In letzter Zeit sehe ich überall Gesichter.
In Landkarten. In Wolken. In den Putzresten auf dem Mauerwerk des Innenhofs meines Mietshauses.
Es ist wie früher in meiner Kindheit, als ich an Sommerabenden lange vor Sonnenuntergang ins Bett geschickt wurde und das Tageslicht grässliche Fratzen in den Stoff der grünen Vorhänge meines Zimmers malte.
Doch heute sehe ich keine Monster mehr. Ich sehe alte Männer.
Die Männer tragen Bärte. Manchmal lang und wallend wie beim Weihnachtsmann oder Blakes Urizen, dann wieder sauber barbiert wie bei einem Hipster oder arabischen Migrationshintergründler, bisweilen auch kunstvoll gekräuselt, wie bei einem griechischen Philosophen, Gott oder gealterten Krieger.
Es ist wahrscheinlich das Alter. Oder die Gemütsverfassung. Oder beides. Wie bei dem Bilderrätsel, das von Optimisten als holde Maid und von Pessimisten als alte Frau interpretiert wird.
Aber merkwürdig ist es schon.
Zum Beispiel neulich. Ich döste im Kaminzimmer eines viktorianischen Hauses. Dabei fiel mein Blick auf den Teppichboden zu Füßen eines viktorianischen Lehnsessels. Wieder sah ich ein Gesicht, wieder einen alten Mann mit Bart.
Dann erinnerte ich mich, dass einige Tage zuvor der Nachbar in dem Sessel gesessen, zwei Longdrinks getrunken und mit mir geplaudert hatte. Dabei mussten seine Füße unbewusst das Gesicht auf den Teppichboden gezeichnet haben.
Am merkwürdigsten: Es sah ihm tatsächlich ein wenig ähnlich.

Hinterlasse einen Kommentar