Der Lausitzer Herbert Scurla (1905–1981) war in der DDR ein viel gelesener Sachbuchautor. Er schrieb Biografien über Alexander und Wilhelm von Humboldt, Lessing, Ernst Moritz Arndt, Rahel Levy und die Gebrüder Grimm. Als Herausgeber der Reihe „Entdeckungen auf vier Kontinenten“ nahm er seine notorisch dem Fernweh verfallenen Landsleute mit in die große weite Welt, die sie allerdings nur aus zweiter Hand, mittels Reiseberichten aus dem 18. und 19. Jahrhundert erleben durften.
Ein Band der Reihe, „Kreuzfahrt durch die Südsee“ (1980), fiel mir vor kurzem in die Hände. Zu Wort kommen unter anderem Georg Forster, der auf Cooks zweiter Reise die Pazifische Inselwelt besuchte, und Adelbert von Chamisso, der als Mitglied einer russischen Expedition ebenfalls detaillierte Aufzeichnungen über Länder und Leute hinterließ.
Bei der Gelegenheit recherchierte ich ein wenig über Scurla und fand heraus, dass er im Mai 1933 (am Tag der Arbeit) der NSDAP beitrat und als Parteimitglied eine nicht unbeachtliche Beamtenkarriere im Dritten Reich durchlief. Bis zum Ministerialrat brachte er es allerdings nicht, da er eben nur Mitglied der zweiten Stunde war und der Partei zu Anfang kritisch gegenübergestanden hatte.
Scurla verfasste in der NS-Zeit mehrere ideologisch einschlägige Werke, darunter „Die Grundgedanken des Nationalsozialismus und das Ausland“ und „Die Dritte Front. Geistige Grundlagen des Propagandakrieges der Westmächte“.
Dass er auch in der DDR recht schnell wieder als Autor und Kulturfunktionär Fuß fasste und 1974 sogar den Vaterländischen Verdienstorden erhielt, überraschte mich zunächst. Immerhin bin ich in diesem Staat groß geworden, der sich selbst als durch und durch „antifaschistisch“ bezeichnete und in der Propagandaschlacht gegen die BRD die NS-Vergangenheit westdeutscher Politiker, Publizisten, Juristen und hoher Beamter genüsslich ausschlachtete.
Auch in der DDR wurde also bei der Entnazifizierung die ein oder andere causa in die Rubrik „Schwamm drüber“ verschoben. Trotzdem hat die DDR in dieser Disziplin des Ost-West-Wettbewerbs wahrscheinlich gewonnen. Im 1965 erschienenen „Braunbuch: Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik. Staat, Wirtschaft, Armee, Verwaltung, Justiz, Wissenschaft“ wurde die SS-Ränge und NS-Parteiämter von 1800 Wirtschaftsführern, Politikern und führenden Beamten der Bundesrepublik Deutschland aufgelistet.
Die BRD schoss natürlich zurück. Im „Braunbuch DDR“ (1981) waren jedoch nur 200 Namen aufgeführt. Als 2009 die überarbeitete und erweiterte Auflage erschien, die immerhin 1000 Namen enthielt, war die DDR längst Geschichte.
Trotzdem: Es ist erstaunlich, dass überhaupt so viele Nazis im Osten blieben. Mussten sie nicht damit rechnen, von den „bolschewistischen Untermenschen“ umgebracht oder wenigstens nach Sibirien geschickt zu werden?
Wer noch nach einem Weihnachtsgeschenk sucht: Die Braunbücher sind sicherlich eine spannende und anregende Lektüre.
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