Vom Eise befreit sind Strom und Bäche? Auf unserem Osterspaziergang sieht man weder den einen noch die anderen.
Wir laufen die Mauermeile ab, schauen uns an, wo früher mal der „antifaschistische Schutzwall“ stand. Für die Touristen hat man den einstigen Verlauf mit einem Pflastersteinband (Beginn der Todeszone), drei bis vier Meter hohen Stahlstreben (die Mauer an sich) sowie gelegentlichen, noch höheren Wachturmattrappen markiert. Dazwischen Fotos aus der Zeit, Infotafeln und sogar kleine Audioguide-Stationen, wo man sich auf deutsch oder in English anhören kann, wie furchtbar das alles einmal war.
Ein Foto zeigt eine ältere Dame mit nicht besonders guten Zähnen, die sich eben in den Eingang eines offenbar fertig ausgehobenen Fluchttunnels herabgelassen hat und nun gut gelaunt in die Kamera lacht. Gleich macht sie rüber in den goldenen Westen, zur Begrüßung gibt’s vermutlich das gleichnamige Geld und eine Coca Cola zum anfixen. Man musste schon sehr freiheits- und/oder konsumliebend sein, um sich in solche Gänge Marke Eigenbau hineinzutrauen. Nichts für Klaustrophobe („Frau Phobie, wollen Sie Ihren Sohn wirklich Klaus nennen?“) wie uns.
Vor zwei Jahren krochen wir mit etlichen anderen Touristen in die Große Pyramide in Gizeh. Mit jedem Meter wurde die Stimme der Vernunft („Dieser Gang ist in 4.500 Jahren nicht zusammengebrochen, warum sollte er es ausgerechnet jetzt tun?“) leiser und die der Angst („Tja, warum eigentlich nicht?“) lauter.
Nicht nur deswegen war die Republikfluchtgefahr bei meiner Wenigkeit damals eher gering. Die Mauer interessierte mich einfach nicht. Unser Wochenendgrundstück lag nur ein paar hundert Meter davon entfernt, und trotzdem bin ich nicht ein einziges Mal hingeschlendert, um dort von der großen Freiheit zu träumen. Die Dinge waren so, wie sie waren. Es kam mir nicht in den Sinn daran zu rütteln. Und die Westberliner Hochhausghettos, die wir von unserem Balkon im neunten Stock hinter dem nur wenige Kilometer entfernten weißen Mauerband sehr gut sehen konnten, erschienen mir nicht besonders einladend. Ich konnte sie nicht mit den kunterbunten Werbespots in Verbindung bringen, die ich abends vor dem Schlafengehen im Westfernsehen schaute oder gar mit dem sonnendurchfluteten Kalifornien in den Vorabendserien der Zeit („Ein Colt für alle Fälle“; „Trio mit vier Fäusten“, „Simon und Simon“ etc. pp.).
Irgendwie hatte ich schon damals den richtigen Riecher: Die BRD war (und ist) auf ihre Weise genauso piefig, miefig und spießig wie die DDR.
Beim Spaziergang heute musste ich an meine Großeltern denken. Mein Opa mütterlicherseits war Skeptiker, seine Frau Pragmatikerin und Konformistin. Er hatte mit den Kommunisten nichts am Hut, hatte noch vor dem Mauerfall immer mal wieder mit dem Gedanken gespielt, es seinem jüngeren Bruder gleichzutun und in den Westen zu gehen. Aber seine Frau wollte nicht. Die Eltern waren zu versorgen, und ganz heimlich hatte sie vielleicht doch die Hoffnung, das es irgendwann dann doch auch einmal möglich sein könnte, in die alte Heimat – Schlesien – zurückzukehren, das nur wenige hundert Kilometer von ihrem nunmehrigen Wohnort entfernt, jenseits der „Oder-Neiße-Friedensgrenze“ wartete.
Dazu kam es bekanntlich nicht, stattdessen fiel die Mauer. Oder vielmehr wurde sie vom Kapitalismus in Einzelteile zerhackt, bunt besprüht und an Interessenten in aller Welt als Souvenir verkauft. Wie dem auch sei, mein Opa war sehr gerührt, als die Grenze plötzlich offen war. Er dachte wirklich wie Willy Brand, dass nun zusammenwuchs, was zusammengehörte. Leider lebte er noch lange genug, um mitzuerleben, wie alle seine Kinder ihre Arbeit verloren und von den wirren Anforderungen des nunmehr nach Osten verlängerten BRD-Arbeitsmarktes hin- und hergeworfen wurden.
Meine Oma väterlicherseits war überzeugte Kommunistin, Parteimitglied und gesellschaftlich engagiert. In dieser Familie war der Mann der Konformist. Obwohl meine Oma nach dem Anschluss, Verzeihung, dem Beitritt, noch gut 15 Jahre lebte, fragte ich sie seltsamerweise nie danach, was sie damals empfunden hatte, ob sie enttäuscht war oder ähnliches. Die wichtigsten Fragen fallen einem immer erst zu spät ein.
Hinter dem Mauergedenkdings liegt ein recht großer Friedhof. Den gab es schon im 19. Jahrhundert. Noch heute wird hier immer mal wieder jemand beigesetzt. Man erkennt die neuen Gräber sehr gut an ihrer Geschmacklosigkeit. Es gibt Grabmonumente in Herzform, in Kreuzform mit Regenbogenfarben, in Eiform (passend zum Osterfest) und allerlei mehr Schnickschnack. Dazu jede Menge mehr oder minder verblichene Fotos der Verblichenen und/oder Hinterbliebenen, handgeschriebene Botschaften („Wir sind jeden Tag bei dir, mein Junge“ oder „Ich hab dich lieb, Oma.“), Kuscheltiere, Amulette, Spielzeugautos, bemalte Steine und vieles mehr.
Die Gräber – es sind fast immer Urnengräber, denn Erdbestattungen sind teurer und gerade nicht en vogue – sehen ein wenig aus wie Erweiterungen der Kinderzimmer in den Wohnungen der Trauernden. Die ehrwürdigen Grabmahle der älteren Generationen, meist mit soliden aber schlichten Grabsteinen aus rotem, grauen oder schwedischem Granit, nehmen sich daneben sehr schmucklos, ehrwürdig und, man muss es so sagen, erwachsen aus. Sicherlich nahmen sich ihre Insassen seiner- und ihrerzeit mindestens ebenso wichtig, aber leider mussten sie noch auf jenen Zuckerguss verzichten, der die Eierschecke unserer Zeit so interessant und vielfältig macht: eine ganz ureigene Identität, die man bei jeder Gelegenheit auf vielfältigste Weise zum Ausdruck bringen will und muss. Dafür hatten sie vielleicht Charakter, vielleicht aber auch nicht. Sie waren vermutlich einfach nur konformistisch. Wie meine Mutteroma und mein Vateropa.

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