Da sind diese Stimmen, die auf mich einprasseln. Die Tonlage ist verschieden, auch die Worte unterscheiden sich auf den ersten Hör. Doch am Ende sagen sie alle nur dasselbe: ICH.
Mein Ex-Chef C.D. denkt wie immer laut. Er braucht andere als Resonanzraum, um den Gedankensalat zu ordnen, Ballast abzuwerfen, sich über dies und jenes klarer zu werden. Nach zehn Jahren treuer Waffengefolgschaft stelle ich erneut fest: An mein Ohr lasse ich Wasser, manchmal auch ein wenig Seife, aber eher ungern C.D. (es sei denn, es lässt sich absolut nicht vermeiden).
Mein Ex-Kollege M., den ich gut zwei Jahre nicht gesehen habe, plaudert frei heraus aus dem Nähkästchen. Er ist seit fünf Wochen stolzer Welpenpapa. Die Katze starb, die Frau blies Trübsal, also ein Hund. Faszinierend, diese so schwer zu unterdrückende Fürsorgeneigung des ehemals schöneren Geschlechts. Das Tier ist jedenfalls süß und quirlig, natürlich mit Pudelanteil, wegen der Hundehaarproblematik. Aber auch teuer. Über tausend Glocken.
Und sonst? Im Februar hat M. geheiratet, seit kurzem ist er auch angeheirateter Doppelopa. Zwillinge, ein Junge, ein Mädchen. Darf man das noch so sagen, oder sollte man nicht erst warten, bis sie alt genug sind, sich selbst für das Geschlecht ihrer Wahl zu entscheiden?
M. liest gern T.C. Boyle. Und amüsiert sich jedes Mal über den unaussprechlichen Namen, der sich hinter dem C. verbirgt. Kürzlich hat er (also M., nicht Boyle) beim WM-Tippspiel einen Thalia-Gutschein à 25 Euro gewonnen. Reicht das für den neuen Boyle?
Mein anderer Ex-Kollege und Freund S. sagt hallo, arbeitet dann einfach weiter. So mag ich’s. Einfach mal die Fresse halten.
Weitere Ex-Kollegen berichten von ihren Sorgen und Nöten. Wobei ich zugeben muss: Ich habe gefragt.
Wie gesagt, ICH, ICH, ICH.
Wie heißt es in Patrick Radden Keefes recht lesbarem Buch „London Falling“ so schön:
It is easy to charm a person who talks too much: all you have to do is listen.
Der zweite Termin des Tages, bei einem Dienstleister, entpuppt sich ebenfalls als ICH-Termin. Wobei hinter dem ICH ein Fragezeichen steht. Ob bei meinem Noch-Arbeitgeber ggf. Bedarf bestünde, eine bestimmte Dienstleistung in Anspruch zu nehmen? Dabei hatte ich erwartet, dass sie mir einen schönen Job anbieten. Ich wohne wohl noch immer im Wolkenkuckucksheim.
Aber wo bleibe ICH? Wer interessiert sich für meine Sorgen, Nöte und vor allem Ängste? Natürlich niemand. Was dann auch wieder verständlich ist. Denn wenn ich einmal damit anfinge, könnte ich jeden Gesprächspartner zur Verzweiflung bringen. Ihnen schnell begreiflich machen, dass jeder Schritt durch den Tag mit tausenderlei Risiken verbunden, alles eitel und ein jeder, auch im fortgeschrittenen Alter, noch immer der Knecht seiner Illusionen ist. Insofern: fair enough.
Die Einzige, die sich derzeit sehr eingehend mit meiner Person beschäftigt, ist meine gute alte Feindin Madame Migraine. Seit mehreren Tagen widmet sie mir nach langer Durststrecke wieder einmal sehr viel Aufmerksamkeit. Aber darauf könnte ich gut und gern verzichten. Immerhin geht es meiner Friseurin L. genauso, was natürlich an dem sehr durchwachsenen Wetter liegt.
Inmitten der Kakophonie der ICH-Stimmen frage ich mich natürlich oft, ob es vielleicht an mir liegt. Bin ich zu passiv? Sollte ich anderen mehr von mir und meinem Leben aufdrängen, ob sie es hören wollen oder nicht? Wollen sie es womöglich doch hören, und meine Annahme, dass es sie sicherlich nicht interessiert, ist grundfalsch? Finde ich das richtige Maß für zwischenmenschliche Kommunikation einfach nicht? War das nicht schon immer mein Problem? Warum erscheint mir das alltägliche Gewäsch so unerträglich langweilig und banal? Und: Bin ich vielleicht in dieser Hinsicht wie Adolf H., dessen Hunger nach der Liebe der Massen laut einer gestrigen Diktatorendoku über ihn und Herrn Dschugaschwili aus einer grundlegenden Beziehungsunfähigkeit entsprang? Hungere ich ebenfalls nach der Liebe der Massen, weil ich zum Einzelnen keine echte Beziehung aufbauen kann? Aus dem Stehgreif würde ich sagen nein, aber man kann natürlich nie wissen.
Apropos Diktatoren – hier bietet sich die Genderei (noch) nicht an – : Woher kommt die schier grenzenlose Faszination der Medien für selbige?
Die Frage ist leicht zu beantworten: Die bürgerliche Demokratie aka der zunehmend ungebremste Kapitalismus braucht die Diktatoren als Negativfolie, als jene unverblümte Barbarei, von der sie sich abgrenzt, um so von den eigenen Unzulänglichkeiten, den eigenen Exzessen und der eigenen Inhumanität abzulenken. Und das funktioniert natürlich gut. Denn die Diktatur des Geldes schickt niemanden ins KZ oder in den Gulag, veranstaltet keine Schauprozesse, vernichtet kein unwertes Leben, unterhält keine Zensurbehörden und schickt keine Panzer gegen friedliche Demonstranten.
Sie ist subtiler und schlauer, arbeitet mit Verführung durch Konsum, mit autosuggestiven Schuldzuweisungen, setzt individualisierten und kommerzialisierten Körperkult an die Stelle der von oben organisierten Stählung eines ominösen Volkskörpers, ersetzt staatlich gesteuerte Uniformität durch die privatwirtschaftlich organisierte Selbstoptimierung im Zeichen des Konkurrenzkampfes und der Konsumentensegmentierung, greift nur dann in die „Freiheit“ des Einzelnen ein, wenn er ideologisch zu sehr aus der Reihe tanzt oder sich einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung verweigert.
Aber ganz oben steht das Zuckerbrot, von dem – so die Fiktion – jeder naschen darf und soll, der nach den richtigen Regeln spielt. Doch das Zuckerbrot wird nicht nur immer teurer, es ist auch alles andere als sicher, dass es in Zukunft überhaupt noch in ausreichender Menge zur Verfügung stehen wird.
Denn wenn man den Unkenrufern glauben mag, ist die Menschheit (bzw. jener Teil der Menschheit, den Liberale als „Leistungsträger“ und Marxisten als „Kapitalisten“ bezeichnen) im Begriff sich bzw. ihre „Beschäftigten“ abzuschaffen. Selbst in Grünheide, wo Elon M. Autos montieren lässt, kündigt sich das offenbar an. Dort sollen nämlich Mitarbeiter mit Sensoren ausgerüstet werden, um mit den daraus gewonnenen Daten die firmeneigenen humanoiden Roboter mit dem schönen Namen „Optimus“ zu trainieren.
Der Firmenchef findet das natürlich sehr gut. Er spricht von einem goldenen Zeitalter, in dem Roboter alle lästigen Fleiß- und Fließbandarbeiten erledigen werden und die ehemaligen Arbeiter sich zurücklehnen und ihren Interessen nachgehen können. Das für einen Bastler, Tüftler und sagen wir mal etwas speziellen Zeitgenossen wie Musk allerdings nur schwer nachzuvollziehende: Sehr viele Menschen haben gar keine Interessen. Sie würden sich zu Tode langweilen, wenn sie nicht einen Ort hätten, analog oder digital, an dem sie jeden Tag „gebraucht“ werden. Man kann nun mal nicht den ganzen Tag mit dem Fifi spazieren gehen. Das ist gar nicht mal so sehr eine Sache des Geldes.
Das Geld für den Lebensunterhalt und die Teilhabe am Konsum (denn ohne den geht es ja nun mal nicht, ein Problem, das im Rationalisierungswahn unserer Zeit überhaupt zu wenig Beachtung findet) soll laut Musk übrigens durch ein – natürlich staatliches – Grundeinkommen unter die Leute gebracht werden. Interessant, dass der Staatsfinanzwächter vom Dienst ausgerechnet dort den Staat in der Pflicht sieht.
Aber kommen wir zurück zu den Diktatoren. Die gestrige Doku, natürlich auf ARTE, brachte die zumindest für mich neue Information, dass Hitler die Stadt Moskau nicht nur zerstören, sondern mittels eines gigantischen Staudamms sogar komplett von der Bildfläche verschwinden lassen wollte. Damit ist die am Ende der Sendung aufgeworfenen Frage nach der geistigen Verfassung des Führers („War Hitler verrückt?“) natürlich klar beantwortet – zumindest, wenn man die Maßstäbe des 20. Jahrhunderts zugrunde legt.
Man muss schon sehr weit zurückgehen, vielleicht bis zur Zerstörung Karthagos durch die Römer, um solcherart Gebaren durch auch nur halbwegs akzeptierte Sitten und Bräuche gedeckt zu sehen. Wobei selbst der Exekutor der totalen Vernichtung der punischen Erzrivalin, Scipio Aemilianus, den Auftrag nur unter Vorbehalt ausführte. Schon damals wusch man als pflichtbewusster Leistungsträger seine Hände auch gern mal in Unschuld.
Überhaupt, die alten Römer. Auch in Sachen Tierschutz waren sie unserer Zeit weit hinterher. So ließ Trajan anlässlich seines Sieges gegen die Daker angeblich 10.000 wilde Tiere in der Arena abschlachten. Da sind wir heute schon ein bisschen weiter. Wir rücken der Biodiversität weitaus subtiler und schleichender mittels „Wachstum“ zu Leibe.
Wo war ich? Und wenn ja, wieso? Ach so, Hände in Unschuld waschen. Auch damit kann man sich seinen Platz in der Geschichte sichern. Pontius P. ist ein schönes Beispiel. Er hat es damit sogar in das Credo des Rosenkranzes geschafft, das ich nun im Rahmen einer seit mehreren Monaten praktizierten Andachtsübung endlich auswendig weiß. Auch das Pater Noster kann ich bereits. Nur mit der Jungfrau Maria bin ich noch nicht allzu weit gekommen. Und das „Credo in sanctam ecclesiam catholicam“ geht mir noch immer recht schwer über die Lippen. Denn die Gesichter der Würdenträger der heiligen Mutter Kirche sprechen irgendwie Bände. Sie scheinen sich seit dem Mittelalter (Beitragsbild: ein Exemplar in der Kathedrale von Winchester) vom Grundtypus her kaum verändert zu haben. Auch hier dreht sich die Geschichte offenbar im Kreis.
PS: Trajan war bekanntlich kein Diktator. Sondern ein Imperator. Der sich in großer Bescheidenheit von seinen Fans „optimus princeps“ nennen ließ. Ob Elon M. wohl Plinius den Jüngeren gelesen hat?


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