Systemwechselerfahrungsvorsprung

Die jüngsten Parlamentswahlen in der BRD haben die Kluft zwischen Ost und West noch weiter vergrößert.

Nicht nur bundesweit, sondern auch in Berlin.

Der Osten wählt überdurchschnittlich rechts oder links (extrem), der Westen überdurchschnittlich Mitte (derzeit reklamiert vor allem die Union diese Position für sich).

Der Tagesspiegel postuliert anhand des Berliner Beispiels, dass es sich allerdings weniger um eine Ost-West-Kluft als vielmehr um eine Oben-Unten-Kluft handelt.

Soll heißen: Besserbetuchte im Westen vs. Habenichtse im Osten.

Im Großen und Ganzen stimme ich dem zu.

Der Kapitalstock im Osten ist nach 35 Jahren Beitritt noch immer wesentlich geringer als im Westen.

Sprich: Klimapolitik, Rüstungswettlauf mit Russland, corona- und sanktionsbedingte Steigerungen der Lebenshaltungskosten, das alles trifft die Menschen im Osten weitaus härter, weil sie weniger Rücklagen und meistens auch geringere Einkommen haben.

Insofern ist die Angst vor der Zukunft hier viel realer, sprich unmittelbarer als im noch immer recht saturierten Westen.

Dass eine – überwiegend westlich dominierte – Rechtspartei aus dieser Unsicherheit und Angst geschickt Kapital schlägt und Migranten als Sündenböcke aufbaut, ist nicht weiter verwunderlich.

Auch nicht, dass eine Linkspartei mit Milliardärssteuern und weiteren Umverteilungsideen ebenfalls ganz gut fährt.

Wie wenig man sich dieses Umstands, also der Kluft im Sein und Denken im Westen noch immer bewusst zu sein scheint bzw. wie konsequent man die politischen Implikationen ignoriert, zeigt sich darin, dass sich das politische Berlin sofort nach der Wahl wieder mit dem beschäftigt, was es am besten kann und kennt: sich selbst.

Da wird parteipolitisch taktiert, laviert, geblufft und gefeilscht.

Und das Thema, mit dem die AfD ihre Stimmen verdoppeln konnte – die Migration – ist ganz schnell wieder aus der Debatte verschwunden.

Stattdessen träumt die westliche demokratische Mitte von einer Rückkehr in die alte BRD, inklusive Kaltem Krieg (allerdings leider ohne den großen Bruder USA), behauptet, die Bürger müssten einfach nur mehr arbeiten, um tiefgreifende globale wirtschaftliche Umbrüche (KI und Digitalisierung, Energiekrise, globaler Kampf um Rohstoff- und Absatzmärkte) ausreiten zu können und verliert sich darüber hinaus in finanzpolitischen Diskussionen um irgendwelche Schuldenbremsen.

Man nimmt dabei mehr oder weniger in Kauf, dass man den Osten ohnehin schon verloren hat.

Denn bei gerade einmal 13 Millionen Menschen im Beitrittsgebiet (der niedrigsten Bevölkerung seit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg) werden Wahlen nicht dort, sondern noch immer im Westen entschieden.

Aber auch im Westen hat die AfD schon jetzt besonders in „strukturschwachen“ Regionen gut abgeschnitten.

Und es wird weitergehen.

Je mehr Konzerne wegen Gewinneinbrüchen (nicht einmal Verlusten!) ihre Mitarbeiter zu Tausenden entlassen und je teurer die Aufrüstung wird, die wie immer die sozial Schwächsten werden bezahlen müssen, desto mehr Wähler wird die AfD (und vielleicht auch die Linke) auch im Westen gewinnen.

Wie wenig die Menschen im Westen auf den „Strukturwandel“ vorbereitet sind, zeigte sich bei den Protesten gegen den angekündigten Arbeitsplatzabbau bei VW.

Interviewte Arbeitnehmer zeigten sich stark verunsichert und betonten, dass sie immer davon ausgegangen waren, einen sicheren Arbeitsplatz bis an ihr Lebensende zu haben.

Dass diese Zeiten auch im Westen vorbei sind, dass auch dort eine gigantische Deindustrialisierung tiefgreifende soziale Auswirkungen haben wird, scheint den wenigsten bewusst zu sein.

Das ist im Osten anders.

Der hat einen solch umfassenden Wandlungsprozess bereits einmal erlebt.

Und das nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch und gesellschaftlich.

Und natürlich hat dieser dem Westen angelastete Systemschock Spuren hinterlassen (Trauma, Kränkung, Minderwertigkeitsgefühle), die nun an der Wahlurne kompensiert werden.

Man könnte sagen, die Menschen im Osten haben einen „Systemwechselerfahrungsvorsprung“ – ein wunderbares Wort.

Wenigstens in dieser Hinsicht stehen sie immerhin besser da als der Westen.

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