Peter Miese und Wjatscheslaw M. Steiner verschlägt es diesmal in die unendlichen Sumpfwälder des Karbon. Da bleibt garantiert kein Gummistiefel trocken. Und Peter kann mit geballter paläobotanischer und -zoologischer Kompetenz punkten.
Am Sonntagmorgen rief mich mein Freund Peter Miese an. Er klang nicht gut. Selbst für seine Verhältnisse. Er hatte mein Blog gelesen und natürlich mäkelte er. Meine Texte seien zu lang und zu lapidar. Ich müsste härter an ihnen arbeiten.
Ich gab ihm Recht. Aber ich bin nun mal faul und oberflächlich. Im Gegensatz zu ihm. Das sagte ich ihm auch. Aber es freute ihn nicht. Er schnaufte verächtlich. „Ich habe gestern mein Manuskript verbrannt. Im Garten. Ein gutes Gefühl.“
„Das Manuskript mit dem Arbeitstitel ‚Magnus Opum‘, an dem du seit gut einem Jahr arbeitest?“
„Genau.“
Es stand wirklich ernst um ihn. Ich wusste, dass es keine Kopien oder Dateien des Manuskripts gab, denn Peter schreibt von Hand. Fängt immer wieder neu an. Wirft nach der Überarbeitung die vorherige Version weg. Erst ganz zum Schluss, nach sechs oder sieben Korrekturrunden, tippt er das Manuskript auf seiner vorsintflutlichen Olympia ab und entlässt es in die Welt. Als limitierten Privatdruck in der Edition „Emporion“. Exklusiv für Kenner und solche, die sich dafür halten.
Ich wusste: Das verbrannte Manuskript war getippt, also druckreif gewesen. Wie gesagt, es stand ernst um ihn. Und ich wusste auch, dass seine Lebensabschnittsbevollmächtigte Leticia erst in einigen Tagen aus Rom zurückkehrt.
Ich musste ihn auf andere Gedanken bringen. Also lud ich ihn auf einen Sonntagsspaziergang ein. Im Berliner Tiergarten. Natürlich wollte er nicht. Aber ich insistierte.
„Bring deine Gummistiefel mit.“
„Meine Gummistiefel? Wieso?“
„Du wirst schon sehen.“
Wir trafen uns gegen Mittag in der Nähe der Luiseninsel. Es war ein goldener Tag, ein Tag langer, wie mit der Schere ausgeschnittener Schatten, klarer, balsamisch duftender Luft und hektisch schwirrender Insekten, die spürten, dass sie im Herbst ihres kurzen Lebens angelangt waren, und deshalb noch einmal Vollgas gaben.
Peter war womöglich noch mieser drauf als am Telefon. Er musterte die anderen Parkbesucher feindselig, vor allem die Jogger, Radfahrer und Scooter-Kids, die, das muss ich zugeben, eine gepflegte Promenade mit guten Gesprächen tatsächlich oft erschweren, wenn nicht verunmöglichen.
Er kam sich in seinen Gummistiefeln reichlich lächerlich vor. Das konnte ich ihm nicht verdenken. Aber ich versicherte ihm, dass wir sie brauchen würden.
Ich führte ihn zu einem der zahlreichen kleinen Teiche, vergewisserte mich, dass uns niemand beobachtete und bat ihn dann, mir ins Ufergestrüpp zu folgen.
„Bist du noch bei Trost? Was willst du da drin?“
„Du wirst schon sehen“, sagte ich zum zweiten Mal an diesem Tag. Wir schlugen uns in die Büsche, bückten uns und liefen durch einen schmalen, kaum brusthohen und nicht sehr langen Vegetationstunnel, der geradewegs zum Teichufer führte. Kurz vor der Tunnelmündung verschwamm die Luft vor unseren Augen, wie an einem besonders heißen Sommertag. Peter stutzte und rieb sich die Augen. Aber ich nahm ihn bei der Hand und führte ihn durch die Flimmerluftschleuse hindurch ans Ende des Tunnels.
Dort stellte Peter überrascht fest, dass wir nicht am Rand des Tiergartenteichs standen. Die Uferbefestigung aus senkrecht in den Boden gerammten Holzlatten fehlte. Stattdessen fiel der plötzlich sehr schlammige und mit merkwürdigen Vegetationsresten bedeckte schwarze Untergrund sanft in eine Wasserfläche ab, deren Ausmaße sich nicht genau einschätzen ließen.
Das Wasser war spiegelglatt und glänzte wie die Tiergartenteiche schwarzgrün im Dämmerlicht unter einem dichten Blätterdach. Doch statt der vertrauten Buchen, Eichen und Platanen wuchsen am Ufer und auch inmitten dieser großen Wasserfläche merkwürdige, exotisch anmutende Gewächse.
Dicke, kerzengerade Stämme, die statt einer Rinde ein regelmäßiges Schuppenmuster, ähnlich der Haut eines Riesenreptils, trugen, mündeten weit oben, in 20 bis 30 Metern Höhe, in Astgabelungen, aus denen, ohne die sonst übliche waagerechte Verzweigung fremdartige, längliche Blätter herauswuchsen. An ihren Enden baumelten lange, spindelförmige Zapfen, wie bei Nadelbäumen, jedoch von viel größeren Dimensionen.
Es gab auch andere Schuppenbäume, die sich an der Spitze in nur zwei mächtige, senkrecht nach oben ragende Hauptäste gabelten, aus denen ebenfalls lange, schmale Blätter oder Nadeln wuchsen. Etwas unterhalb der Laubkrone hingen Riesenzapfen direkt am Stamm.
Neben uns am Ufer standen kürzere Bäume, die aus der Ferne an sehr luftig begrünte Tannen erinnerten, deren Stämme jedoch bei näherer Betrachtung den Rutenbündeln der altrömischen Liktoren ähnelten. Ähnliche Stengel hatten die weit verzweigten, lianenartigen Ranken, die sich teils an die Stämme schmiegten, teils den Boden bedeckten und deren Blätter Assoziationen an Ginkobäume weckten. Zudem wuchsen um die kleine Lichtung, auf der wir standen, riesige Farne und Farnbäume mit dattelpalmenartigen Stämmen.
Nicht nur die Vegetation, auch die Luft war eine vollkommen andere. Warm und feucht, gesättigt mit dem Geruch nasser Erde und pflanzlicher Fäulnis, atmete sie sich trotzdem um ein Vielfaches leichter und freier als der Berliner Großstadtmief.
Die Geräuschkulisse hatte sich ebenfalls verändert. Die Vögel waren verstummt, ebenso die Autos, Flugzeuge, Schritte und Stimmen, die uns eben noch umgeben hatten. Nur das Summen der über dem Wasser kreisenden Insekten durchbrach die Stille.
Peter stand mit offenem Mund neben mir und bewegte sich nicht. Es hatte ihm die Sprache verschlagen. Ich tat so, als sei alles normal. „Komm, wir waten mal ein Stück hinein. Es ist ungefährlich. Bin schon einige Male hier durchgegangen. Es wird erst weiter hinten tiefer.“
Peter schüttelte sich, schaute mich mit weit aufgerissenen Augen an und presste endlich mühsam heraus. „Donnerwetter! Das gibt’s doch gar nicht.“
Ich grinste naseweis. „Beeindruckend, oder? Als ich das erste Mal hier stand, konnte ich’s auch nicht glauben. Das war vor gut zwanzig Jahren. Ich war mit Jimmy Gassi. Du erinnerst dich an Jimmy?“
Er nickte langsam und murmelte wie im Traum: „Die Nervtöle von Ulrike.“
„Genau. Ich hatte mich breitschlagen lassen, für ein paar Tage den Dogsitter zu spielen. Sie war auf irgendeiner Konferenz. Wale retten oder das Klima oder was weiß ich. Wir gingen spazieren und irgendwann wetzte er in die Botanik. Vielleicht hatte er ein Kaninchen gesehen oder eine Maus. Als er nicht zurückkam, bin ich hinterher. Den Hund fand ich nicht. Dafür den Tunnel, die Schleuse und – das hier.“
„Das hier“, wiederholte er stumpf.
„Genau. Seitdem komme ich so ein, zwei Mal im Jahr hierher. Wenn ich mal wirklich Ruhe brauche, weißt du. Ist toll, so was zu haben. Ich wate ein, zwei Stunden durch den Sumpf, atme tief durch, trinke die Stille, und danach bin ich ein ganz neuer Mensch. Komm, wir latschen mal ein bisschen.“
Ich lief in die Riesenpfütze hinein. Peter folgte mir. Er war noch immer zu keiner wirklichen Konversation fähig, murmelte nur zwischendurch Worte wie „Lepidodendron„, „Kalamiten„, „Sigillaria“ und „Sphenophyllum„. Irgendwann, als es unvermittelt hinter uns gluckste, schloss er schnell auf und zog an meinem Arm. „Was war das?“
„Wahrscheinlich ein Fisch. Keine Sorge, ich bin hier noch nie einem Monster begegnet. Obwohl mir einmal eine Meganeura über den Weg flatterte. Beeindruckend. Ich nehme an, dass die Riesenkaulquappen weiter hinten im tiefen Wasser wohnen.“
„Eogyrinus„, sagte Peter neunmalklug. Er kann halt nicht aus seiner Haut. „Und was ist mit anderen Tieren? Pulmonoscorpius? Megarachne? Hylonomus? Arthropleura?“
„Keine Ahnung. Gibt es sicherlich, aber ich habe noch keine gesehen. Ist ein bisschen wie im Kongo. Man denkt immer der Dschungel lebt, aber wenn man dann mal durchlatscht, zeigt sich kein Schwein.“
„Merkwürdig“, sagte Peter. Er klang fast ein wenig enttäuscht. Offenbar hatte ich seine Entdeckernatur geweckt. Doch im Gegensatz zu den meisten Entdeckern verspürte er offenbar keinen Drang, seine Entdeckungen zu dokumentieren. Er selbst besitzt kein Smartphone, fragte aber auch nicht, ob ich dies und jenes nicht fotografieren könnte. Dafür mag ich ihn. Abgesehen davon hätte ich ihn ohnehin enttäuschen müssen, denn ich hatte schon vor langer Zeit festgestellt, dass die Flimmerluftschleuse sämtliche elektrischen Geräte für die Dauer des Aufenthalts in jener urzeitlichen Welt außer Gefecht setzt.
Wir spazierten etwa eine Stunde durch den Karbonwald. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass wir dabei – abgesehen von den erwartbaren Aha- und Oho-Momenten einer Wanderung durch eine prähistorische Wildnis – keine Überraschungen erlebten.
Dem war jedoch leider nicht so. Denn als wir die seichtere Pfütze durchquert hatten und eine Landzunge erreichten, deren jenseitiges Ufer recht steil in einen großen und sichtbar tieferen See abfiel, fanden wir etwas, das wir nicht erwartet hatten:
In einem Umkreis von drei bis vier Metern waren Pflanzenreste und Äste entfernt und offenbar zum Unterhalt eines Feuers verwendet worden, dessen Reste noch klar erkennbar waren. Es musste kurzzeitig auch auf die umliegende Vegetation übergegriffen haben, denn einige Farne im Umkreis waren stark verkohlt.
„Idioten“, sagte Peter. „Hier ein Feuer anzuzünden. Sie hätten einen Riesenwaldbrand auslösen können. Bei dem Sauerstoffgehalt in der Luft.“
Ich sagte nichts und inspizierte kopfschüttelnd die Umgebung. Im Farndickicht in einiger Entfernung fand ich einen weiteren, noch schlagenderen Beweis für die Anwesenheit unserer lieben Artgenoss*innen: einen soliden grünen Plastiksack. Darin befanden sich etliche, von vorsintflutlichen, aber sehr lebendigen Würmern, Fliegen und Maden übersäte Brathähnchenskelette, die dazugehörigen Papierboxen, schwarze Einweghandschuhe und leere Softdrinkdosen.
Nun war es an mir, sprachlos zu sein und mit meinen Emotionen zu ringen. Dominierend waren dabei nicht Angst, Schrecken oder Panik, wie bei Weiland Crusoe, als er die Überreste des Kannibalenfestmahls auf seiner Insel entdeckte. Nein, ich war sauer, stinksauer. Bereit, jedem einzelnen der hier vor offenbar gar nicht so langer Zeit tafelnden Dreckschweine nach allen Regeln der Kunst die Fresse zu polieren. Das kommt bei mir selten vor. Aber diesmal war ich wirklich bis zum Anschlag geladen.
Peter legte mir ganz sanft den Arm um die Schulter. „Ich weiß.“
Tatsächlich. Zum ersten Mal in der nunmehr fast dreißigjährigen Zeit unserer Freundschaft konnte ich seine tiefe Misanthropie nachvollziehen, wirklich bis in die entlegensten Winkel meiner Seele fühlen. Er tat mir plötzlich furchtbar leid. Wie lebte man permanent mit so etwas? Was machte er tagtäglich durch?
Wir überlegten kurz, ob wir den Plastiksack mitnehmen sollten, entschieden uns dann jedoch dagegen. Seit Jurassic Park weiß man, dass es nichts bringt, prähistorische Lebewesen, und seien es auch nur Insekten, mit rezenten Arten in Kontakt zu bringen.
Wir wühlten ein möglichst tiefes Loch in den Uferschlamm, begruben den Sack ohne militärische Ehren und schütteten das Loch wieder zu.
Dann gingen wir schweigend zurück. Die Wildnis um uns herum hatte ihren Zauber verloren. Die Stille war nur mehr ein Warten auf Schritte, Stimmen und andere humanoide Geräusche. Die exotische Vegetation provozierte Mitleid, weil sie ahnungslos dem Kahlschlag entgegenzudämmern zu schien, und als wir ein heftiges Rascheln im Farndickicht vernahmen, schauten wir uns nicht angstvoll, sondern traurig an. Riesenskorpion oder nicht, das Tier hatte auf lange Sicht keine Chance gegen unseresgleichen.
Als wir dann gegen sieben Uhr abends aus der Zeitschleuse heraustraten, fühlten wir uns unendlich müde. „Kommst du noch mit zu mir?“ fragte ich. „Natürlich“, sagte Peter. „Ich kann dich doch in der Verfassung nicht allein lassen.“

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