Zu heiß für Heldentaten

Wie sang Ella Fitzgerald einst so schön: „It’s too darn hot.“ Was man heute laut sagen konnte. Der Sommer gab noch einmal richtig Gas und trieb das Quecksilber auf fast 40 Grad empor.

Ich ließ den lieben Gott einen guten Mann sein und wälzte mich bis fast zwölf in den Federn. Von Ruslan und Ludmila hörte ich die ganze Nacht nichts, das Ohropax machte sich bezahlt. Ich bin ein entschiedener Anhänger der Wachspfropfen, Silikon kommt mir nicht ins Ohr. Da halte ich es mit Weiland Odysseus, der ja derzeit einmal mehr mit einem offenbar grandiosen Filmepos ein neues Publikum auf sich aufmerksam zu machen geruht.

Als ich mich dann schließlich entpfropfte, hörte ich als Erstes das entrüstete Muhen der Rindviecher von Bauer Schulthauf auf der nahegelegenen Weide, was einmal mehr belegt, dass nicht nur wir Menschen uns gern über Dinge aufregen, die wir nicht ändern können.

Zum Frühstück genehmigte ich mir ein Dutzend Wachteleier mit Schnittlauch, dazu den Rest des sizilianischen Sauerteigbrotes. Die Tagespresse griff die neue Hitzewelle dankbar auf.

Ein Experte erklärte, dass bestimmte akustische und visuelle Reize das Wärmeempfinden beeinflussen können. So könnte zum Beispiel das Geräusch fließenden kalten Wassers oder ein Bildschirmschoner mit Eisberg für Abkühlung sorgen. Ich probierte es gleich aus und ließ einen Alpenbergbach aus den Lautsprechern plätschern. Der einzige Effekt war allerdings, dass ich plötzlich dringend auf die Toilette musste.

Außerdem las ich ein Interview mit der österreichischen Verteidigungsministerin. Auch das neutrale Österreich möchte dem allgemeinen Trend folgen und schleunigst aufrüsten. Schließlich steht der Russe ja praktisch schon auf der Fußmatte.

Aber so einfach ist das natürlich nicht. So würden die 15 Eurofighter der Alpenrepublik spätestens 2035 ausgemustert und Ersatz sei nicht in Sicht. Ich fand die bemerkenswerte Begabung der Österreicher, sich militärisch möglichst nicht hervorzutun – den letzten eigenständigen Sieg errangen sie meines Wissens vor 160 Jahren in der Seeschlacht von Lissa – schon immer eine ihrer liebenswertesten Eigenschaften.

Abgesehen davon hat die Presse angesichts der jüngsten Kabinettsumschichtungen in Deutschland das Wort „Rochade“ für sich entdeckt und nutzt es derzeit inflationär. Vor lauter Personalrochaden wurde mir irgendwann ganz schwindlig, also brach ich die Presseschau ab und entschloss mich, auch heute zur Blauen Lagune zu fahren.

Dort war es leider nicht so still und friedlich wie gestern. Die Mitte des ohnehin nicht sehr großen Gewässers war abgesperrt. Kampftaucher der Bundeswehrmacht gluckerten in der Tiefe umher und verschreckten die Fische.

Man erzählt sich, dass kurz nach dem Krieg, der leider auch das Schwöblinger Land im April 1945 heimsuchte, Waffen der Wehrmacht und des Volkssturms von den Sowjets in den gefluteten Steinbrüchen der Umgebung versenkt wurden. Nun wollte man offenbar sehen, ob hier nicht vielleicht etwas für die Wiederaufrüstung zu holen sei.

Das erzählten mir die Friedtjoffs, ein reizendes älteres Ehepaar, das sich vor über sechzig Jahren an der Blauen Lagune kennen- und liebenlernte und das ich in den letzten Jahren immer mal wieder dort getroffen habe.

Etwa eine halbe Stunde nach meiner Ankunft zogen die Taucher unverrichteter Dinge wieder ab. Herr Friedtjoff fragte einen der Froschmänner, ob sie denn etwas gefunden hätten. „Das darf ich Ihnen leider nicht sagen.“ „Dann haben Sie also etwas gefunden?“ Der Taucher zwinkerte vielsagend. „Und wie tief ist es denn nun eigentlich?“ hakte Herr Friedtjoff nach. „Tja,“ meinte der Taucher verschmitzt, „Sie wissen ja, die stillen Wasser …“

Die Spekulationen über die Tiefe der Blauen Lagune gehen also weiter. Einige sprechen von 20, andere von 40, manche sogar von 60 Metern. Ich sage kurz entschlossen klotzen, nicht kleckern und biete 80 Meter.

Nachdem ich meine Runden im See gezogen hatte, plauderten wir noch ein bisschen. Wir sprachen über das Alter, seine vielfältigen gesundheitlichen Risiken und Nebenwirkungen und natürlich das Leben im Allgemeinen. Über die Liebe sprachen wir nicht. Das war auch nicht nötig. Dass sich die Friedtjoffs auch im hohen Alter noch von Herzen zugetan sind, merke ich ihnen bei jeder Begegnung an. Mögen sie wie Philemon und Baucis von der nächsten Sintflut verschont bleiben.

Nach einer ausgiebigen Siesta wässerte ich die Blumen im Park, hin und wieder betätige ich mich ganz gern mal körperlich, spielte eine Runde Minigolf (mein Handicap ist auch nicht mehr das, was es mal war), und beantwortete die E-Mail der Lebensabschnittsbevollmächtigten eines guten alten Freundes. Sie bat mich, zu seinem Geburtstag im September etwas zu singen. Natürlich hat sie mich noch nie singen hören. In einem Anfall von Schabernackerei sagte ich zu.

Abends, als die Temperaturen sich langsam wieder einkriegten, unternahm ich abermals einen Spaziergang. Diesmal ging es in die andere Richtung, gen Pfannensee. Der entstand, als man in den Sechzigern beschloss, den hiesigen Dorfbach aufzustauen und so eine weitläufige Niederung zu einem Süßwasserreservoir umzufunktionieren. Warum weiß hier niemand so recht, die Entscheidungen der Planwirtschaft waren seit jeher vom Hauch des Mysteriums umweht.

Jedenfalls entstand ein ganz ansehnlicher See, der nicht nur Felder, Wiesen und zuvor abgeholzte Wälder, sondern auch zwei Dörfer unter seinen Fluten begrub. Die Bewohner siedelte man kurzerhand um, so etwas kam damals wohl gar nicht so selten vor. Vor einigen Jahren stand das Wasser im See so niedrig, dass man hätte meinen mögen, nun müssten zumindest die Kirchtürme der Dörfer aus dem Wasser ragen, aber es war nichts zu sehen. Möglicherweise hatte man die Gebäude vor der Flutung planiert.

In der DDR baute man den See zu einem Naherholungsgebiet für Werktätige und ihre Familien aus. Auch ein Kinderferienlager entstand, das allerdings heute in einem traurigen Zustand ist. Soweit ich bei meinem Rundgang erkennen konnte, werden die ehemaligen Ferienlagerbehausungen derzeit als Zwischen- oder Endlager für Sondermüll genutzt.

Die Feriensiedlung erfreut sich allerdings heute wieder recht großer Beliebtheit, nicht nur bei Einheimischen, sondern auch bei unseren polnischen Nachbarn. Jedenfalls hörte ich hier erheblich mehr polnisch als auf dem Polenmarkt in Bad Theolingen. Auch einige Slowaken und Tschechen waren anwesend und lieferten sich ein freundschaftliches, aber erbittertes Strandvolleyballduell.

Das Besondere: Einmal im Jahr werden hier sogenannte „Indianerfestspiele“ veranstaltet, bei denen sich Mitglieder aller sächsischen Stämme zum großen Tamtam und Pow-wow versammeln, um Lagerfeuer tanzen, Büffelbratwürste am Spieß grillen und das traurige Schicksal des roten Mannes und seiner Frau sowie seiner Kinder beklagen.

Manche würden das wohl als „kulturelle Aneignung“ bezeichnen, und auch das Wort „Indianer“ ist ja heute in die Kritik gekommen. Aber mit den wirklichen amerikanischen Ureinwohnern hat diese Freizeitbeschäftigung ohnehin rein gar nichts zu tun. Sondern eher mit der Fabulierkunst des sächsischen Märchenerzählers Karl Marx, der im neunzehnten Jahrhundert einem fiktiven Apatschenhäuptling namens Winnetou das ein oder andere literarische Denkmal setzte und den Indianerkult so in seine Heimat brachte. Auch das berühmte Wort „Indianer aller Stämme, vereinigt euch!“ stammt von ihm.

Auf dem Rückweg stellte ich fest, dass der in den letzten Tagen so rege Wind heute tatsächlich durch vollkommene Abwesenheit glänzte. Nicht die leiseste Brise machte sich bemerkbar. Die Blätter der Bäume waren ganz reglos, nicht einmal das Birkenlaub, das ja sonst eigentlich immer etwas zu zittern hat, brachte Bewegung ins Bild. Da musste ich an den alten Goethe denken. Wie war das noch gleich?

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Man kann ja über Johann Wolfgang denken, was man will. Aber manchmal traf er auch den Nagel auf den Kopf.

Doch halt, ausgerechnet jetzt, wo ich dies schreibe, es ist fast zwölf, kommt draußen Wind auf. Er kann es eben einfach nicht lassen.

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