Die erste Nacht in der Sommerresidenz war kurz und unruhig, um nicht zu sagen turbulent. Dabei verlief der Abend überaus angenehm. Nach dem eher frugalen dîner (kalter Fasan mit frischem Gartensalat und aus der Hauptstadt mitgebrachten Sauerteigbrot à la Sicilienne) nahm ich mir zum Einschlafen wie üblich einen der in rotbraunem Schweinsleder gebundenen Bände von Disraelis gesammelten Werken aus dem Regal.
Ich entschied mich für Sybil, or The Two Nations. Ein alter Hut, zugegeben, aber ich habe nun mal eine Schwäche für Bücher, bei denen sich der Autor nicht für einen Titel entscheiden konnte, und dem Leser deshalb großzügig gleich zwei offeriert.
Die sozialkritischen Kapitel, in denen die miserable Lage der viktorianischen Arbeiter beschrieben wird, übersprang ich natürlich, konzentrierte mich stattdessen ganz auf die rührselige Love Story zwischen Charles und Sybil. Immerhin bin ich im Kurzurlaub.
Nebenbei bemerkt habe ich den charmanten Satiriker und windigen Opportunisten Disraeli seinem bierernsten und scheinheiligen Rivalen Gladstone stets vorgezogen. Er verstand es zu leben, zu lieben und vor allem zu unterhalten. Abgesehen davon war es nicht der moralinsaure Gladstone, sondern der angeblich so verkommene und prinzipienlose Disraeli, der die bis dahin radikalsten Sozial- und Wahlreformen seiner Zeit durchsetzte, während ausgerechnet der glühende Anti-Jingoist Gladstone 1882 Ägypten okkupierte.
Aber lassen wir die ollen Kamellen. Wie gesagt, die Nacht war turbulent. Nachdem ich das Licht gelöscht hatte und eben im Begriff war, mich in Morpheus‘ Arme zu werfen, weckten mich fauchende, kratzende und scharrende Geräusche, die aus dem Zimmer über mir zu kommen schienen.
Ich fuhr hoch, knipste die Nachtlampe wieder an, atmete tief durch und lauschte. Da war es wieder, womöglich noch lauter als zuvor. Ich zog die Schublade auf und entnahm ihr den Kasten mit den Duellpistolen meines Urgroßvaters. Doch noch bevor ich mich daran machte, sie zu laden, was keine einfache Prozedur ist, fiel mir ein, was es mit dem Lärm auf sich hatte: Es mussten Ruslan und Ludmila sein, die sich eine ihrer nächtlichen Balgereien lieferten.
Ruslan und Ludmila gehören dem Residenzhausmeister Wassili Skornjakow, einem gutmütigen und geschickten Russen. Wassili ist Afghanistanveteran und Pazifist und sein Nachname bedeutet so viel wie „Sohn des Kürschners“. Tatsächlich stammt Wassili aus einer alten Kürschnerdynastie und hält sich deshalb als Haustiere einen Zobel namens Ruslan und einen Hermelin namens Ludmila. Die beiden sind entschieden nachtaktiv. Tagsüber sieht und hört man sie nicht, aber nachts veranstalten sie mitunter tollkühne Hetzjagden durch das Haus, wobei sich Jäger und Gejagter immer mal wieder abwechseln.
Es mag merkwürdig anmuten, dass Wassili sie einfach hier zurückgelassen hat, aber das Duo ist es gewohnt, in Haus und Hof nach Mäusen, Siebenschläfern und anderem Kleingetier zu jagen und kann sich gut selbst versorgen. Was Wassili betrifft, so ist er ein wahrer Schatz, denn er hat zwei goldene Hände und vollbringt bei allen handwerklichen Tätigkeiten wahre Wunder. Auch verzichtet er im Gegensatz zu seinen dekadenten Kollegen auf Wochenenden und auch einen eigentlichen Urlaub braucht er nicht, abgesehen von einer einwöchigen Exkursion mit einigen Landsleuten, in deren Verlauf er mir sehr viel Wodka „die Dämonen der Traurigkeit“ austreibt, bevor er sich, vollkommen zerstört aber für ein weiteres Jahr gereinigt und trocken, wieder seinen Pflichten zuwendet.
Ich wusste, dass ich keine Chance hatte, Ruslan und Ludmila zu erwischen. Ich könnte ihnen die ganze Nacht nachstellen und würde sie wohl trotzdem nicht einmal zu Gesicht bekommen. Ich fügte mich also in mein Schicksal und nahm mir vor, mir morgen in der nächsten Apotheke Ohropax zu kaufen.
Einmal, ich weiß nicht warum, wachte ich auf, obwohl es nun im Haus ruhig war. Es war nach Mitternacht. Irgendetwas zog mich magisch nach draußen, wie einen Mondsüchtigen. Ich schlüpfte in die Pantoffeln und schlurfte halb wach, halb schlafend in den Hof. Über mir prangten die Sterne, der Mond war ebenfalls anwesend, und ich wusste sofort, was mich nach draußen gezogen hatte: Es war wirklich vollkommen still. Nicht einmal eine Grille hustete, geschweige denn von Vögeln, Wölfen oder sonstigem Getier. Und auch von der nicht allzu weit entfernten Straße war kein Ton zu vernehmen.

Da war sie also, diese vollkommene Stille, nach der ich mich mindestens einmal am Tag sehne, der ich gern wundersame Kräfte zuschreibe, von der ich glaube, dass mich ein ausgiebiges Bad darin auf einen Schlag von allen Übeln heilen würde.
Wie gesagt, da war sie nun, und ich muss gestehen: Sie überforderte mich. Machte mir Angst. Sie war zu vollkommen, um wirklich zu sein. Sie schien mir mit einem Mal wie ein finsterer Vorgeschmack auf das natürlich unvermeidliche, aber hoffentlich noch lange auf sich warten lassende Ende vom Lied. Ich zitterte leicht. Dann, ich jubelte innerlich, fuhr endlich ein Auto in der Ferne vorbei. Wenig später meinte ich sogar, das Geräusch eines in großer Höhe seines Weges ziehenden Flugzeugs zu vernehmen. Die Zivilisation, das Leben, der Wahnsinn hatten mich wieder. Ich war selten so erleichtert.
Der folgende Tag verlief erwartet unspektakulär. Die Temperaturen schraubten sich bis auf gut dreißig Grad hoch, ein forsches Lüftchen wirbelte das Blattwerk der Bäume durcheinander, und ich fuhr zur Blauen Lagune. Den Maserati ließ ich im Stall, denn der Weg zur inmitten einer tückischen Waldwildnis verborgenen Blauen Lagune erfordert ein geländegängiges Fahrzeug.
Ich borgte mir also von der Witwe des Ex-NVA-Majors seinen VW Kübel. Sie bot mir zunächst den T-34 an, aber so viel Aufsehen wollte ich denn doch nicht erregen. Auch der Kübel blieb nicht ganz unbeachtet, ein betagter Radfahrer, der einzige Mensch, dem ich auf meiner Fahrt durch den Wald begegnete, stieg ab, als er mich sah und salutierte stramm. Vielleicht hatte er den Major gekannt, möglicherweise hatte er selbst noch unter Rommel gedient. Die Leute werden hier sehr alt, was wohl am gesunden Klima und der deftigen Hausmannskost liegt.
Die Blaue Lagune ist ein verwunschener Ort, ein ehemaliger Steinbruch, in dem bis in die Kriegszeit hinein gearbeitet wurde. 1940 oder 1941 waren die Vorkommen des hier abgebauten Lavagesteins erschöpft und die Grube lief voll Wasser. Dieses ist aufgrund des felsigen Untergrunds und der Tiefe der Grube glasklar und ab etwa zwanzig Zentimetern Tiefe auch nach langen Hitzeperioden noch angenehm kühl.
Die Ufer sind so steil, dass man eigentlich nur an einer Stelle ins Wasser gelangt. Hier hat ein anonymer Wohltäter irgendwann einmal mehrere Tonnen Maledivensand aufgeschüttet, sodass man halbwegs bequem baden gehen und mit den fröhlich tummelnden Jungfischen um die Wette schwimmen kann.
Die Blaue Lagune ist natürlich bei den Eingeborenen bekannt, findet sich jedoch in keinem Wander- oder Radtourenportal, denn wer sie kennt, behält das Geheimnis für sich. Möge es noch lange so bleiben.
Ich planschte und daddelte also mehrere Stunden vor mich hin. Dann unternahm ich einen kurzen Ausflug in die nächste Kreisstadt, wofür ich allerdings dann wieder den Maserati nutzte. Am Ortseingang hing ein Wahlplakat der AfD, die hier außerordentlich erfolgreich ist. Darauf stand: „Mehr vom Leben. Nein zur Rente mit siebzig!“.
Als Rentier (französisch ausgesprochen, ich trage schließlich kein Geweih) musste ich dem natürlich voll zustimmen. Es wäre tatsächlich ein Skandal, wenn mir meine Renditen, Dividenden und sonstigen Apanagen nicht schon jetzt, sondern erst mit siebzig ausgezahlt würden. Das kann einem das süße Nichtstun schon gehörig versalzen.
„Mehr vom Leben“ war natürlich geklaut, aus der bekannten, langjährigen Werbekampagne der Hamburg-Mannheimer. Auch sonst glänzt die AfD ja vor allem durch ihre Flexibilität. Für jeden was dabei. Der Kreisverband Schwöblinger Land ist dabei der flexibelste von allen. Er betont bei jeder Gelegenheit ausdrücklich, dass der offizielle Parteiname fakultativ sei und das „Alternative“ gern durch andere Begriffe ersetzt werden könne.
So wird die AfD im Schwöblinger Land zu einer echten Partei der Vielfalt. Es gibt nicht nur eine, sondern mehrere AfDs, wobei das „A“ wahlweise für Angler, Aquarianer, Aalräucherer, Apachen und sonstige Anhänger steht. Für Deutschland sind sie jedenfalls alle. Nur die Autonomen, Asiaten und Angolaner für Deutschland konnten sich bisher noch nicht abschließend konstituieren.
Mein Maserati, mein Dreitagebart und mein Berliner Nummernschild wiesen mich in der Kleinstadt Schwöblingen natürlich sofort als Fremden mit fragwürdiger politischer Affiliierung aus. Dementsprechend frostig war der Umgang der Einheimischen mit meiner Person. Ich kam mir ein wenig wie der Detektiv Virgil Tibbs im Filmklassiker In the Heat of the Night vor. Trotzdem konnte ich Ohropax in ausreichender Menge erstehen und auch alle anderen kleinen Besorgungen besorgen.
Zum Ausklang des Tages unternahm ich noch einen Spaziergang durch das Dorf. Wie gewöhnlich war ich der einzige Fußgänger. Ich genoss das milde Abendlicht, die erfrischende Kühle, passierte den verwaisten Stall, in dem ein geschäftstüchtiger Einheimischer einst seine beiden Arbeitselefanten Mumbo und Jumbo gehalten hatte, die er über mehrere Jahre hinweg für allerlei Arbeiten vermietete, bis sie an einer mysteriösen Krankheit zugrunde gingen.

Auch dem Ortsverband des Deutschen Ritterordens stattete ich einen Besuch ab. Leider war Freiherr Keck von Guterdingen, Dorfmeister und bisher einziges Mitglied, nicht anwesend. Überhaupt machte die Dependance des Ordens insgesamt einen etwas heruntergekommenen Eindruck. Bei meinem letzten Besuch hatte ich mit dem Freiherrn noch angeregt bei einer Flasche Altbier und Danziger Sprotten über das Hochmittelalter geplaudert, wobei ich meine Ehrenmitgliedschaft bei den Templern allerdings wohlweislich verschwieg und auch den Deutschen Orden unerwähnt ließ, um keinen der berüchtigten Wutausbrüche meines Gastgebers zu provozieren, der auf die aus seiner Sicht unlautere Konkurrenz keineswegs gut zu sprechen ist.

So endet der erste volle Tag in der Sommerresidenz. Wenig denkwürdig, aber dafür durchaus angenehm. Für morgen habe ich bereits den Tropenhelm herausgelegt, denn es soll sehr heiß werden.
In diesem Sinne: In Tino veritas – oder eben auch nicht.


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