Podcast Episode: Sommer, Politik und Odyssee

Kaum zu glauben, aber leider wahr: Jetzt gibt es die Steiner-Episoden der letzten Wochen auch nochmal als handlichen Podcast-Teaser. Für Menschen, die wenig Zeit zum Lesen haben, aber dennoch wissen wollen, was in Wjatscheslaws Welt so passiert ist. Leider haben sich einige Fehlerchen eingeschlichen, die sich nachträglich nicht mehr ausmerzen (sorry) lassen. Trotzdem kann sich das Ergebnis durchaus hören lassen. In diesem Sinne: Enjoy.

Transcript (Fehler korrigiert)

Pip: Steiner’s Digest — wo der Sommer nicht einfach vergeht, sondern von wmsteiner in Prosa einbalsamiert wird, komplett mit Chauffeur, Haushälterin und einer gesunden Skepsis gegenüber dem Weltuntergang.

Mara: Heute geht es um Sommerresidenz und Urlaubszeit, um Politik und Apokalypse, um Odysseus und die Antike — und um Freundschaften, Briefe und Begegnungen, die mehr verraten als jeder Jahresbericht. Fangen wir mit dem Sommer an.

Urlaub, Personal und das süße Nichtstun

Pip: Der Sommer bei Steiner ist kein Urlaub im üblichen Sinne — eher ein Experiment, wie lange man ohne Chauffeur, Haushälterin und Therapeutin auskommt, bevor die Zivilisation zusammenbricht.

Mara: In „Grüße aus Martinique“ bringt das die Lage auf den Punkt: „Gestern musste ich mich nach zwei Wochen sogar dazu herablassen, mir selbst ein Päckchen Zigaretten zu kaufen. Für gewöhnlich schnorre ich bei meinem Chauffeur Marc.“

Pip: Die eigentliche Tragödie ist nicht die Zigarette — es ist das Fehlen der Konversation. Marc und Steiner teilen eine Napoleon-Faszination, und Marc befindet sich derweil auf Martinique, wo die Statue der Kaiserin Josephine erst enthauptet und dann ganz beseitigt wurde.

Mara: In „Mehr vom Leben“ wiederum ist die Sommerresidenz im Schwöblinger Land der Schauplatz: nächtliche Balgereien von Zobel Ruslan und Hermelin Ludmila, ein Bad in der geheimen Blauen Lagune, und ein AfD-Plakat mit dem Slogan „Mehr vom Leben. Nein zur Rente mit siebzig!“ — was den erklärten Rentier zu vollster Zustimmung bewegt.

Pip: Philosophisch wird es in „Von der Substanz“, wo der Erdüberlastungstag Anlass gibt für eine persönliche Finanztheorie.

Mara: Wörtlich heißt es dort: „Von der Substanz zu leben, stählt den Charakter. Das hat einmal ein sehr kluger Mann — nämlich meine Wenigkeit — gesagt. Wenn alle ist, ist alle, und dann — beginnt das wahre Abenteuer.“

Pip: Was bedeutet: Das Portfolio schrumpft, der Charakter wächst, und die Rechnung kommt irgendwann. Aber bis dahin: Bentley, Rücksitz, Zigarette.

Mara: „Vierzigprozentiger Oblomow“ führt zurück in die Sommerresidenz, wo Hausmeister Wassili dem Erzähler attestiert, er entspreche zu vierzig Prozent Oblomow — wegen „ausgeprägter Indifferenz gegenüber den Dringlichkeiten des Lebens“ — und zu fünfzehn Prozent Fürst Bolkonski. Wassilis Fazit: „Wenn unsere Welt eines braucht, dann überflüssige, aber wache Menschen.“

Pip: Und in „Endlich Sorgenfrei“ ist die Anreise selbst bereits ein Abenteuer — Maserati Baujahr 1967, Betonplattenbahn, Umleitung durch Dörfer namens Treppenwitz und Pfifferlingen.

Mara: Den Abschluss setzt „Die Welt ist wieder in Ordnung“: Marc kehrt aus Martinique zurück, kündigt seinen baldigen Wegzug an, und Haushälterin Rosanna schimpft Steiner ein „richtiges Ferkel“ — und kocht ihm zur Begrüßung Tortelli Maremmani. Auch „Ein Mann von milder Observanz“ und „Zu heiß für Heldentaten“ gehören in diese Sommerzeit: Fontanes Dubslav von Stechlin als Bruder im Geiste, Ella Fitzgerald, Bundeswehr-Kampftaucher in der Blauen Lagune und Goethes Wanderers Nachtlied am Abend ohne Wind.

Pip: Von der Lagune zum Weltgeschehen ist es ein kurzer Weg — wenn auch kein angenehmer.

Politik, Apokalypse und das Wurschtelweiter

Pip: Freund Peter Miese sieht den Weltuntergang kommen — konkret in Form einer Landtagswahl in Sachsen-Anhalt — und ruft in höchster Aufregung an.

Mara: In „In Sachen Weltuntergang“ lautet Peters Forderung: „Du musst endlich Haltung gegen die Rechte zeigen.“ Die Antwort fällt entsprechend aus: „Warum? Als bekennender Rechtshänder benutze ich sie jeden Tag und fühle mich ausgesprochen wohl dabei.“

Pip: Woraufhin Peter „Idiot!“ sagt und auflegt. Als politische Analyse ist das kompakt.

Mara: Der Nachfolgebeitrag „In Sachen Weltuntergang II“ zeigt Peter auf seiner Datsche, umgeben von Konserven, Propangasflaschen und Schlafsäcken — er ist unter die Prepper gegangen. Die eigentliche Debatte dreht sich dann aber um die Frage, welche zehn Bücher man auf die Arche Noah mitnehmen würde. Und „No politics please!“ zitiert den Benimmklassiker von Cecil B. Hartley aus dem Jahr 1875, der empfiehlt, Politik in Gesellschaft grundsätzlich zu meiden. „Steiner for Prätendent“ schließlich meldet Steiner als Kandidaten für ein Amt an — das des Bundesprätendenten — nachdem sein Kryonikunternehmen in Arizona Insolvenz angemeldet hat.

Pip: Von der Apokalypse zur Antike ist es, historisch gesehen, eigentlich nur ein Schritt zurück.

Odysseus, Kassandra und die vergessenen Stimmen

Pip: Ein Gastbeitrag stellt die Frage, die Homer nie gestellt hat: Wie kommen die Frauen der Odyssee eigentlich weg?

Mara: Marta Steinfeld argumentiert in „Warum Frauen die Odyssee nicht lesen sollten“, dass Penelope und Helena zwei Grundtypen verkörpern: „Die Heilige (Hausfrau und Mutter) und die Hure (Ehebrecherin und Verführerin).“ Aus dem Beitrag stammt auch das Zitat über Palamedes, der den kleinen Telemachos in die Furche legt, um Odysseus‘ vorgetäuschten Wahnsinn zu entlarven — eine Episode, die zeigt, dass Odysseus‘ Gewitztheit ihn letztlich in den Krieg zwingt.

Mara: Die einzige Figur, die aus diesem Schema ausbricht, ist Kassandra: Sie weiß alles, prophezeit alles — und niemand glaubt ihr. Steinfeld schließt mit einer abgewandelten Ebner-Eschenbach: „Die Klügere gibt nach. Das erklärt die Weltherrschaft der Männlichkeit.“

Pip: „Odysseus-Gedächtnistag“ ergänzt das mit einem persönlichen Archivfund: einer Kurzgeschichte über Charon, den Fährmann, die der Autor in seinen frühen Zwanzigern schrieb — ein Zeugnis, wie er es nennt, einer „Entzauberung“.

Mara: Und das Fazit dieser Steinerschen Odyssee durch die Jahrzehnte: Entzauberung bedeutet nicht automatisch Erkenntnis. Heute versucht er, sich dem staunenden Kind wieder anzunähern, das er vor dieser Safari war.

Freunde, Briefe und die Kunst des Überflüssigseins

Pip: Der neunzigjährige Guntram B. Bartkowiak sitzt im Geriatric Gentlemen’s Club, liest Zeitung und wartet auf nichts. Und genau das ist der Punkt.

Mara: In „Zu Besuch bei Herrn Bartkowiak“ sagt er: „Vielleicht ist das eine der unangenehmsten Erfahrungen, die man im Leben machen kann. Festzustellen, dass die Welt einen ziemlich gut entbehren kann.“ Und dann: „Wenn die Welt Sie nicht mehr braucht, können Sie endlich anfangen, etwas zu tun, was Sie selbst brauchen.“

Pip: Was Steiner selbst braucht, muss er allerdings selbst herausfinden. Bartkowiak liefert keine Antworten — nur die richtige Frage.

Mara: „Das Afrika-Zimmer“ führt in eine andere Art von Begegnung: ein Werbefotoshooting mit dem zwölfjährigen Medienprofi Karl Konstantin, ein somalischer Fahrer, der vor schlechtem Fernsehprogramm floh, und schließlich ein Besuch im Dachzimmer voller Jagdtrophäen — mit Motten. Phil Bottomley Phelps meldet sich in „A letter from Phil“ aus Kent: er braucht Geld, sitzt auf dem nackten Boden, und arbeitet an einem Stück über zwei Trans-Personen im antiken Rom. Natürlich bekommt er das Geld. „Lebenszeichen von Peter“ liefert den Kontrapunkt: Peter schreibt einen Brief über ein Betriebsvergnügen — Minigolf, Pommes, Bier — der klingt wie ein Abgesang, während die Kollegin dasselbe Ereignis mit Herzchen-Emojis auf Social Media feiert.

Pip: Und „Taedium Tropicum“ plant eine Kongo-Reise mit Sören, die vermutlich nie stattfinden wird — was vielleicht das Klügste ist.


Pip: Überflüssig, aber wach — das scheint das steinersche Leitmotiv zu sein, von Bartkowiak bis Wassili bis Kassandra.

Mara: Und vielleicht auch das ehrlichste Programm für den nächsten Sommer. Bis zum nächsten Mal.

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