Eine ziemlich ausführliche Presseschau

„Throw up into your typewriter every morning. Clean up every noon.“ Raymond Chandler

„Dear Jack, don’t buy a single more vote than necessary. I’ll be damned if I am going to pay for a landslide.“ Joe Kennedy, tycoon father of JFK

Meine Damen und Herren*: Die Presseschau

Weil ich am Sonntag einem Black-Friday-Deal der Times  (12 Monate für 1 Pfund/Monat, almost too good to be true) aufgesessen bin, muss ich vorübergehend zwei Zeitungen (Times & NZZ) durchackern. Aber ich tue es gern, weil ich mich damit von der heiligen Pflicht ablenken kann, an einem ernsthaften Text zu arbeiten.

Im Vergleich zur Times erscheint mir die NZZ, der ich aufgrund ihres in der BRD leicht subversiven Images lange die Treue gehalten habe, ein wenig dröge. Ein langer Artikel über die Wallenberg-Dynastie, die reichste Familie Schwedens. Saab und Ericsson gehören zum Imperium. Ich erinnere mich nur an die Raoul-Wallenberg-Straße, die ich auf dem Weg zu unserer Sommerresidenz des Öfteren überqueren durfte. Raoul Wallenberg, schwedischer Diplomat, Judenretter, kennt eigentlich fast jeder. Ist wohl auch das berühmteste Mitglied der Sippe, die seit eh und je, wie viele Superreiche, um Diskretion bemüht ist. Und das Riesenvermögen schon vor Zeiten in Stiftungen transferiert hat, um es vor dem bösen Fiskus und der eigenen Fruchtbarkeit (Vorsicht: Erbteilung!) zu schützen. Trotzdem kontrollieren sie über „Vorzugsaktien“ noch immer die Geschicke der betreffenden Unternehmen. Häh? What the fuck sind Vorzugsaktien? Die Tricks und Strategien der Wirtschaftseliten werde ich wohl nie verstehen. Was vielleicht auch daran liegt, dass diese (bzw. ihre Anwälte und Steuerberater) eben sehr darum bemüht sind, dass sie niemand versteht. Eine Frage, die ich mir bei der Lektüre stelle: Waren die Wallenbergs die Vorbilder für die schwerreiche Familie im Thriller „The Girl with the Dragon Tattoo“? Wenn ja: Bei so viel Geheimniskrämerei dürfen sie sich über die (hoffentlich) sehr freie literarische und filmische Verarbeitung nicht beschweren.

Ein ganz anderer Typ Milliardär ist natürlich der ganz und gar nicht öffentlichkeitsscheue Elon Musk. Dem hat ein Gericht einmal mehr einen von den Tesla-Aktionären mehrfach bewilligten Sonderbonus von 56 Milliarden Dollar verboten. Er beschwert sich darüber. Finde ich richtig. Was hat die Justiz sich da einzumischen? Elon hat sicherlich jeden Cent redlich verdient. Jetzt wird nochmals Berufung eingelegt. Good luck, Elon!

Frage zwischendurch: Ist es ein Zufall, dass das englische Wort „diary“ dem Wort „diarrhea“ so ähnlich ist?

Aber zurück zur drögen NZZ, in der Schweiz einst liebevoll „die alte Tante“ genannt. Die bringt außerdem einen Artikel über Jean-Paul Sartres seinerzeitigen Gefängnisbesuch bei Andreas Baader. Nicht sonderlich aufschlussreich, außer der Info, dass Sartre Baader im Nachgang angeblich als „Arschloch“ bezeichnet haben soll. Natürlich ohne Gewehr (sic). Bei mir führt die Lektüre einmal mehr zu der Erkenntnis, dass die RAFler wohl alle ein Riesending zu laufen hatten.

Und dann natürlich der Donbass, das ehemalige industrielle Herz Großrusslands und der Sowjetunion, dessen Geschichte einmal kurz rekapituliert wird. Gleichzeitig wird darauf verwiesen, dass die Region wohl doch nie so recht zur Ukraine gehört hat, zumindest nicht ideell, und dass viele kriegsmüde Ukrainer mittlerweile unter Umständen sogar darauf verzichten würden. Kleine Vorbereitung auf den künftigen, von dem achtzigjährigen US-Sondergesandten in spe Keith Kellogg auszuhandelnden Diktatfrieden des neuen Präsidenten?

Ein Sandwich später mache ich mich an die Times. Ist schon eine andere Nummer. Human Interest meets politics meets celebrity gossip. Und das alles unter der Rubrik „News“. Certainly more entertaining, if a bit confusing at first.

Lese zum ersten Mal, dass die Labour-Regierung die unter Thatcher privatisierten Eisenbahnen wieder verstaatlichen will. South Western Railways macht den Anfang. Damit soll das heruntergewirtschaftete System saniert und der Service verbessert werden. Klingt gut, aber haben die sich das auch genau überlegt? Liest man im Königreich keine deutschen Zeitungen? Immerhin ist der Staatskonzern Deutsche Bahn nicht eben als  Musterknabe der Effizienz bekannt. Nun, da mein Kind des öfteren mit South Western Railways unterwegs ist, werde ich wohl demnächst aus erster Hand hören, wie das Experiment läuft.

Ebenfalls interessant: Griechenland könnte die Elgin Marbles als Dauerleihgabe vom British Museum bekommen. Eine richtige Rückgabe ist weiterhin ausgeschlossen. Naturally.

Inspirierend: Die Königin hat sich gestern nach einer Lungenentzündung aus dem Krankenbett gerafft, um beim Empfang des Emirs von Katar und seiner Gattin dabei sein zu können. Hut ab vor so viel Pflichtbewusstsein. Stiff upper lip and all that, old chap. Dabei sind Lungenentzündungen für ältere Menschen besonders gefährlich. Nebenbei bemerkt: Der Emir von Katar (auch wieder so ein Superreicher) scheint ein Riese zu sein. Er überragt Charles und Camilla auf dem Foto beträchtlich. Dabei trägt er nur flache Sandalen. Auch interessant: Zum Abendessen gab es Hummer, Fasan und eine „Iced Bombe with Organic Samoan Vanilla Ice Cream and Balmoral Plum Sorbet“. Ob die „Bombe“ subtil darauf anspielte, dass Katar lange der wichtigste Unterstützer der Hamas war?

Ein spektakulärer Kriminalfall, der einem Agatha-Christie-Krimi entsprungen sein könnte, fesselt meine Aufmerksamkeit: Der Ehemann einer minor royal erschoss sich im Februar mit einer Schrotflinte. Schuld war angeblich ein Antidepressivum, das ihm gegen Angstzustände verschrieben wurde und gelegentlich, sehr selten, „suicidal tendencies“ befördern könne. Zu diesem Schluss kam jedenfalls nun die Untersuchung. Wieder nebenbei die Info, dass neun Millionen Briten das gleiche Medikament oder ähnliche Präparate (Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer) einnehmen. Ich gehöre nicht dazu, bin aber auch kein Brite.

Gefreut habe ich mich über die Nachricht, dass Ex-Premier Sunak und seine Frau (geschätztes gemeinsames Vermögen: über 500 Millionen Pfund) ein gemeinsames Büro eröffnen wollen. Wofür steht noch nicht ganz fest, aber vermutlich machen sie dann dort „irgendwas mit Bildung“. Eigentlich eine gute Idee. Ich eröffnete auch gern ein Büro, zum Beispiel für abgewandte Zeitkritik oder vielleicht unter dem Signet „Irgendwas ohne Menschen.“ Ich werde darüber nachdenken und bewundere Rishi Sunak schon jetzt dafür, dass er auf die ihm zustehende jährliche Apanage von 115.000 Pfund als PM a.D. verzichtet hat.

Außerdem lese ich, dass die Generation 60+ zwar durchaus noch neue Beziehungen eingeht, aber überwiegend davon absieht, mit dem oder der Neuen zusammenzuziehen. Das nennt sich dann „LAT“ – living apart together. Was einmal mehr zeigt: Was man die Weisheit des Alters nennt, ist wohl eher Vorsicht.

Gut oder weniger gut, je nach Sichtweise, kommt der britische Komiker und Zauberkünstler Tommy Cooper († 15. April 1984) weg. Der steckte Taxifahrern beim Bezahlen gern noch diskret etwas in die Tasche und sagte dabei verschmitzt „Have a drink on me.“ Später stellte der Cabbie dann fest, dass es sich nicht um ein Trinkgeld, sondern um einen Teebeutel handelte.

Dass Geld bei US-Wahlen eine nicht geringe Rolle spielt, ist bekannt. Ein Beispiel ist JFK, dessen Vater ihn großzügig, aber nicht zu großzügig (siehe obiges Zitat) unterstützte. Wie Daniel Finkelstein bemerkt, haben heute Targeted-Ad-Campaigns im Asozialen Web  die einst so potenten TV-Spots ersetzt, mit denen man in den Staaten früher viel, wenn auch nicht notwendigerweise alles bewegen konnte.

Irgendwie amüsant: Roger Boyes’ Beitrag über die drei Greise des Nahen Ostens – den iranischen Revolutionsführer Kamenei (85), Palästinenserpräsident Abbas (89) und König Salman von Saudi-Arabien (89) – , deren erbittertes Festhalten an der Macht bzw. dem Leben notwendige Reformen verhindere. Moment nochmal, wie alt ist der amtierende US-Präsident? Oder sein Nachfolger?

Der für mich interessanteste Artikel: Auf einer Auktion in New York wird nicht nur Raymond Chandlers Schreibmaschine (eine Olivetti), frühe Fantasy-Stories und weitere Dinge aus dem persönlichen Besitz der Noir-Legende, sondern auch eine Liste versteigert, auf der er irgendwann in den späten 1920ern oder frühen 1930ern festhielt, was er hasste. Die letzten beiden Einträge: „Leute“ und „mich“. Aber die strich er durch und brach das Experiment daraufhin ab.

Was ich hiermit auch mit dieser Presseschau tue.

*Aus aktuellem Anlass verwende ich die seit kurzem vom bundesdeutschen Nachrichtenflaggschiff Tagesschau nicht mehr verwendete Anrede – nicht weil ich gegen die Änderung wäre, sondern einfach so. Alle Diversen, die das lesen, sind ausdrücklich mitgemeint.

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