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Keine Sensation – aber interessant
Wie aus Prag berichtet wird, ist das bisher als verschollen geltende Originalmanuskript von Jaroslav Hašeks Roman „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ überraschend gefunden worden. Dass es sich um eine literarische Sensation handelt, darf bezweifelt werden. Das wäre es, wenn es sich um die letzten Kapitel des bisher als Fragment geltenden Buches handelte – was…
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Pereira, sou eu
Ich lese Antonio Tabucchis Roman „Erklärt Pereira“. Es ist die Geschichte eines kleinen, ältlichen, übergewichtigen Feuilletonisten im Portugal der 1930er Jahre, der sich aufgrund der Bekanntschaft mit zwei idealistischen Jugendlichen dazu durchringt, konkret etwas gegen die Salazar-Diktatur zu unternehmen. Pereira, das bin natürlich ich, das sind alle Intellektuellen, die sich aus Bequemlichkeit, Weltfremdheit, Furcht oder…
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Nischenwessis?
Bruce Chatwins letzter Roman trägt den merkwürdigen Titel „Utz“. Gemeint ist Kaspar Baron Utz, ein böhmischer Aristokrat, der im realsozialistischen Prag ein Schattendasein führt. Der letzte Rest seines einst beträchtlichen Vermögens besteht in seiner kostbaren Sammlung von Meißener Porzellan, die er nur deshalb behalten durfte, weil er versprochen hat, sie dem staatlichen Museum zu vermachen.…
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Stream of Consciousness unplugged
Was ich mich frage: Wie hat es Joyce angestellt, sein berühmtes Kapitel über Molly Bloom zu schreiben? Ich weiß, er hat mit Frauen (Mit welchen eigentlich? Auch seiner eigenen? Die hieß Nora, wenn ich mich recht erinnere.) gesprochen, und die haben ihm erzählt, was ihnen abends im Bett manchmal so durch den Kopf geht. Dann…
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Notes on Marlowe
Raymond Chandler’s Philip Marlowe is the quintessential hard-boiled detective. Although Dashiell Hammett’s Continental Op and Sam Spade preceded him, Marlowe’s first appearance in „The Big Sleep“ (1939) set the definitive standards for what his kind was and is supposed to be like: tough, incorruptible, stoically brave, sometimes to the point of self-destruction, deeply disillusioned, yet…
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Trotzdem
Mein Kopfnachbar ist Comedian. Er erklimpert, ersingt und erblödelt sich sein täglich Brot auf den Tingeltangenbühnen der Republik. Zuhause singt er selten. Übt nur manchmal am Piano. Mit Kopfhörern. Doch im Moment singt er lauthals gegen die sich bei vielen langsam anbahnende Neujahrs- und Winterdepression, die Rückkehr zum „Ernst des Lebens“ an. Sein alberner Gesang…
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Kartenhäuser
Das Schreiben löst keine Probleme. Gibt keine Orientierung. Ist bloße Ablenkung, Beschäftigung ohne Therapie, Flucht in eine Scheinwelt – wie alles andere auch. Kartenhäuser aus Worten, ästhetisch und absurd zugleich, errichtet in behutsamer Geduld und kindlicher Konzentration auf das Unwesentliche. In ihrer fragilen Schönheit und lächerlichen Statik können sie dem Schreiber Stolz und anderen Bewunderung abringen,…
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Weihnachten mit Phil (3)
Phil machte keine Anstalten, ein Gespräch zu beginnen. Er lenkte den Land Rover schweigend durch die verwaisten Straßen der Stadt. Ab sieben wurden hier offenbar die Bürgersteige hochgeklappt. Als wir Bolderstone hinter uns gelassen hatten, ging es weiter, auf schmalen, vielfach gewundenen, von hohen Hecken eingefassten Landstraßen durch die sanft gewellte Landschaft der Grafschaft Kent,…
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Weihnachten mit Phil (1)
Vor einigen Tagen bin ich in England eingetroffen. Wie ich nach einer überraschend komplikationslosen Reise per Flugzeug und Zug feststellen konnte, hatte mein Weihnachtsdomizil, eine kleine Wohnung in einem hier nicht näher zu bezeichnenden englischen Badeort, treu und brav auf mich gewartet. Nach einem Großeinkauf setzte ich mich dort bis auf Weiteres fest und verließ…