Ich stehe vor der Erkenntnis, dass die Befreiung von der Anstrengung, mich beständig als ein anderer ausgeben zu müssen, keinesfalls dazu führt, dass ich mich wiederentdecke, zu mir selbst zurückfinde. Nein, ich blicke, im übertragenen Sinne, in einen Spiegel und erkenne mich selbst nicht mehr.
Obwohl: Bin ich mir nicht immer fremd vorgekommen? Hatte ich je eine klare Vorstellung davon, wer ich eigentlich bin? Habe ich je aus einem Gefühl der Selbstsicherheit heraus operiert? Hatte ich nicht stets das Gefühl, mich verstellen, den anderen etwas vorspielen zu müssen, weil sie (und vielleicht auch ich selbst) mit der Wahrheit überfordert gewesen wären?
Und was ist die Wahrheit? Wäre sie, wenn es sie denn gäbe, überhaupt aushaltbar?
Oder käme der ehrliche, direkte, unvermittelte Blick in den Spiegel vielleicht dem Blick in das Antlitz der Medusa gleich? Führte er nicht zur vollständigen Lähmung, zum Ende der Lebensfähigkeit?
Ist es nicht ein Gnadenakt des Lebens, Gottes oder der menschlichen Vergesellschaftungstyrannei, dass wir uns nie so sehen, wie wir wirklich sind, sondern unsere Selbstwahrnehmung immer von unseren Wünschen, Illusionen und Vorstellungen – unseren eigenen und denen anderer – beeinflusst ist?
Ist es nicht gut so, dass wir uns nie ganz nackt sehen können und wollen?
Wie sonst wäre meine derzeitige Überforderung mit allem und jedem zu erklären? Das gegenwärtige Auf-mich-selbst-Zurückgeworfen-sein versetzt mich in Panik, als stünde ich in einem gigantischen Supermarkt und hätte die von anderen geschriebene Einkaufsliste vergessen.
Bin ich überhaupt zu eigenen, autonomen Empfindungen oder gar Handlungen fähig? Schließt nicht mein Bewusstsein des allgegenwärtigen Chaos und mein Widerwillen, daran mitzuwirken und die Dinge noch zusätzlich zu verkomplizieren, solche kategorisch aus?
Ich stehe im nassen Ufersand eines weitläufigen Strandes und fürchte mich davor, weiterzugehen, möchte um keinen Preis Spuren hinterlassen, obwohl ich weiß, dass die Wellen sie ohnehin gleich wieder auslöschen werden.
Die Wahrheit ist, dass ich mit dem überfordert bin, wonach ich mich am meisten sehne: der Freiheit.
(Bild: Caravaggio, Medusa, 1596/7, Galleria degli Uffizi, Florenz)

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