Labeln statt lösen

Im Vereinigten Königreich sind derzeit etwa eine Million junger Menschen weder in Ausbildung noch in Arbeit.

Im Englischen nennt sich das dann „Neet“ (not in education, employment or training).

Wir leben in einer Welt der Labels.

Sobald ein Problem als solches erkannt wurde, wird es mehr oder weniger passend und unterhaltsam (meist medial) gelabelt.

Das gibt uns ein Gefühl der Kontrolle.

Was wiederum problematisch ist.

Denn ist erst einmal ein passendes Label gefunden, neigen wir dazu, das Problem schon als halb gelöst zu betrachten.

Ein Prozess der unbewussten Autosuggestion.

Wenn wir über die Wahlerfolge der Rechten reden und mit cleveren Begriffen wie „populistische Internationale“ um uns werfen oder arbeits- und orientierungslose Jugendliche als „Neets“ bezeichnen, verstricken wir uns in Debatten und Narrative, die uns zwar intellektuell stimulieren, aber vielleicht daran hindern, konkrete Schritte zur Lösung der Probleme zu ergreifen.

Und manchmal wird die Problemlösung delegiert bzw. „outgesourct“ bzw. institutionalisiert.

Beispiel: Die ehedem postulierte „Unterentwicklung“ des globalen Südens, der damals noch Dritte Welt hieß, führte zur Entstehung einer ganzen Industrie, die sich mit der Entwicklung eben jener Länder befasste.

Die Entwicklungshilfeindustrie wurde zu einer Institution, die sich wie viele Institutionen bald mehr mit ihrer eigenen Perpetuierung beschäftigte als mit dem Lösen des Problems, das vielleicht auf diese Weise gar nicht lösbar war, weil es strukturelle Ursachen hatte.

Milliarden, vielleicht Billionen von Dollar Entwicklungshilfe gingen verloren, ohne dass die Bevölkerung der Empfängerländer – abgesehen von ihren oft korrupten Eliten – aus der Armut geriet.

Die Entwicklungshilfeindustrie genügte sich überwiegend selbst und hatte deshalb gar kein Interesse daran, ihre Mission zu beenden, denn dann hätte sie sich ja selbst abschaffen müssen.

Eine verzwickte Sache.

Nun steht die Entwicklungshilfe unter enormem Druck, Donald Trump hat das US Aid-Budget radikal gekürzt, auch in anderen Ländern gibt es immer weniger Geld für entsprechende, bisweilen, vor allem im Bereich der Nothilfe, sicherlich auch nützliche, Projekte.

Und in Großbritannien soll die Aufrüstung unter anderem auf Kosten der Entwicklungshilfe bewerkstelligt werden, deren Budget bis 2027 um 6 Milliarden Pfund gekürzt werden soll.

Ähnliche Entwicklungen stehen sicherlich auch in anderen Ländern des globalen Nordens an, wie z. B. in der BRD, wo die Abschaffung des Entwicklungshilfeministeriums immer wieder diskutiert wird.

Das ist erklärlich, denn die theoretischen Zielgruppe der Entwicklungshilfe (die „Armen“ des globalen Südens) hat in den Geberländern nun mal kein Wahlrecht.

Was allerdings wiederum zu einem anderen Problem führt: Je weniger Hilfen es im Süden gibt, desto stärker werden wohl die Push-Faktoren für die Migration in den Globalen Norden.

Je größer die Armut, desto größer der Anreiz einer der dort meist recht kinderreichen Familien, ihre spärlichen Ressourcen zu poolen, um einem jungen, starken, meist männlichen Familienmitglied die gefahrvolle Reise in den vermeintlich goldenen Westen zu ermöglichen.

Dieser kann dann nach erfolgreicher Ankunft im gelobten Land Geld zurück nach Hause schicken (nachdem er die Schlepper bezahlt hat).

Kann man dieses aus der Not geborene familiäre Geschäftsmodell „Flucht“ nennen?

Die einen sagen ja, die anderen nein.

Aber auch das ist schon wieder ein Label, das uns der Lösung kein Stück näher bringt.

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