Ernte 26

Mein Schädel fühlt sich an wie eine überreife Melone. Ich will gar nicht wissen, wie es drinnen aussieht. Aua.

Natürlich ist es meine eigene Schuld. Ich hätte gestern Abend nicht gelangweilt bei meinem Chauffeur Marc anklopfen sollen, in der Hoffnung, mit ihm die ein oder andere Zigarette zu rauchen und die ein oder andere Anekdote über unser gemeinsames Studienobjekt Napoleon auszutauschen.

Marc war nicht da. Vermutlich hatte er sich in seinen Latex-Jumpsuit gezwängt und war ins Berghain gefahren, um sich den Wochenballast und vielleicht sogar einige überflüssige Pfunde vom Leib zu tanzen. Überflüssige Pfunde hat Marc einige, weshalb er in besagtem Kleidungsstück einen besonders einprägsamen Eindruck macht. Stellen sie sich einfach Bud Spencer in einem Latexteil vor.

Marc antwortete also nicht, als ich an die Tür seiner kleinen, über der Garage gelegenen Einliegerwohnung klopfte. Ich überlegte kurz und trat dann ein. Marc hat nichts dagegen, wenn ich während seiner Abwesenheit bei ihm hereinschneie. Er besitzt den einzigen Fernseher im Haus, und mir war – das kommt etwa einmal im Monat vor – nach Fernsehen. Tatsächlich ist der riesige Plasmafernseher Marcs ganzer Stolz. Er dominiert das Wohnzimmer vollkommen – wie die gigantischen Weltkarten, die wir aus den Besprechungsräumen bei James Bond, Doctor Strangelove & Co. kennen und schätzen.

Ein sehr hässlicher Couchtisch und zwei ebenso hässliche, aber bequeme Sessel, einer davon mit Fußstütze, machen, abgesehen von einem flauschigen Kunstfaserflokati, den Marc seinen „Pornoteppich“ nennt, einem Eckregal mit Büchern und einem altmodischen Sekretär das gesamte übrige Mobiliar aus.

Ich fläzte mich in einen der Sessel, griff nach der Fernbedienung auf dem Couchtisch und spielte zunächst eine Runde Zapper. Dabei wähle ich mich der Reihe nach in alle Kanäle ein und verweile nur so lange auf einem Kanal, wie es braucht, um einen oder zwei Sätze des dort Gesprochenen aufzuschnappen. Die reihe ich dann im Kopf aneinander und speichere sie à la Sherlock H. in meinem Mind Palace ab, um sie irgendwann einmal für eine Geschichte oder ein Gedicht (Ich bin ein lausiger Lyriker, aber stets bemüht) zu verwenden.

Aus noch zu beschreibenden Gründen habe ich die Zapper-Snippets von gestern nicht mehr parat. Zur Veranschaulichung deshalb hier das Ergebnis einer früheren Session:

Charlies Hund soll geklammert werden. Dafür muss er Haare lassen. Schöne Maschine. Kann ich die mal Probe fahren? Zuvor hatte er in dem großen Erdbeben, das die Hauptstadt verwüstete, beinahe sein Leben gelassen. I würd mal sagen, wir probiern jetzt des Exoskelett aus. Sie sind Servicetechniker. Haben Sie einen Schlag bekommen? Ich hab immer den falschen Schlüssel. Es sind so viele. Passiert. Sind ja alles nur Menschen. Doch jetzt umkreist die Apollo 11 den Mond. Sie schaffen es nämlich nicht, mit dem Geld der Bürger verantwortungsvoll zu wirtschaften. I think the BRICs is a kind of success story. Klafft da ein Stück weit eine Lücke? Sieht so aus, als sei es ihm gelungen, aus nur sieben Mutterkartoffeln einen Grundstock zu schaffen, um die Irmgard wieder heimisch zu machen. Und durchmassieren, dass er weich wird. Ich will ihn richtig frisch und knackig.

Sagen Sie jetzt nichts. Ich weiß: Das Konzept ist noch nicht ganz ausgereift. Aber ich glaube fest daran, dass ich eines Tages auch hier eine Art Heureka-Moment erleben werde.

Aber kommen wir zurück zu gestern Abend. Nach dem Zappen war mir irgendwie nach Haien. Keine Ahnung warum, aber ich habe eine Schwäche für die schwimmenden Lebendfossilien. Leider scheint ihre Zahl in den Weltmeeren umgekehrt proportional zu ihrer starken Vermehrung in den Großstädten abzunehmen. Während Blauhaie, Makos, Hammerhaie und andere Arten dem Aussterben entgegen schwimmen, gedeihen zum Beispiel in Berlin, London, New York und Paris vor allem Miethaie prächtig – zumindest liest man das immer mal wieder in der Tagespresse.

Ich schaute mir also Jaws (1975) an und war einmal mehr recht angetan vom ersten Megablockbuster der Filmgeschichte. Da ich mich gerade warm geschwommen hatte, legte ich noch nach. Eine zweiteilige, sehr reißerisch aufgemachte Dokumentation widmete sich den Haiangriffen im New Jersey des Jahres 1916, die Peter Benchley in seinem Roman Jahrzehnte später aufgriff.

Demnach kam es im Sommer 1916 an der Küste von New Jersey innerhalb von knapp zwei Wochen zu mehreren bis heute recht mysteriösen Haiattacken. Am 1. Juli wurde der 25-jährige Charles Vansant beim Baden vor Beach Haven angegriffen und starb wenig später an seinen Verletzungen. Fünf Tage später wurde Charles Bruder, ein 27-jähriger Hotelangestellter, ebenfalls beim Schwimmen im Meer von einem Hai angegriffen und tödlich verletzt. Am 12. Juli ereigneten sich schließlich innerhalb weniger Stunden mehrere Angriffe im Matawan Creek, rund 18 Kilometer landeinwärts, wo eigentlich niemand mit einem Hai gerechnet hatte: Der 11-jährige Lester Stillwell wurde getötet, als er im Wasser spielte; bei dem Versuch, seine Leiche zu bergen, wurde auch der 24-jährige Stanley Fisher angegriffen und starb später an seinen Verletzungen. Wenig später wurde der zwölfjährige Joseph Dunn gebissen, überlebte den Angriff jedoch. Insgesamt starben bei den Angriffen vier Menschen, einer überlebte.

Amüsant: Zwei Experten, die immer wieder betonten, dass der Hai oder die Haie von damals sich sehr haiuntypisch verhalten hätten. So hätten sie etwa auch dann nicht von ihren Opfern abgelassen, als ihnen andere Menschen zu Hilfe eilten, um den Räubern ihre Beute wieder zu entreißen. How could they?

Intelligent: Eine Historikerin, die die typisch amerikanische Überreaktion nach den Angriffen am Matawan Creek – Scharen von Anwohnern holten Knarren und Dynamitstangen aus dem Schrank und beschossen bzw. bewarfen alles, was sich im Wasser bewegte – als das Ergebnis eines Schocks und einer damit einhergehenden Kränkung beschrieb: Der Mensch, der sich im Laufe der Zeit den vermeintlich unangefochtenen Platz an der Spitze der Nahrungskette, als Apex Predator, erkämpft hatte, traf plötzlich auf ein Lebewesen, das ihm diesen Platz streitig machte und die Unverschämtheit besaß, ihn als Beute zu betrachten. Man könnte sagen, die Menschen nahmen die Haiangriffe persönlich.

Bemerkenswert: Stanley Fisher. Dieser machte sich kurz nach dem Angriff auf den 11-jährigen Lester Stillwell daran, im trüben Wasser des Matawan Creek nach der Leiche des Jungen zu suchen. Dabei wurde er selbst von dem Hai angegriffen und erlag schließlich seinen schweren Verletzungen.

Warum hat er das getan? Laut Augenzeugen, weil er Lesters Mutter wenigstens den Körper ihres Jungen bringen wollte. Aus Anstand. Und Respekt. War das jetzt mutig? Oder dumm? Oder beides? Und: Würde sich ein Mensch heute noch aus einem solchen Grund in Lebensgefahr begeben?

Ich jedenfalls nicht. Bin seit jeher der AvD (Angsthase vom Dienst). Obwohl: Man weiß natürlich nicht, wie man in einer Ausnahmesituation reagieren würde. Würde man die Mutti zur Abwechslung mal stolz machen oder wie üblich dafür sorgen, dass sie sich vor den Nachbarn blamiert?

Wie gesagt: Man weiß es nicht. Deshalb ist es ratsam, sich gar nicht erst in solche Situationen zu bringen. Dafür gibt es schließlich Profis. Pfui Teufel, bin ich ein rückgratloser Feigling. Aber wenigstens ehrlich.


Kommen wir zum unrühmlichen Teil des Abends. Jenem Moment, als ich auf der Schreibplatte von Marcs Sekretär eine kleine Tüte mit Cannabis entdeckte und mir damit kurz entschlossen einen Joint drehte. Das Gras roch sehr aromatisch und auch der Geschmack war ungewöhnlich intensiv.

Als ich den Joint zu Ende geraucht hatte, wusste ich: Ich hätte das Zeug nicht anrühren dürfen. Während sich auf dem Fernsehbildschirm das Wasser mal wieder rot einfärbte, hatte ich das Gefühl, selbst in eine Tiefe herabzusinken, auf deren Grund mich allerdings keine aufgerissenen Haimäuler erwarteten. Stattdessen standen dort unzählige Menschen und streckten ihre Arme nach mir aus, wie ein aufgepeitschtes Konzertpublikum, das sich einen Stage Dive ihres Idols erhofft.

Die Gesichter mit ihren halb irren, halb gierigen Augen kamen mir alle irgendwie bekannt vor. Ich wusste, dass ich all diesen Personen im Laufe meines Lebens begegnet war; auf der Straße und auf Bahnsteigen, in öffentlichen Verkehrsmitteln, Cafés, Restaurants, Geschäften, Museen und Galerien, auf Partys, Konzerten und Großveranstaltungen, im Kino, Fernsehen oder Internet. All diese Gesichter waren irgendwann, irgendwie, irgendwo in meinem Hirn, meinem Mind Palace, abgespeichert worden. Nun fiel ich ihnen buchstäblich in die Arme.

Der Fall war dabei weniger schlimm als die Vorstellung, nach der Ankunft jedem dieser Menschen die Hand schütteln, Höflichkeitsfloskeln austauschen und womöglich sogar ihre Fragen beantworten zu müssen.

Doch dazu kam es nicht. Die Menschen verschwanden. Ich schwebte nun ganz langsam und sacht, wie eine Feder, einem Steinfußboden entgegen, auf dem ein geöffneter Sarkophag stand, in den ich natürlich geradewegs hineinfiel. Darin lagen bereits drei weitere Personen oder vielmehr Skelette, die mir jedoch bereitwillig Platz machten. Eines der Skelette trug ein rostiges Kettenhemd und eine Art Krone, unter der strohiges rotblondes Haar hervorquoll. Nach einigem Hin und Her entschieden wir uns für die Sandwich-Position, wobei das Kettenhemdskelett darauf bestand, an vorderster Stelle liegen zu dürfen. „Immerhin ist das hier mein Sarkophag!“ erklärte es uns. „Ich erwähne das nur der Vollständigkeit halber. Ich habe nichts dagegen, dass wir ihn teilen, aber die Etikette muss gewahrt bleiben.“

Nachdem wir uns möglichst bequem ineinander verhakelt hatten, wurde der Deckel geschlossen. Warme, muffige Dunkelheit umschloss uns. Ich stand noch einige Minuten poescher Erstickungsangst aus, dann schlief ich endlich ein.


Heute Morgen weckte mich Marc. „Du bist so ein Trottel!“ sagte er nur.

„Was?“ Ich rieb mir die Augen, vollkommen zerstört, aber froh, noch am Leben zu sein.

Marc hielt mir die Tüte mit dem Gras entgegen. „Wie oft habe ich dir gesagt, dass du jegliche narkotische Substanz außer Alkohol nur unter Anleitung und Betreuung deines Drogenbeauftragten nehmen sollst?“

„Schon ziemlich oft“, gab ich kleinlaut zu.

„Und wer ist dein Drogenbeauftragter?“

„Du.“

„Eben.“

„Kannst du mir mal bitte sagen, was das für ein Teufelszeug ist? Ich hatte den schlimmsten Trip meines Lebens.“

Marc grinste. „Kann ich mir vorstellen. Das hat mir mein Kumpel Robert mitgebracht.“

„Robert? Der Garten- und Landschaftsbauer?“

„Genau der. Der sucht ständig Leute, um seine vollen Auftragsbücher abzuarbeiten. Hin und wieder arbeitet er sogar mit Leuten aus einem ganz bestimmten Milieu zusammen.“

„Und wie heißt dieses Milieu, wenn ich fragen darf?“

„Na ja, sie selbst nennen sich wahrscheinlich die einzig wahren Deutschen. Andere nennen sie Reichsbürger.“

„:innen“, ergänzte ich vollkommen idiotisch.

Marc fand das sehr lustig. Er bekam einen Lachanfall. Als er sich wieder beruhigt hatte, fragte ich ihn, was die Reichsbürger mit dem Gras zu tun hätten.

„Die bauen das Zeug an. Das hier ist ganz frisch. Ernte 26 sozusagen. Aber Robert hat mich gewarnt, dass es etwas speziell ist. Deshalb habe ich mich noch nicht ran getraut.“

„Zu Recht“, sagte ich und bat ihn um ein Glas Wasser. Er brachte mir eins.

„Also ein eher schräger Trip?“

„Kann man wohl sagen.“ Ich erzählte ihm von meinen Erlebnissen.

„Klare Sache“, konstatierte er. „Die Menschen waren halt die Menschen, die du in deinem bescheuerten Supergehirn in fünfzig Jahren abgespeichert hast. Irgendwann mussten die sich ja mal bemerkbar machen.“

„Und die Sache mit dem Sarkophag?“

„Ist doch auch klar. Kommst du nicht selbst drauf?“

„Ich komme momentan auf gar nichts.“

Marc machte ein bedeutungsschwangeres Gesicht und sagte: „Stupor mundi.“

„Häh?“

Stupor mundi. Das Staunen der Welt. Friedrich II. Stauferkaiser. Erinnerst du dich?“ Damit spielte Marc auf den Umstand an, dass wir einst, vor vielen Jahren zusammen Geschichte studiert hatten.

„Ja, vage. Mediävistik war nie mein Spezialgebiet.“

„Aber meins. Friedrich liegt im Dom von Palermo. Seit 1251 Als sie 1781 den Sarkophag mal öffneten, um zu schauen, ob er noch drin lag, stellten sie fest, dass er nicht mehr allein war. Irgendwann hatten sich noch zwei andere hineingeschummelt. Wer das war oder vielmehr ist, man hat sie nämlich im Sarkophag gelassen, weiß man bis heute nicht so ganz genau. Es gibt Theorien, dass …“

„Ja ja, geschenkt“, unterbrach ich ihn ungeduldig. „Und du meinst allen Ernstes, dass ich mich in meinem Trip mal eben dazugelegt habe?“

„Warum nicht? Bei Reichsbürgern ist alles möglich. Vielleicht fordern diese Jungs das Deutsche Reich in den Grenzen von 1251 und das hast du in deiner Hypersensibilität eben mitbekommen.“

„Mag sein.“ Ich rieb mir den Kopf. „Hast du eine Zigarette für mich?“

Marc gab mir eine.

„Weißt du was?“

„Was?“

„Wenn ich zwischen Reichsbürgern und Haien wählen müsste, würde ich mich wahrscheinlich für die Haie entscheiden.“

„Endlich wirst du vernünftig“, sagte Marc.

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