Eiter, Empire und Autismus

Dienstag, 9. Juni 2026
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Der Held erwacht um sieben. Er wankt ins Badezimmer, tut, was er tun muss, bereitet sich sein Frühstück. Nimmt das Tablet zur Hand, um die Tagespresse zu studieren. Wirft zuvor noch einen Blick aus dem Fenster. Wolkensuppe und ein bisschen Regen. Der Sommer hat sich einstweilig wieder verabschiedet.

Die Wunde im Nacken schmerzt nicht, aber suppt ein wenig. Die Prophezeiung „Das kann ja Eiter werden“ hat sich bewahrheitet. Seit gestern nimmt der Held ein Antibiotikum. Es rumort in seinem Magen.

Die Stimmung ist gedämpft. Der Held weiß nicht, ob es ihm seelisch gut oder nicht gut geht. Er hat den Kontakt zu seinen Gefühlen schon vor geraumer Zeit abgebrochen. Also erstmal Presseschau.

Ein Artikel von Ulrich M. Schmid über ukrainische Waffenschmieden.

“Der Zusammenbruch der Sowjetunion zerstückelte auch die Rüstungsindustrie. 70 Prozent der Rüstungskapazitäten verblieben nach 1991 in Russland, etwa 20 Prozent entfielen auf die Ukraine.“

Ein gewaltiger Aderlass. Als ob sich Bayern von der BRD lossagte. Wobei die BRD nie Supermacht war. Wie es scheint, kooperierten Russland und die Ukraine militärtechnisch noch lange Zeit, bis zum sog. Euromaidan. Dann schritten die Russen ein. Wollten die verlorene Tochter heim ins Reich holen. Und richteten ein ziemliches Schlamassel an.

Fun Fact 1: Vom legendären Panzer T-34 wurden unvorstellbare 57.000 Stück produziert. Deshalb konnten es sich die Sowjets auch leisten, etliche davon nach dem Krieg auszurangieren und als Dekorationsobjekte für ihre zahlreichen Weltkriegsdenkmäler, auch in der SBZ, zu verwenden. Zwei stehen noch heute im Tiergarten, einer ist auf dem Sowjetsoldatenfriedhof im brandenburgischen Baruth (nicht zu verwechseln mit Beirut) auf einem Sockel geparkt (siehe Foto).

Fun Fact 2:

„Nach der russischen Niederlage im Krimkrieg wurde dem Zaren … im Pariser Friedensvertrag 1856 der Schiffbau am Schwarzen Meer untersagt.“

Merke: Geschichte wiederholt sich nicht, aber Grundmuster sind immer wieder erkennbar. Und Kontinuitäten. Eine davon: Der russische Bär muss gebändigt, eingedämmt, abgeschreckt werden, damit sich die eurasischen Untermenschen nicht in Horden nach Mittel- und Westeuropa ergießen. Ein wirkmächtiges Narrativ, das, von den Nazis überstrapaziert, heute seine Renaissance erlebt.

Damals, Mitte des 19. Jahrhunderts, taten sich Franzosen und Engländer zusammen, um dem Bären eins auf die Nase zu geben, der im Begriff war, sich bis nach Konstantinopel durchzukämpfen. Sie halfen dem kranken Mann am Bosporus, einem alten, ebenfalls aus Eroberungskriegen hervorgegangenen Imperium, gegen das neue, aufsteigende Reich. Dessen Niederlage setzte ein Wechselspiel von Modernisierungen und Repressionen in Gang, die schlussendlich in die Revolution mündeten. Aber für Westeuropa blieb die Devise die gleiche: Bändigt den Bären!

Für die Nachkriegsordnung fasste das der erste NATO-Generalsekretär, Lord Ismay, sehr schön zusammen. Nach dem Zweck der Allianz gefragt, antwortete er: „To keep the Americans in, the Russians out and the Germans down.” Amen.

Ferner hat ein Mann namens Markus Messing ein Buch über ein Denkmal geschrieben, das den Entzifferer der Hieroglyphen Jean-François Champollion darstellt. Es steht im Innenhof des Collège de France und hat wohl in Frankreich einen kleinen Kulturkampf entfacht. Denn Champollion, der schon bald nach seiner linguistischen Großtat viel zu früh verstarb, setzt seinen Fuß triumphierend auf den Kopf einer Statue des Pharaos Ramses II. Das geht postkolonialen Ikonoklast*innen zu weit. Hier wird europäischer Imperialismus und Kolonialismus verherrlicht, sagen sie und fordern deshalb die Demontage des Monuments.

Ein bisschen interessant ist das schon. Frage: Lässt sich unliebsame Geschichte so einfach auslöschen, indem man sie auf ein infantiles Gut gegen Böse reduziert und dann das Böse aus der Erinnerung tilgt? Lässt sich der Teufel tatsächlich vollumfänglich austreiben, oder sucht er sich nicht immer wieder ein neues Betätigungsfeld? Ist Geschichte jemals tot? Wer entscheidet, was in die Kategorien Gut und Böse fällt? Geht es dieser Person nicht auch um das, worum es den vermeintlichen Bösewichten von einst ging, um (Meinung-)Macht und das eigene Ego?

Was den postkolonialen Ikonoklasmus so unerträglich macht, ist sein quasi religiöser oder vielmehr fundamentalistischer Übereifer und moralischer Autoritarismus, sein Missionarismus, der dem der einstigen Kolonialmissionare und Möchtegern-Menschheitszivilisierer gleicht, seine erschreckende historische Unbildung, seine Tendenz zur Vereinfachung und Polarisierung, die der Komplexität historischer und allgemein menschlicher Entwicklung nicht gerecht wird. Man könnte das – bei aller akademischer Lingo der Betreffenden – auch einfach als Dummheit bezeichnen. Was der Held hiermit tut.

In diesem Zusammenhang sei die Diskussion um ein Denkmal für die Verbrechen des deutschen Kolonialismus erwähnt, die gestern in einem Zeitungsartikel ebenfalls kurz dokumentiert wurde. Der Held ist weder dafür, noch dagegen, es ist ihm schlicht und einfach egal. Denn – wie der Autor des Artikels unter Rückgriff auf Musil bemerkt – wer interessiert sich schon für Denkmäler?

Wichtiger wäre es, historisches Wissen und Bewusstsein in der Bevölkerung zu fördern. Dies erweist sich jedoch offenbar als schwierig. In einem Interview im Tagesspiegel erwähnt ein Geschichtslehrer aus Sachsen-Anhalt, dass er aufgrund des Lehrermangels nur alle 14 Tage Geschichtsunterricht geben könne. Und gestern wurde bereits berichtet, dass die Antike, das Mittelalter und die Frühe Neuzeit in Berlin und Brandenburg nach der Reform des Rahmenlehrplans wohl so gut wie gar nicht mehr unterrichtet werden soll. Schade.

Im Übrigen informiert die Presse darüber, dass das von den Regierungen und Rüstungskonzernen der BRD und Frankreichs zeitweise forcierte Projekt eines gemeinsam entwickelten und gebauten Kampfflugzeugsystems namens FCAS (Future Combat Air System) nun leider doch nicht zustande kommt. Der Held bedauert das, ist aber erleichtert, dass bisher nur 465,9 Millionen Euro aus dem Sonderschuldenvermögen für die Bundeswehr in das Projekt geflossen sind. Also Peanuts.

Des Weiteren nimmt der Held mit Betrübnis zur Kenntnis, dass seine kürzlich gestellte Selbstdiagnose Spektralautist von der renommierten Autismusforscherin Uta Frith in Frage gestellt wird.

Nach ihrer Lesart werde Autismus derzeit überdiagnostiziert. Es sei ein Trend geworden, sich als Autist zu bezeichnen oder diagnostizieren zu lassen. Die Zahl der Diagnosen habe sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Pick your own neurodiversity, lautet die Devise. Warum? Weil es die Betroffenen oder Betreffenden zu etwas besonderem macht, als Label dazu geeignet scheint, eine allgemeine Hypersensitivität und social awkwardness zu erklären und daraus einen Sonderstatus bzw. eine Sonderbehandlung für sich abzuleiten. Und nicht zuletzt auch ein manchen Autisten zugeschriebenes „Supergehirn“ für sich zu reklamieren.

Das gibt dem Helden zu denken. Er verfügt zweifellos über ein solches Organ, ist in Gesellschaft manchmal überfordert, fühlt sich erschöpft, wenn er die Interaktionsmuster vermeintlich ‚normaler‘ Menschen kopieren muss, um durch den Alltag zu kommen. Allerdings ist er in der Lage, sich flüssig mit anderen zu unterhalten und kann auch Gefühle und Stimmungen anderer durchaus ‚lesen‘ (wenn auch nicht immer zuverlässig). Damit ist der Held leider kein Autist, so Frith.

Wiederum: schade. Der Held muss sich eine neue Neurodiversitätsstörung suchen. Sicherlich wird in naher Zukunft eine weitere „trenden“, die er sich dann zuschreiben kann. Es bleibt spannend.

So weit die Presseschau.

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