H. G. Wells gilt neben Jules Verne als Begründer des Science-Fiction-Genres. Diesen Ruf verdankt er vor allem seinen Romanen „Die Zeitmaschine“ (1895) und „Der Krieg der Welten“ (1898), die durch etliche Adaptionen für Film, Funk und Fernsehen ein reges popkulturelles Eigenleben jenseits der literarischen Vorlagen entfalteten.
Den eindrucksvollsten Beleg für die Kraft und Wirkungsmacht der von Wells erdachten Szenarien lieferte Wells‘ Beinahe-Namensvetter Orson Welles, der vor siebzig Jahren den „Krieg der Welten“ als Hörspiel inszenierte und dabei die Handlung kurzerhand aus England in die USA verlegte. Über weite Strecken im Stil einer Life-Nachrichtensendung produziert, löste das Hörspiel am 30. Oktober 1938 angeblich Panik und Schrecken in amerikanischen Haushalten aus, da viele Hörer offenbar tatsächlich an die im Radio dokumentierte Invasion New Jerseys durch kriegerische Mars-Menschen glaubten.
Auch die „Zeitmaschine“ wurde mehrmals verfilmt, zuletzt 2002 mit Guy Pearce in der Rolle des Zeitreisenden. Wie so oft konzentrieren sich die populären Bearbeitungen im Wesentlichen auf die Sci-Fi- und Horrorelemente der Geschichte und unterschlagen dabei die gesellschaftskritischen Aspekte des Romans. So ist die von Wells entworfene Vision einer Zukunft, in der die eine Hälfte der Menschheit der anderen zur Nahrung dient, ein Frontalangriff auf die viktorianische Klassengesellschaft und die ihr innewohnenden Ausbeutungsmechanismen.
Ebenso ist die im „Krieg der Welten“ geschilderte Invasion der Erde durch mit Wunderwaffen ausgerüstete Marsmenschen als Kritik an der Kolonialexpansion der imperialistischen Großmächte am Ende des 19. Jahrhunderts und ihre Rechtfertigung durch den damals weit verbreiteten Sozialdarwinismus interpretiert worden. Auch in diesem Fall zeigt sich, dass das Publikum – zumal auf lange Sicht – immer zuerst an der Geschichte und nur in sehr geringem Maße an der ihr innewohnenden Moral interessiert ist.
So scheint der Kulturpessimismus des späten Wells nur zu berechtigt. Auf der anderen Seite ist es unwahrscheinlich, dass Wells‘ phantastische Romane und Geschichten ihn lange überlebt hätten, wenn die darin verpackte Botschaft die Erfindungsgabe und Erzählkunst des Autors erstickt hätte. Für den Sozialisten, Moralisten und politischen Aktivisten Wells interessieren sich heute nur noch wenige, der Erzähler (oder sein populäres Zerrbild) hingegen fasziniert bis heute.
Ebenso düster und unheimlich wie die erwähnten und andere Erzählungen ist auch Wells‘ Roman „Die Insel des Dr. Moreau“ (1896). Er schildert die Abenteuer des Wissenschaftlers Moreau, den widrige Umstände auf eine entlegene Insel verschlagen. Dort führt er groteske Tierversuche durch, verwandelt Hunde, Affen, Raubkatzen, Stiere, Hyänen und andere Tiere mittels operativer Eingriffe in perverse Mischwesen, die sowohl menschliche als auch tierische Eigenschaften besitzen.
Nach dem Abschluss seiner Experimente und den damit verbundenen physischen Martyrien entlässt Moreau seine Kreaturen in eine trostlose Kolonie inmitten der tropischen Inselwildnis. Dort fristen sie ein Dasein voll seelischer Qualen, die sich aus dem Bewusstsein der eigenen Unzulänglichkeit ergeben. Während sie ihre tierische Unschuld für immer verloren haben, können sie doch nie auf jene vermeintlich höhere Stufe der Existenz gelangen, die dem Menschen vorbehalten ist.
Eine Reihe von Tabus, die ihnen nach ihrer Operation eingeschärft wurden, kontrolliert ihr Verhalten und verhindert, dass sie zur Bedrohung für ihren Schöpfer werden. Doch schon bald nachdem der Erzähler hinter das schreckliche Geheimnis der Insel gekommen ist, verlieren diese Tabus durch eine Unachtsamkeit Moreaus ihre Wirksamkeit, und eine Rebellion der Zwitterwesen nimmt ihren Lauf.
„Die Insel des Dr. Moreau“ ist ein unterhaltsamer Horror- und Abenteuerschinken, der mir ein ums andere Mal eine Gänsehaut auf die Unterarme zauberte. Die Erzählung ist dramatisch, temporeich und spannend.
Dennoch fehlt es dem Roman für meinen Geschmack an Tiefe. Viele interessante Ideen und Motive werden nicht näher ausgeführt. So bleiben Wells‘ Beschreibungen der Tiermenschen vage und unbefriedigend, und auch die Gestalt des Dr. Moreau hätte wohl eine nähere Betrachtung verdient. Dass Wells ein Vielschreiber und demzufolge auch ein Schnellschreiber war, bezeugt die eindrucksvolle Bibliographie, die er hinterlassen hat. Wells‘ Vielseitigkeit und der fieberhafte Drang, sich immer wieder neuen Themen zu widmen, mögen für seine enorme Produktivität verantwortlich gewesen sein.
Auf der anderen Seite bietet gerade der skizzenhafte Charakter des Romans Stoff zum Nachdenken und wirft neue Fragen auf. Was Dr. Moreau betrifft, so finden wir in ihm keineswegs den hinlänglich bekannten Prototyp des „verrückten Wissenschaftlers“. Im Gegenteil, Moreaus Experimente sind Ausdruck und Folge eines aufrichtigen und rationalen wissenschaftlichen Erkenntnisdrangs, der jedoch durch keinerlei ethische Barrieren gebremst wird. An keiner Stelle des Buches wird deutlich, welche Ziele Moreau mit seinen Forschungen verfolgt. Für den außerhalb der menschlichen Gesellschaft stehenden Wissenschaftler ist die Wissenschaft zum Selbstzweck geworden.
So absurd, reißerisch und überspitzt das Buch stellenweise erscheinen mag: „Die Insel des Dr. Moreau“ hat – wie viele andere Schöpfungen des Meisters auch – durchaus prophetische Qualitäten.
Nur dreißig Jahre nach Erscheinen des Buches führten deutsche Ärzte im Namen der Wissenschaft operative Eingriffe nicht bei Tieren, sondern bei KZ-Häftlingen durch, die stellenweise an Wells‘ Horrorszenario erinnern.
Dass diese angeblich in vielen Fällen ohne Narkose durchgeführt wurden, scheint die Wahnvorstellungen zu bestätigen, an denen der Erzähler in Wells‘ Roman nach seiner Flucht von der Insel leidet. Statt seine Rückkehr in die menschliche Gesellschaft zu begrüßen, quält ihn nun der Gedanke, dass auch die Menschen in seiner Umgebung nichts weiter sind als halbtierische Wesen, deren bestialische Eigenschaften von einer dünnen Zivilisationskruste nur notdürftig verdeckt werden und bei jeder Gelegenheit hervorbrechen können.
Ein Roman, der die seelische Zerrissenheit und Qual des Rückkehrers und dessen Interaktion mit seinen Mitmenschen beschreibt, hätte den dunkelsten Visionen Edgar Alan Poes wohl um nichts nachgestanden. Dass es diese Fortsetzung nie gegeben hat, ist sehr einfach zu erklären: Niemand hätte sie lesen wollen.

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