Zunächst einmal bitte ich um Entschuldigung. Die Headline war die Idee meines Freundes Wjatscheslaw M. Steiner. Ich habe sie ihm zugestanden, denn ich mache gern anderen eine Freude und bin – konträr zu dem auf dieser Plattform hin und wieder vermittelten Eindruck – auch nicht gänzlich humorlos.
Zur Sache:
„Vaterland“, ein Film des polnischen Regisseurs Paweł Pawlikowski, schickt Sandra Hüller als Erika und Hans Zischler als Thomas Mann auf eine Reise durch das noch immer arg lädierte Nachkriegsdeutschland.
Zur zeitlichen Einordnung: Einige Monate zuvor, im Mai 1949, wurde die BRD gegründet, einige Monate danach wird die SBZ zur DDR.
Der Grund der Reise: Thomas Mann soll in Frankfurt am Main und in Weimar je einen Goethe-Preis entgegennehmen. Beide Systeme versuchen den Nobelpreisträger für sich zu vereinnahmen, beide lässt er gewohnt wortgewaltig abblitzen. Seine Statements zur Frage „Kapitalismus oder Sozialismus, hopp oder tropp, hüh oder hott, entscheiden Sie sich bitte!“ sind für mich die eigentlichen Höhepunkte des Films.
Nachdem er sich bereits 1930 öffentlich gegen den Faschismus positioniert hatte, verweigert er sich nun der politischen Verabsolutierung. Er findet zurück zu der einzig angemessenen Position des Künstlers: am Spielfeldrand stehend, beobachtend, analysierend, beschreibend, den fein justierten Wahrnehmungsapparat nicht auf den Spielverlauf und das Ergebnis, sondern darauf richtend, wie sich die einzelnen Spieler unter den gegebenen Umständen verhalten, wie sie leiden, triumphieren oder – wie wir Durchschnittsmenschen auf den Rängen – „stets bemüht“ sind, sich mehr oder weniger stilvoll über die Spielzeit zu retten.
Thomas Mann war ein Meister der distanzierten und zugleich pedantisch genauen Spielerbeobachtung. Arthur Holitscher kolportierte die Anekdote, dass er nach einem harmonischen und in den engen Grenzen Mannscher Emotionalität freundschaftlichen Gespräch das Haus des Schriftstellers verließ und, als er sich auf der Straße noch einmal umdrehte, Thomas Mann am Fenster erblickte, der ihn mit einem Opernglas beobachtete.
Der kühl taxierende Künstler bringt dabei vor allem eines klar zutage: die in kein System pressbare Vielgestaltigkeit und in letzter Konsequenz tiefe Tragik der menschlichen Existenz, die sich natürlich bei entsprechendem Talent und künstlerischer Neigung auch in mehr oder weniger verhaltene Komik verwandeln lässt, wie Mann es in seiner subtilen Erzählironie so meisterhaft demonstrierte.
Nichts ist subversiver als dieses, der Kunst innewohnende Bewusstsein für Tragik und Komik. Deshalb stellt sie sich im besten Fall gegen alle politischen und sonstigen Absolutismen und Pauschalismen. Es heißt, mit Künstlern sei kein Staat zu machen und das ist, mit Verlaub gesagt, auch gut so.
Jeder Künstler, der sich bedingungslos in den Dienst eines Staates, eines Systems oder einer „Sache“ stellt, macht sich auf lange Sicht nicht nur unmöglich, sondern auch lächerlich, selbst oder gerade wenn es in bester Absicht geschieht. Auch Mann war davor nicht gefeit, wie seine Verteidigung des preußischen Obrigkeitsstaates in den Betrachtungen eines Unpolitischen (1918) zeigt.
Kommen wir zurück zum Film. Der ist erfrischend altmodisch. Er erzählt ruhig und unaufgeregt die Geschichte einer Reise, äußerlich wie innerlich. Dabei kommt er meist beobachtend und dokumentarisch daher, obwohl er sich einige plakativere Momente nicht ganz verkneifen kann.
Die Entscheidung für Schwarzweiß und 4:3 kann man begrüßen oder nicht. Ob arthousige Prätention, Symbol für das darbende Deutschland oder Statement wider den KI-zeitgeistigen Nachkolorierungswahn: Es funktioniert.
Auch die Statistenauswahl und Sets (zumeist im polnischen Schlesien) lassen wenig zu wünschen übrig. Nur in Diktion und Habitus der Schauspieler zeigt sich der große zeitliche Abstand. Sandra Hüller, Devid Striesow, August Diehl und andere zeigen, was sie können, bleiben am Ende aber doch Kinder unserer Zeit. Die Ausnahme ist vielleicht Hans Zischler als Thomas Mann.
Mein Freund Wjatscheslaw monierte nach dem gestrigen Kinobesuch die Freiheiten, die man sich im Hinblick auf die historischen Fakten genommen hätte. Er kann halt nicht aus seiner Historikerhaut. Für mich ist es weit wichtiger, ob die Geschichte funktioniert. Und das tut sie.
Auf die Einzelheiten des Plots und seine historischen Freiheiten möchte ich hier nicht näher eingehen. Warum sollten Sie sonst noch ins Kino gehen?
Nur so viel: Dass ein polnischer Regisseur heute einen so nüchternen, von Pauschalisierungen weitgehend freien Film über das Deutschland der Nachkriegszeit machen kann, in dem sogar die Sowjets nicht vorbehaltlos verteufelt werden, war für mich ein unerwarteter und deshalb umso kostbarerer Trostmoment in einer Zeit der Hysterie, des Lärms und zunehmend beschnittener Denkräume.

Peter Miese, 1974 in Freiburg im Breisgau geboren. Studium in Tübingen, 2006 Promotion mit einer Dissertation zum Thema Vom Erkenntnisgrund zum Motivationsgrund. Zur Einheit der Subjekt-Objekt-Relation in der Philosophie Arthur Schopenhauers. Seit 2007 als Schriftsteller tätig. Seine Arbeiten erscheinen im Privatdruck in limitierter Auflage (Edition Emporion). Er lebt in Berlin und verdient sein Brot als Buchhalter bei der H. G. Bender Sanitär- und Gebäudetechnik GmbH.

Hinterlasse einen Kommentar