Jeden Morgen nehme ich mir vor, ein besserer Mensch zu werden. Jeden Abend muss ich mir eingestehen, dass ich das Ziel einmal mehr meilenweit verfehlt habe.
Ein Beispiel: Gestern nahm ich mein Mittagessen beim Vietnamesen meines Vertrauens ein. Der Laden brummte und ich ergatterte den letzten Platz in der langen Reihe am Fenster. Ich mag es, dort zu sitzen, denn man kann von da aus sehr gut das Treiben auf der Straße bzw. im Schankgarten beobachten, ohne die Aufmerksamkeit der Beobachteten zu erregen. Ich weiß nicht warum, aber für die meisten Menschen stellt eine Schaufensterscheibe trotz ihrer Transparenz eine gefühlte Sichtbarriere dar. Sie wähnen sich unbeobachtet und gehen ganz ungeniert ihren Tätigkeiten nach.
Wie dem auch sei, ich kam nicht recht dazu, mich voll und ganz auf die Lektüre des Buches der Straße zu konzentrieren. Der Grund waren zwei junge Frauen, die sich neben mir laut unterhielten. Sie waren sehr aufgeregt, beseelt, ganz beieinander, berauschten sich an ihrem Beisammensein. Offenbar hatten sie sich lange nicht gesehen und einander deshalb furchtbar viel zu erzählen.
Die eine erkundigte sich nach dem letzten Urlaub der anderen (Dänemark), nach ihrem Bruder (jüngst in den Hafen der Ehe eingelaufen) und ihrer Großmutter (zunehmend dement). Die andere gab bereitwillig und erschöpfend Auskunft, wobei die Gefährtin ihre Anteilnahme immer wieder mit ermunternden Worten wie „interessant“, „cool“, „lustig“ und „witzig“ zum Ausdruck brachte.
Ich verdrehte innerlich die Augen. Nichts von dem, was die Dame erzählte, konnte auch nur annähernd als interessant, cool, lustig oder witzig bezeichnet werden. In ihrer Banalität erinnerte mich die Konversation an eine Passage aus Arthur Conan Doyles Kurzgeschichte „The Adventure of Charles Augustus Milverton“.
Darin verschafft sich Sherlock Holmes Informationen über das Haus des Erpressers Milverton, indem er in einer seiner berühmten Verkleidungen mit Milvertons Hausmädchen anbandelt und ihr sogar die Ehe verspricht. Der rechtschaffene Dr. Watson ist erwartungsgemäß schockiert, als Holmes ihm davon erzählt:
“You would not call me a marrying man, Watson?”
“No, indeed!”
“You’ll be interested to hear that I am engaged.”
“My dear fellow! I congrat—”
“To Milverton’s housemaid.”
“Good heavens, Holmes!”
“I wanted information, Watson.”
“Surely you have gone too far?”
“It was a most necessary step. I am a plumber with a rising business, Escott by name. I have walked out with her each evening, and I have talked with her. Good heavens, those talks! However, I have got all I wanted. I know Milverton’s house as I know the palm of my hand.”
„Good heavens, those talks!“ musste nun auch ich denken, während ich dem belanglosen Gespräch meiner Nachbarinnen mehr oder weniger unfreiwillig lauschte. Irgendwann brachen die beiden Freundinnen zu weiteren Abenteuern in der Nachbarschaft auf und ich konnte meine Mahlzeit in Ruhe beenden.
Einmal mehr musste ich mir eingestehen, dass meine Ungeduld und Reizbarkeit gegenüber den banalen Aspekten des Lebens meinem Vorsatz, ein besserer Mensch zu werden, grundlegend im Wege steht.
Natürlich wusste ich, dass es in der Konversation nicht um den Inhalt, sondern um das Drumherum gegangen war, um die demonstrative Anteilnahme am Leben der anderen, die Reanimation und erneute Festigung ihrer Bindung, kurzum um das volle und ganze Bei- und Miteinandersein.
Und ich wusste natürlich auch, dass ich als innerlich grummelnder Sitznachbar um vieles lächerlicher als die beiden Freundinnen gewesen war. Mehr noch, ich bin mir sicher, dass ich in meinem Leben unzählige Gespräche mit Freunden geführt habe, die in ihrer Banalität dem soeben belauschten vermutlich in nichts nachstanden.
Und doch war ich zum wiederholten Male in die Falle getappt und der Versuchung erlegen, mich meinen Nächsten überlegen zu fühlen, nur weil ich in diesem Moment keinen sonderlich regen Anteil am Leben nahm, sondern mich auf die Rolle des schweigenden Zuhörers und Beobachters beschränkte.
Ich gelobe Besserung – kann aber nichts versprechen.

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