Ein 150 Minuten langer filmischer Essay über die Kongo-Krise.
Bange Frage: Wie viele Menschen werden da wohl hingehen?
Antwort: Überraschend viele.
Jedenfalls ist die Hütte voll, als Johan Grimonprez‘ Soundtrack to a Coup d’Etat im Wolf Kino in Berlin Neukölln gezeigt wird. Und das am späten Nachmittag.
Arbeitet denn in der BRD gar niemand mehr?
Anyway, der Film ist es wert. Er versucht sich an einer der verwirrendsten Episoden der Nachkriegsgeschichte, die in der Ermordung des kongolesischen Premiers Patrice Lumumba gipfelte.
Und er verbindet das Ganze, mehr oder weniger überzeugend, mit dem Engagement bzw. der kulturimperialistischen Instrumentalisierung US-amerikanischer Jazz-Ikonen wie Satchmo Armstrong, Nina Simone und anderen.
Der Soundtrack hat es also in sich.
Dass der Kongo mit seinen unermesslichen Rohstoffvorkommen (seinerzeit vor allem Uran) natürlich keinesfalls in die Hände des gegnerischen Blocks fallen sollte, ergab sich aus der Logik des Kalten Krieges.
Dass man dabei sämtliche Register indirekter und direkter Einflussnahme zog, ist auch keine große Überraschung.
Überraschend ist, dass der Film den Eindruck erweckt, Nikita Chruschtschows flammende antikolonialistische und -imperialistische Reden vor der UN-Vollversammlung seien glaubwürdig und uneigennützig gewesen.
Schließlich handelte es sich bei der UdSSR selbst um ein mehr oder weniger koloniales Gebilde. Und Chruschtschow war keineswegs unbeteiligt an den Massakern der 1930er Jahre.
Aber trotzdem, der Geist der Zeit ist sehr gut eingefangen.
Eine postcineastische Lektüre in David Van Reybroucks beeindruckender „Geschichte des Kongo“ macht noch einmal klar, wie verrückt die überstürzte Unabhängigkeit dieses Riesenstaates im Herzen Afrikas eigentlich war.
„1955 träumte noch keine einzige einheimische Organisation von einem unabhängigen Kongo. Fünf Jahre später war die politische Autonomie Realität.“
Dass es schnell, viel zu schnell ging, darüber sind sich so ziemlich alle Beteiligten einig.
Wie Van Reybrouck ausführt, gab es zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit in einem neuen Staat von der Größe Westeuropas gerade einmal 16 Menschen mit Uni-Diplom, keine schwarzen Offiziere in der Armee, keine kongolesischen Ärzte, Ingenieure, Juristen, Agronomen oder Ökonomen.
Der Taumel der über Jahrzehnte gedemütigten Kongolesen, ihre Eile, ihre Leidenschaft für die Unabhängigkeit sind verständlich.
Leider endete der schöne Traum in einer langen Kleptokratie und in jüngster Zeit eskalierenden blutigen Konflikten im Osten des Landes, bei denen es noch immer nur um eines geht:
Rohstoffe.

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