penelope. Nicht weil sie ihn wollte, sondern weil er sich in einem weiteren Wettstreit gegen andere Freier durchsetzte. Nicht gerade der Stoff, aus dem Romanzen gemacht sind.
Trotzdem scheinen sie sich zusammengerauft zu haben. Sie bekamen einen Sohn und führten als König und Königin von Ithaka vielleicht das, was man eine „glückliche Ehe“ nennt.
Dann entführte Paris Helena. Und die griechischen Fürsten zogen aus, um sie zurückzuholen. Odysseus sollte natürlich auch mit. Immerhin war er es gewesen, der zur Zeit der Brautwerbung um Helena vorgeschlagen hatte, dass die unterlegenen Freier einen Eid schwören sollten, ihren künftigen Ehemann gegen jeden zu verteidigen, der ihn angreifen oder Helena entführen sollte. So sollte verhindert werden, dass die unterlegenen Freier sich an Tyndareos rächen würden.
Nun holte Odysseus seine eigene Gewitztheit ein. Er musste mit in den Krieg ziehen, obwohl er eigentlich nicht weg wollte von Frau und Kind. Mit einer weiteren List wollte er sich aus der Affäre ziehen. Als Menelaos und sein Freund Palamedes in Ithaka eintrafen, um ihn zu rekrutieren …
… heuchelte Odysseus Narrheit. Er spannte zu einem Ochsen einen Esel vor den Pflug und begab sich mit diesem seltsamen Gespann auf sein Feld, um es zu bestellen. In die Furchen, die er mit dem ungleichen Paar zog, streute er statt des Samens Salz. So dachte er sich von dem verhaßten Kriegszug freizuhalten. Aber Palamedes durchschaute den Verschlagensten aller Sterblichen; während Odysseus weiterpflügte, ging Palamedes heimlich in den Palast, brachte den kleinen Telemachos aus der Wiege herbei und legte ihn in die Furche, über die Odysseus eben hinwegackern wollte. Da hob der Vater den Pflug sorgfältig über das Kind hinweg und bewies so, daß er keineswegs verrückt war. Nun konnte er sich nicht mehr länger weigern, an dem Zuge teilzunehmen, und versprach, bittere Feindschaft gegen Palamedes im Herzen, zwölf bemannte Schiffe aus Ithaka und den Nachbarinseln zur Verfügung zu stellen.*
Dass Palamedes in dieser wie auch in anderer Hinsicht schlauer war als Odysseus, wurde ihm zum Verhängnis. Vor Troja inszenierte Odysseus eine Intrige, wonach Palamedes Bestechungsgeld von den Trojanern genommen hätte. Daraufhin wurde er von den Griechen gesteinigt.
Aber kommen wir zurück zu den Frauen. Penelope ist also die gehorsame Verfügungsmasse der Männer. Zuerst die ihres Vaters, der sie an den erfolgreichsten Bewerber verkuppelt, dann die ihres Mannes, dem sie über Jahrzehnte hinweg treu bleibt, obwohl sie sich sicherlich vorstellen kann, dass er während seiner Abwesenheit kein Kind von Traurigkeit ist. Sie ist schön, tugendhaft, edel und treu. Aber vor allem ist sie gehorsam. Sie tut, was ihre Männer von ihr erwarten. Also Penelope = Patriarchalisches Frauenklischee 1.

Auch Helena ist zunächst Verfügungsmasse. Sie wird an den Bruder des reichsten und mächtigsten Fürsten Griechenlands verheiratet. Große Lust darauf hat sie offenbar nicht, denn als Paris sie umwirbt, geht sie willig mit ihm mit. Sie ist als treulose Gattin also das genaue Gegenteil von Penelope. Aber sonst bleibt sie wie fast alle Frauen des Sagenkreises im Gegensatz zu vielen männlichen Helden merkwürdig blass und eindimensional. Ihre Rolle ist es, den Männern den Kopf zu verdrehen und sie von der Verantwortung für ihre törichten, schwanzgesteuerten Handlungen zu entbinden, sonst nichts. Helena = Patriarchalisches Frauenklischee 2.

Damit haben wir schon die beiden üblichen Grundtypen beisammen. Die Heilige (Hausfrau und Mutter) und die Hure (Ehebrecherin und Verführerin).
Eine weitere Vertreterin von Klischee 1 ist Andromache, die Frau des Hektor. Sie muss mit ansehen, wie die Leiche ihres Mannes von seinem Mörder Achilles um die Mauern ihrer Heimatstadt geschleift und ihr Sohn von dessen Sohn Neoptolemos getötet wird. Obendrein wird sie von letzterem auch noch in die Sklaverei verschleppt.

Was sind die Leiden des vermeintlichen „Dulders“ Odysseus gegen die ihren? Was muss sie erdulden? Welcher der großen Helden könnte es mir ihr aufnehmen, wenn es darum geht, Schmerz zu ertragen?
Das ist die Rolle der „guten“ Frauen bei Homer & Co: Sie gehorchen. Oder sie leiden, ertragen, erdulden. Meistens beides. Selten sieht man sie handeln, ihren Leidenschaften folgen, widersprechen, mahnen oder rügen. Sie sind passiv, nur dazu da, die Gelüste ihrer Männer zu befriedigen.
Es gibt noch andere. Zum Beispiel Chryseis, die Tochter des Apollopriesters Chryses. Sie wurde von Agamemnon auf einem Raubzug gekidnappt und versklavt. Wir wissen nichts über sie. Ihre Gedanken und Gefühle verschweigt Homer.
Als Apollo den Griechen wegen der Entführung der Tochter seines Priesters die Pest auf den Hals hetzt, wird prophezeit, dass nur die Rückgabe der Chryseis die Seuche beenden könne. Agamemnon fügt sich zähneknirschend, verlangt aber als Entschädigung die schöne Briseis, die Achilles nach der Plünderung ihrer Heimatstadt und dem Mord an ihrem Ehemann und ihren drei Brüdern als Kriegsbeute zugesprochen worden war.

Der Zorn des Achilles über den „Raub“ seiner Lieblingssklavin Briseis durch Agamemnon ist der „Aufhänger“ der Ilias. Aber was ist mit dem Zorn der Briseis? Wie stand sie zu dem Monster, das ihren Ehemann und ihre Brüder eigenhändig getötet hatte? Laut Homer soll sie Achilles sogar lieben gelernt haben. Wie bitte? In welcher Welt lebte dieser Mann eigentlich, wenn er denn lebte?
Kommen wir zum Klischee 2, den Verführerinnen, Huren und Ehebrecherinnen. Auch in dieser Kategorie gibt es einige. Von Helena habe ich schon gesprochen. Doch sie ist ein Sonderfall, weil göttlichen Ursprungs. Ihr biologischer Vater ist Zeus. Damit entzieht sie sich dem menschlichen Urteil und braucht keine Moral. Ihre Schönheit ist so groß, dass sie eigentlich unzurechnungsfähig ist. Weder nehmen ihr die Trojaner übel, dass sie sie in diesen Krieg hineingezogen hat, noch können es die Griechen über sich bringen, sie nach der Eroberung der Stadt für ihre Treulosigkeit, die so viel Leid über sie gebracht hat, zu bestrafen. Sie geht einfach mit Menelaos zurück nach Hause.
Auch die Verführerinnen der Odyssee sind göttlicher Herkunft. Die Nymphe Kalypso und die Zauberin Kirke verlieben sich (natürlich) unsterblich in Odysseus und halten ihn davon ab, seine Heimreise fortzusetzen.
Kalypso hält ihn (angeblich) gegen seinen Willen sieben Jahre lang auf ihrer Insel Ogygia gefangen. Sie bietet ihm ewige Jugend, wenn er sie heiratet. Doch Odysseus sehnt sich nach Penelope und schließlich lässt sie ihn auf Geheiß der Götter ziehen. Angeblich. Vielleicht hatte er auch einfach genug von ihr.

Und Kirke? Die verwandelt Odysseus‘ Gefährten in Schweine, nur so zum Spaß. Es ist ihr Hobby, Menschen in Tiere zu verwandeln. Aber Odysseus schafft es, mit göttlicher Hilfe, seine Männer zu erlösen. Danach lassen sie es sich ein Jahr lang (!) bei Kirke gutgehen, bis sie ihre Reise fortsetzen.

Eine interessante Mischung von Klischee 1 und 2 ist Agamemnons Frau Klytemnästra. Sie vollzieht eine Wandlung: von der vermutlich treuen Ehefrau zur Ehebrecherin und am Ende sogar Mörderin ihres Mannes. Aber sie hat auch einen guten Grund: Ihr Mann ist der Mörder ihres Kindes. Um einer von den Göttern gesandten Flaute zu entkommen, opferte Agamemnon auf dem Weg nach Troja einst seine eigene Tochter Iphigenie. Welche Mutter hätte das toleriert?
Nur zwei Frauenfiguren des trojanischen Sagenkreises entziehen sich den gängigen Klischees: die Amazonenkönigin Penthesilea und die Seherin Kassandra.
Penthesilea sucht aus Schuldgefühlen über den unbeabsichtigten Todschlag ihrer Schwester einen ehrenvollen Tod auf dem Schlachtfeld. Sie kämpft ruhmreich, doch als sie auf Achilles trifft, ist es um sie geschehen. Der verliebt sich in die Sterbende, als er ihr den Helm abnimmt. Was wäre geschehen, wenn er sie davor gesehen hätte? Hätte er sie verschont? Wären die beiden ein Paar geworden? Wir werden es nie wissen. Aber immerhin: Penthesilea fällt aus dem Rahmen. Allein das ist bemerkenswert.
Und schließlich Kassandra. Die vielleicht faszinierendste Frauengestalt bei Homer & Co. Sie ist schön (natürlich), aber auch klug. Als Apollo sie verführen will, erbittet sie sich als Gegenleistung die Gabe der Vorsehung. Und erhält sie. Doch dann verweigert sie sich dem Gott trotzdem. Der rächt sich und legt fest: Ja, sie kann die Zukunft vorhersehen. Aber niemand wird ihr glauben.
Und so ist Kassandra der einzig kluge und vernünftige Mensch bei Homer & Co. Sie weiß alles. Sie sieht die Zerstörung Trojas voraus, warnt vor dem trojanischen Pferd, prophezeit sogar, dass Klytemnästra ihren Mann Agamemnon, der Kassandra nach ihrer Vergewaltigung durch Ajax den Lokrer im Tempel der Athene als Sexsklavin mit nach Hause gebracht hat, meucheln wird. Sie sieht auch ihren eigenen Tod von der Hand eben jener treulosen Ehefrau voraus. Wie gesagt: Sie weiß. Aber niemand will wissen, was sie weiß. Schließlich ergibt sie sich in ihr Schicksal.
Um (in leicht abgewandelter Form) mit Marie von Ebner Eschenbach zu sprechen:
Die Klügere gibt nach. Das erklärt die Weltherrschaft der Männlichkeit.

Zur Autorin: Marta Steinfeld, 1993 in Casablanca geboren, ist Kühlanlagenbauerin und Dichterin. Steinfeld lebt mit ihrer Partnerin, der Bildhauerin Anastasia Caryatidis, auf der griechischen Insel Serifos.
* Gustav Schwab, Die schönsten Sagen des klassischen Altertums. Band I: Kampf um Troja, Bearbeitet von Heinrich Alexander Stoll, Berlin 1955, S. 18–19. Illustrationen von John Flaxman aus selbigem Buch sowie aus Band II: Irrfahrten des Odysseus, für diesen Beitrag ausgewählt von Wjatscheslaw M. Steiner.

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