Steiner for Prätendent

Zurück in Berlin. Während meiner Abwesenheit haben die Parteien heimlich Wahlplakate für die Bundeshauptstadtwahl im September aufgehängt.

Meine Lieblingspartei, die „Partei für Verjüngungsforschung“, ist allerdings noch nicht dazu gekommen. Sie setzt sich dafür ein, den altersbedingten Tod zu besiegen und kommt damit gerade richtig.

Bisher hatte ich für den Fall meines Ablebens die Gefriertrocknung meiner sterblichen Überreste und deren Aufbewahrung in einem in Winslow im US-Bundesstaat Arizona gelegenen Archiv verfügt. Dort sollten sie sozusagen auf Eis liegen, bis zu einem hoffentlich nicht allzu fernen Punkt in der Zukunft, an dem die Reanimierung und Verjüngung möglich sein würde.

Leider erhielt ich vor einigen Wochen die Nachricht, dass das Unternehmen, dem ich meine Leiche anvertrauen wollte, Insolvenz anmelden musste. Das Archiv, in dem nach eigener Auskunft bereits 173 Verblichene auf ihre Wiedererweckung warten, wurde verkauft und soll nun in eine Serverfarm umgewandelt werden, um die KI-Revolution voranzutreiben. Die Nachkommen der eingelagerten Abonnentinnen und Abonnentinnen haben die Gelegenheit, ihre Lieben kostenfrei zurückzuerhalten. Die Aufrechterhaltung der Kühlkette wird dabei bis zur Haustür garantiert. Die Zwischenlagerung und ggf. Einlagerung in einer ähnlichen Einrichtung muss dann selbst organisiert werden. Die zum Teil erheblichen, für die Lagerung im Voraus gezahlten Beträge sind mit der Insolvenz leider verloren.

Ich bin heilfroh, noch einmal mit einem blauen Auge, sprich einer Einstiegsgebühr von 5.000 USD, davongekommen zu sein und setze nun voll und ganz auf meine Partei. So kann ich nach dem Auslaufen meiner natürlichen Batterie nahtlos zum hoffentlich mindestens ebenso gemütlichen zweiten Teil der großen Steiner Story übergehen.

Abgesehen davon hatte ich noch eine sehr schöne Restzeit im Schwöblinger Land. Die Geburtstagsfeier meines Gutsverwalters Volkmar Kühlwetter verlief überraschend ausgelassen. Wichtigster Programmpunkt: eine Schlammschlacht. Das meine ich wörtlich.

Frau Kühlwetter hatte bei einer „künstlerisch tätigen Person“ (Zitat Website) namens „He-Woman“ eine selbige gebucht. He-Woman hat sich nach einer erfolgreichen Karriere inmitten des Glam Blam der internationalen Kunstwelt vor einigen Jahren in einem ehemaligen Braunkohletagebau im Raum Buchsberg zur Ruhepause gesetzt.

Dort entdeckte He-Woman ihr, sein oder wes auch immer soziales Gewissen und bietet nun in einer gefluteten Sandkuhle kostenfreie Schlammschlachten für Menschen aller Einkommensgruppen an. Es war eine Freude zu sehen, wie die überwiegend älteren, in vorsorglich mitgebrachte Badeanzüge gekleideten Geburtstagsgäste zunächst verschämt, dann zunehmend spielerischer und schließlich in ungezügelter Heiterkeit sich im Schlamm wälzten und suhlten, sich gegenseitig mittels bereitstehender Eimer mit Schlammsalven bestrichen und am Ende mit einer dicken, schnell in der Sommerhitze verkrustenden Schlammschicht bedeckt, dem Jubilar und seiner Gattin strahlend und vollkommen außer Atem zuprosteten. Ein unvergesslicher Nachmittag.

Nun bin ich also wieder in der Bundeshauptstadt und widme mich erneut den mehr oder weniger fordernden Tagesgeschäften eines nicht mehr ganz jungen Trustafarian. Ich gieße meine Terrassenpflanzen, reinige höchstpersönlich den Rooftop Pool (Poolgirl ist im Urlaub) und erfrische mich zwischendurch mit einem Glas Melonenbowle meiner treuen spanischen Haushälterin Esmeralda.

Darüber hinaus denke ich darüber nach, ob ich auf einen Vorschlag meines Imageberaters Benedikt Weiß-Wurst eingehen soll. Der meint, ich sei der ideale Kandidat für das Amt des Bundesprätendendenten. Zum Lunch (Flußkrebsscherenragout an Hokkaidokürbisparfait mit Maulbeerjus und Algenremmidemmi) stellte er mir eine Kampagne vor, die er diesbezüglich bereits ausgearbeitet hat. Der Slogan: „Ilse Aigner verhindern: Steiner for Prätendent!“

Ich werde es mir überlegen. Im Augenblick erscheint es mir allerdings sinnvoller, zunächst den Tod zu besiegen. Alles Weitere findet sich dann.

Hinterlasse einen Kommentar