Die Wand

Kurze Atempause. Nachdenken. Den Efeublättern im Hinterhof dabei zusehen, wie sie vom Wind zerzaust werden. Tee und Kaffee trinken. Hin und wieder eine Zigarette rauchen, die nach jüngsten Studien das Leben um weitere 20 Minuten verkürzt. Presse schauen. Ein Wald in Uganda, in dem sich unzählige Viren tummeln und darauf warten, die nächste Pandemie auszulösen. Eine Ölkrise, die eventuell schlimmer oder weniger schlimm ist als die im Jahr 1973. Pakistanis, die ihre früheren Verbündeten, die Taliban, bombardieren. Das alles und noch viel mehr würd ich ignorieren, wenn ich König von Me-Land wär.

Buchlektüre: Travels with my Aunt (1969) von Graham Greene. Henry Pulling, ein biederer, frühzeitig pensionierter Bankangestellter trifft auf der Beerdigung seiner Mutter seine Tante Augusta (merkwürdige Namensähnlichkeit zu P.G. Wodehouses Aunt Agatha), die er seit 50 Jahren nicht gesehen hat. Sie ist exzentrisch, leidenschaftlich, sinnlich, unvernünftig, abenteuerlustig, subversiv und nonkonformistisch. Also das genaue Gegenteil von Henry.

Ich vermute, dass Greene, der nicht nur Schriftsteller, sondern immer wieder auch Agent und reisender Reporter war, mit den so gegensätzlichen Charakteren eigene, widersprüchliche und miteinander im Konflikt stehende Facetten seiner Persönlichkeit literarisch verarbeitete, so wie Tolstoi es mit Pierre Besuchow und Andrej Bolkonski tat.

Tatsächlich ist Henry beständig hin- und hergerissen zwischen der Sehnsucht nach einem ehrbaren und bequemen, aber langweiligen Leben in einer Kleinstadt und der Anziehungskraft der aufregenden, aber auch unberechenbaren Welt seiner Tante, die er auf mehreren turbulenten Reisen aus nächster Nähe erlebt.

Es ist die alte Geschichte: Sicherheit und Abenteuer sind nicht miteinander in Einklang zu bringen. Doch die meisten streben nach Ersterem, nur eine kleine Minderheit fürchtet die Langeweile offenbar mehr als den Tod. Zum Beispiel Kriegsberichterstatter. Auch Greene betätigte sich immer wieder als solcher, berichtete aus Vietnam, Liberia, Sierra Leone, Mexiko, Haiti und dem Kongo.

Es gibt eine Stelle im Buch, in der Henry im damals noch von Alfredo Stroessner regierten Paraguay der Tante von seiner Sehnsucht nach einem ruhigen Leben in England erzählt, am liebsten mit einer Ehefrau. Die einzige vage Heiratskandidatin ist eine Miss Keene, die früher in seiner Nachbarschaft wohnte, gern klöppelt und bisweilen englisch zurückhaltend andeutete, dass sie einer Liaison nicht abgeneigt wäre, nach ausbleibender Reaktion seinerseits jedoch kurzerhand ins südafrikanische Koffiefontein umsiedelte, von wo sie ihm noch immer gelegentlich schreibt.

Tante Augustas Reaktion:

‚In a year,‘ my aunt said, ‚what would you two have to talk about? She would sit over her tatting – I didn’t realize that anyone still tatted – and you would read gardening catalogues, and then when the silence was almost unbearable she would begin to tell you a story of Koffiefontein which you had heard a dozen times before. Do you know what you’ll think about when you can’t sleep in your double bed? Not of women. You don’t care enough about them, or you wouldn’t even consider marrying Miss Keene. You will think how every day you are getting a little closer to death. It will stand there as close as the bedroom wall. And you’ll become more and more afraid of the wall because nothing can prevent you coming nearer and nearer to it every night while you try to sleep and Miss Keene reads.‘

Sie schildert das Gegenmodell, ein Leben mit ihr und ihrem Geliebten, einem zwielichtigen italienischen Aristokraten und gesuchten Kriegsverbrecher namens Visconti, in Paraguay:

‚Tomorrow you may be shot in the street by a policeman because you haven’t understood Guaraní, or a man may knife you in a cantina because you can’t speak Spanish and he thinks you are acting in a superior way. … My dear Henry, if you live with us, you won’t be edging day by day across to any last wall. The wall will find you of its own accord without your help, and every day you live will seem to you a kind of victory. „I was too sharp for it that time,“ you will say, when night comes, and afterwards you’ll sleep well.‘

Klingt verlockend, aber wenn ich es recht bedenke, ist Langeweile manchmal gar nicht so übel.

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